Südsee Müllgestank im Inselparadies
Papeete - Wenn sie doch nicht so weit weg wären, die Trauminseln von Französisch-Polynesien. Tahiti, Bora Bora, Rangiroa - das klingt nach Südsee pur, nach lasziven Tänzen im Baströckchen und weißem Sand unter Palmen. Und genau das erwartet den Reisenden dort auch - aber erst einmal muss die lange Anreise verkraftet werden.
Denn der Trip ins Paradies dauert von Deutschland aus rund 26 Stunden, eigentlich kann man nicht weiter weg in den Urlaub fliegen. Aber das Ziel lohnt sich, man kann Tauchen und Schnorcheln, Wandern und Trekken - oder sich einfach nur sonnen.
Alphonse trägt zwar kein Baströckchen, aber einen muskulösen Oberkörper zur Schau. Der 42-Jährige tritt in Tahiti in Tanzshows auf. Tagsüber chauffiert er Touristen im Jeep über seine Heimatinsel. Dabei füttert er an einem Binnensee einen muränenähnlichen Fisch mit der Hand - "ein Io, der tut nichts".
Beim nächsten Stopp springt er am Wasserfall elegant ins kühlende Nass und demonstriert dann, wie Silberfarn Muster auf seiner dunklen Haut hinterlässt. Was bei ihm wie Spitzenbesatz aussieht, will bei seinen blassen Gästen nicht so recht wirken. Da trösten dann aber große Ingwerblüten, die er mit kräftigen Schlag von der Pflanze trennt.
Übernachtung auf Holzbrettern
Während die weiblichen Gäste langsam Alphonses Südseecharme erliegen - die dunklen Augen, das charmante Lächeln -, fordern die Männer angesichts der bewaldeten Berge und Trampelpfade Action: Trekking auf Tahiti, das wäre es doch. "Es ist auch gerade 'in'", sagt Alphonse. Die Hiker übernachten dann in einfachen Strohhütten auf Stelzen im Schatten von Brotfruchtbäumen.
Nach einem Blick auf die Holzbretter, auf denen der Schlafsack ausgerollt wird, kühlt die Begeisterung zwar ein wenig ab. "Aber es ist super gebucht", beteuert Alphonse. Vergangene Woche erst sei eine Gruppe von 20 Japanern da gewesen. Egal, das Luxusresort am Wassersaum lockt nun doch mehr.
Tahiti ist die zentrale Insel in der Südsee, in der Hauptstadt Papeete landen die Flugzeuge aus aller Welt. Von hier aus gelangen die Urlauber zu anderen Eilanden der Gesellschaftsinseln wie Huahine, Tahaa, Bora Bora, Raiatea oder Moorea. Die vier weiteren Archipele, die zu Französisch-Polynesien gehören, sind die Tuamotus, Marquesas, die Austral- und die Gambierinseln. Die einzelnen Inseln liegen oft mehrere Flugstunden voneinander entfernt - winzige Punkte in einer Wasserwüste, umgeben von Riffen, an denen sich die Wellen brechen.
Die Inseln in der Südsee sehen sehr unterschiedlich aus. Einige ragen hoch aus dem Meer und haben Strände mit schwarzem Vulkansand, die steilen Klippen sind dicht bewachsen. Andere sind flache Eilande, die gerade eben aus dem Meer schauen. Deren Wasser bricht sich in allen Blau- und Grüntönen an weißen Stränden aus Korallensand.
Moorea gehört zu den dunklen Inseln. Hier soll im Jahr 1788 der berühmt-berüchtigte Kapitän William Bligh mit der "HMS Bounty" Anker geworfen haben. Der berühmte Film "Meuterei auf der Bounty" jedoch mit Marlon Brando in der Rolle des aufrührerischen Ersten Offiziers Christian Fletcher ist auf Tahiti gedreht worden.
Moorea ist auch berühmt für seine Königs-Ananas, wie Maupiti für seine Melonen. Die Vanille kommt vor allem aus Tahaa und Raiatea, von Rangiroa der Wein. Auf Tahiti wiederum wird Gemüse angebaut, im Süden, wo der Boden fruchtbarer ist als in den Bergen. Am Sonntag um 4 Uhr morgens wird der Gemüsemarkt in Papeete geöffnet. Um 9 Uhr ist das Geschäft gemacht, und die Stadt wird sonntäglich ruhig.
Früchte und Fische im Überfluss
Letztlich leben die meisten Menschen in Französisch-Polynesien von den Touristen. Rund 265.000 Menschen sind auf den etwa 130 Inseln zu Hause. Die Region wurde im 18. Jahrhundert von den Europäern entdeckt: 1722 landete der Holländer Jacob Roggeveen auf Bora Bora, 1767 ankerte dann der britische Seefahrer Samuel Wallis vor Tahiti. Und 1768 folgte der Seemann und Wissenschaftler Louis Antoines de Bougainville.
Bligh mit der "Bounty" also war eigentlich spät dran. Die ersten christlichen Missionare kamen noch später: 1797 landeten sie auf Tahiti und verboten als erstes die aufreizenden Tänze und die Tattoos. Ihre Arbeit war sehr erfolgreich: 90 Prozent der Polynesier sind heute Christen. Nur Tattoos sind inzwischen wieder angesagt.
