Sumatra Auge in Auge mit den flauschigen Riesen
Bohorok - Äste krachen, Blätter fallen. In den Baumwipfeln bewegen sich rostrote Haarbüschel. Ein Orang-Utan-Weibchen hangelt sich durch den Dschungel, gewaltig, gelenkig und lautstark. Die Affendame kratzt sich mit ihren großen, ledernen Händen am Kopf, holt sich beim Ranger eine Bananenstaude ab und setzt sich im Spagat in einen Baum. Der Anblick ist überwältigend.
"Nach neuesten Schätzungen werden die Orang-Utans auf Sumatra in zehn Jahren ausgestorben sein", sagt Chris Stone, Vizepräsident der Sumateran Orang Utan Society (SOS). Im 946.000 Hektar großen Gunung-Leuser-Nationalpark im Norden Sumatras leben heute etwa 5000 Primaten. Vor drei Jahren waren es noch 15.000. Nur hier und auf Borneo gibt es noch Orang-Utans. Erst vor kurzem wurden sie in die internationale Liste der "critically endangered species" (vom Aussterben bedrohten Arten) aufgenommen.
Im Bohorok-Rehabilitationszentrum für Orang-Utans, mitten im Leuser-Park, kann der Besucher dem flauschigen Riesen direkt in die Augen sehen. Sein Blick ist klug, liebevoll, ein bisschen melancholisch und sehr menschlich. "Ohne Orang-Utans wird die Welt trauriger sein", sagt die Britin Kathryn Monk, die in der Povinzhauptstadt Medan für das Projekt "Leuser Development Program" der Europäischen Union arbeitet.
Der Hauptgrund für die Bedrohung der Menschenaffen ist die unkontrollierte Abholzung der Wälder auf Sumatra. Durch Brandrodung soll dort Platz für Ölpalmen-Plantagen geschaffen werden. Vor allem im Süden sind die Rauchschwaden so gewaltig, dass sie in der Trockenzeit den Himmel verdunkeln. Das Atmen fällt schwer, die Luft ist stickig - wochen-, oft monatelang.
"Die Situation ist weitaus schlimmer, als wir befürchtet hatten. Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, könnte es schon im Jahr 2005 keinen einzigen Wald mehr auf Sumatra geben", meint Kathryn Monk. Dies sei nicht nur eine große Gefahr für die Tiere, sondern auch für den Menschen.
Doch der Verlust des natürlichen Lebensraums ist nicht die einzige Bedrohung für Orang-Utans. Da die Weibchen nur etwa alle acht Jahre Nachwuchs bekommen, ist die Hoffnung auf eine erneute Verbreitung der Primaten äußerst gering. Die Tiere haben auch den Menschen zum Feind: "Obwohl die Haltung des Orangs als Haustier seit 1931 verboten ist, werden allein in Medan derzeit mindestens 50 Affenbabys privat gehalten", sagt Kathryn Monk.
Das Wort Orang-Utan ist malaiischen Ursprungs und bedeutet "Waldmensch". Andere Dschungel-Bewohner wie Gibbons und Makaken verblassen neben den bis zu 1,50 Meter großen Zotteln mit den überlangen Armen. Ihre Lust am Spiel, die Zärtlichkeit, mit der sie ihre Kinder füttern und zum Leben im Urwald erziehen, die geschickten Bewegungen, mit denen sie sich wie Tarzan von Liane zu Liane hangeln: Das alles macht Orang-Utans einzigartig.
Organisationen in der ganzen Welt bemühen sich um die Rettung der Menschenaffen. 1973 richteten zwei Schweizerinnen in Bohorok ein Rehabilitationszentrum für Orang-Utans ein. Die Auswilderungsstation stand zunächst unter der Leitung der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und des World Wildlife Fund (WWF). Ziel war es, Orang-Utans, die jahrelang als Haustiere gehalten worden waren, wieder an das Leben in freier Wildbahn zu gewöhnen.
Heute ist der indonesische Staat für das Zentrum verantwortlich, und die Affen haben sich zu einer Touristenattraktion entwickelt. Beim Trekking im Nationalpark locken die Besucher die Tiere mit Futter an - und verhindern damit, dass sie lernen, sich wieder selbst zu ernähren. "Der Ort Bukit Lawang, der direkt an der Station liegt, gehört zum Standardprogramm jeder Sumatra-Rundreise", erläutert Reiseführer Khairul Sikumbang. Ein Teufelskreis: Ohne das Geld der Touristen kann die Anlage nicht überleben. Als Gegenleistung wollen die zahlenden Besucher die Orang-Utans aber sehen - und stecken sie mit Krankheiten an.
Carola Frentzen, dpa