Surinam: Im Land der Buschmenschen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Surinam Im Land der Buschmenschen

Regenwälder mit Riesenfarnen und Orchideen. In Surinam zeigt sich die Natur von ihrer üppigsten Seite. Hätte der Staat nicht mit ständigen Wirtschaftsproblemen und astronomischen Inflationsraten zu kämpfen, das Land im Nordostzipfel Südamerikas könnte ein Besuchermagnet sein. So aber steckt der Tourismus in den Kinderschuhen - und der Aufbau ist mühsam.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Besucher spüren davon zumindest auf den ersten Blick aber nur wenig. Ihnen fällt zunächst vor allem das friedliche Zusammenleben im Schmelztiegel Surinam auf. Das Land ist durch eine unvergleichliche Bevölkerungsvielfalt geprägt. Neben indianischen Ureinwohnern und europäischen Zuwanderern leben in dem ehemals niederländischen Teil Guyanas unter anderem auch Inder und Chinesen.

Neben der großen Moschee in der Hauptstadt Paramaribo steht eine schlichte Synagoge. Moslems und Juden beten hier seit Jahren friedlich Tür an Tür. Hindutempel und christliche Gotteshäuser sind nur wenige Straßen entfernt. Die von Herrnhutern, einer evangelischen Gemeinschaft mit Wurzeln in Sachsen und Mähren, im Jahre 1778 erbaute Stadtkirche ist aus Holz, ebenso wie zahlreiche Regierungsgebäude.

Nur 440.000 Einwohner

Inderinnen in farbigen Saris und Chinesen mit gelben Basthüten; eine Frau, deren Vorfahren aus Java stammen, schützt ihre helle Haut mit einem Sonnenschirm; eine schwergewichtige Schwarze mit kunstvoll getürmtem Haarteil hält in einer Hand einen Korb mit Zuckerrohr, Mangos und Melonen, an der anderen ihre kleine Tochter - all das ist Alltag in Surinam. Nur 440 000 Einwohner hat das im Süden an Brasilien grenzende Land, ist dabei aber fünf Mal so groß wie die Niederlande.

Einen ihrer Ursprünge hat die multikulturelle Gesellschaft Surinams in der Abschaffung der Sklaverei. Die Farm- und Kolonialherren waren dadurch gezwungen, sich in anderen Teilen der Welt nach billigen Arbeitskräften umzusehen. In der Folge entstand eine kleine Völkerwanderung von Asien nach Surinam.

Reisende brauchen Visum

Doch neben dem friedlichen Miteinander kennzeichnet das Land zunehmend eine bittere Armut und die galoppierende Inflation. Konnte es sich zum Beispiel ein Lehrer vor 15 Jahren noch leisten, seinen Flug zu den Verwandten nach Holland selbst zu zahlen, bekommt er für das gleiche Geld heute höchstens noch eine Flasche Bier. Die Löhne sind niedrig, die Mehrheit der Menschen ist verbittert über Fehden, Korruption und Vetternwirtschaft quer durch alle Parteien. Geschäftsleute, Hoteleigentümer und Ausflugsveranstalter klagen seit Jahren darüber, dass Europäer - auch Deutsche - in der Regel ein Visum zur Einreise brauchen und so der Tourismus gebremst wird.

Buschmenschen sind die Helden der Nation

Die Helden der Nation sind die dunkelhäutigen Buschmenschen, die "Maroons", wegen ihrer Lebensgewohnheiten auch Flussmenschen genannt. Ihre Vorfahren, die Sklaven waren, flohen vor etwa 300 Jahren in die Freiheit in Busch und Dschungel. Santigron, eines der Maroon-Dörfer, liegt nur 60 Kilometer von Paramaribo entfernt.

Die mutigsten der Buschmenschen, der Stamm der Saramacca, lebt bei der Flussinsel Kumalu - von Paramaribo aus mit dem Propellerflugzeug in 90 Minuten zu erreichen. Die Vorfahren der Saramacca hatten als erste den Sklavenhaltern erfolgreich den Kampf angesagt. Gäste des Stammes schlafen in einfachen Hütten. Das Wasser zum Duschen unter Palmen kommt aus dem sauberen Fluss, der zugleich Verkehrsader und wichtigster Lebensmittellieferant ist.

Aus den Hütten plärrt Popmusik

In die Hütten des nahen Dorfes ist die so genannte Zivilisation in Form einiger bunter Hemden und Radios eingekehrt. Es gibt wenige kleine Dieselgeneratoren, aus mancher palmenblatt-gedeckten Hütte plärrt Popmusik. Viele Ältere machen um diesen neumodischen Kram einen Bogen.

Heute empfängt der Grand Chief, ein würdig aussehender älterer Herr mit grauem Haar, Touristen. Er spricht und versteht Englisch so gut wie ein Großteil der sprachversierten Einwohner des Landes. In der Schule lernen sie darüber hinaus auch Niederländisch, in der Familie ihre eigene Sprache Surinamese. Die höflichen Worte mit der kleinen Besuchergruppe aus Kanada, Venezuela und Deutschland werden nicht direkt, sondern über einen Assistenten ausgetauscht. Das erfordern die alten Sitten.

Auch sonst haben sich hier viele Traditionen gehalten, Missionierungsversuche etwa zeigen bis heute nur oberflächliche Erfolge. So geht es im Anschluss an den Kirchenbesuch nach wie vor zum Beispiel zum Riesenbaum, um dort zu den Naturgöttern zu beten.

Bernd Kubisch, gms

Mehr lesen über