Die Inseln erscheinen paradiesisch einfach zu bewohnen, es gibt Früchte und Fische im Überfluss. Aber die Natur ist empfindlich. "Wenn man hier lebt, muss man sich kümmern", sagen Zugezogene und Einheimische. So handelte auch Marlon Brando. Er kaufte sich nach den Dreharbeiten das Atoll von Tetiaroa nahe Tahiti und machte es zu einem Vogelschutzgebiet. Inzwischen hat sein Sohn und Erbe Teihotu das Eiland verkauft. Ein Investor - Tahiti Beachcomber SA - plant dort nun ein Hotel: "The Brando", aufgezogen als großes Ökoprojekt.
Das ist zwar einerseits löblich, andererseits macht es die zwei Seiten der Südsee deutlich: Die Einheimischen schätzen die Natur, aber sie ist gleichzeitig ihre Geldquelle. Und da gerät die Ökologie schon mal aus dem Blick.
Auch auf Bora Bora ist das passiert, vor fast zehn Jahren. Da kamen sie eines Tages nicht mehr: die Mantas. Jeden Tag hatten sie sich bis dahin am Riff mit Fischbröckchen füttern und streicheln lassen. Dann begannen in der Nähe die Bauarbeiten für zwei Luxushotels. Betonpfeiler für die berühmten Überwasser-Bungalows wurden in den Lagunenboden gerammt, und die eleganten Meerestiere verschwanden. Erst im vergangenen Sommer wurden sie an alter Stelle wieder gesichtet. Bora Bora hat inzwischen auch eine große Wasseraufbereitungsanlage - davor war das Dreckwasser ungereinigt ins Meer abgelassen worden.
Cola statt Kokosmilch
Zwar ist jeder Tourist für "Öko" - aber in seinem Hotel mag er dann doch gerne Wegwerfschlappen vorfinden oder abgepackte Seife.
Auch die Ansprüche der Einheimischen wandeln sich: "Keiner will mehr Kokosmilch, alle trinken Cola", bringt Bernard, Touristenführer auf Moorea, die Misere auf einen Nenner. Auf Bora Bora träumt man - trotz des steigenden Umweltbewusstseins - von einem internationalen Flug von Los Angeles oder Sydney direkt nach Bora Bora. Und einen Golfplatz hätten die Insel-Hoteliers eigentlich auch gerne. Bisher gibt es in Französisch-Polynesien nur zwei: auf Moorea und Tahiti.
Aber was soll man bei 35 Grad auf dem Golfplatz? Da ist ein Schnorchelausflug doch sehr viel vernünftiger. Und Schwimmen in der Südsee ist wie Baden im Aquarium: Die Fische sind so zahlreich, dass man fast das Luftholen vergisst. An den Riffen wachsen Korallen und Seeanemonen, und es verstecken sich Hummer.
Einige Inseln lassen ihren Abfall nach Papeete verschiffen, wo er verbrannt werden kann. Obstabfälle, Papier oder Palmenwedel werden auf den Inseln verfeuert. Aber die Versuchung ist groß, ein bisschen Plastikmüll mit in die Flammen zu mogeln. So kann es passieren, dass der Urlauber in einer übelriechenden Rauchwolke sitzt - wie auf Tikehau auf den Tuamotus.
Das 300 Kilometer von Tahiti entfernt liegende Archipel wurde 1521 als erstes Südseeziel von Ferdinand Magellan entdeckt. Heute ist es eigentlich als Tauchparadies mit Schildkröten und Hammerhaien bekannt. Und wenn der Qualm gleich hinter dem Hotel aufsteigt, hilft wirklich nur noch Abtauchen.
Teure Handygespräche, günstige Perlen
Ein solches Erlebnis ist besonders ärgerlich, wenn man die Preise für einen Südseeurlaub kennt. Ein Gartenbungalow in einem Fünf-Sterne-Resort ist zwar "schon" für rund 300 Euro am Tag zu haben, einer der Überwasser-Bungalows dagegen kostet ab 800 Euro, in den eleganteren Resorts auch schnell mehr als 1000 Euro. Ohne Frühstück wohlgemerkt.
Auch ein Schwätzchen mit den Lieben zu Hause sollte gut überlegt sein: Die Telefonkosten sind exorbitant, 40 bis 50 Euro für ein paar Minuten sind schnell ausgegeben. Das Handy der Urlauber funktioniert gleich gar nicht erst, die Netze sind mit denen mitteleuropäischer Mobiltelefone nicht kompatibel.
Wer nach den Telefonaten noch ein wenig Geld übrig hat, dem seien die Südseeperlen empfohlen. Früher kostete ein Strang bester Qualität rund 10.000 Euro. Weil das ein gutes Geschäft war, legten die Perlenfarmen nach. Das führte zu Überproduktion und sinkenden Preisen. Die berühmten schwarzen Südseeperlen kosten derzeit nur noch halb so viel wie vor fünf Jahren. Da lohnt sich der weite Weg in den Südpazifik doch fast schon wieder.