Taipeh: Die 40-Sekunden-Metropole - DER SPIEGEL
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Taipeh Die 40-Sekunden-Metropole

Taipeh ist das moderne Herz Taiwans. Hier trifft asiatische Lebenskultur auf westlichen Schick. Die allgegenwärtige Hektik ist jedoch für manchen europäischen Gast gewöhnungsbedürftig - genauso wie die rabiate Kunstfertigkeit traditioneller Masseure.
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Taipeh - In dieser Stadt geht alles schnell. In nur 40 Sekunden rast der Aufzug hinauf zur Aussichtsplattform des höchsten Gebäudes der Welt. Als der Magen schon in die Knie zu rutschen droht, stoppt die Fahrt sanft ab. Knapp 40 Sekunden braucht auch die Köchin, um klebrigen Reis, Gewürze und Gemüsestückchen auf dem Algenpapier zu verteilen und in wenigen Handgriffen eine Sushi-Rolle daraus zu formen. In den gleichen 40 Sekunden murmelt eine junge Frau im Tempel ihr Gebet. Mit drei Räucherstäbchen in der Hand bittet sie um Hilfe bei einem Examen. Und keine 40 Sekunden dauert es, bis die Wartenden in die Metro von Taipeh eingestiegen sind - ordentlich in einer Reihe aufgestellt, betreten sie nacheinander den Zug.

Alltag in Taipeh - auf den Straßen herrscht reges Treiben. Auf dem Wochenmarkt an der Minzu East Road feilschen Kundinnen um Melonen, Drachenfrüchte und faustdicke Karotten. Eine Frau wühlt in einer Kiste mit Krebsen und steckt ein zappelndes Tier in ihre Plastiktüte. Die Schnüre rund um die dünnen Beinchen verhindern, dass es ausbüxen kann. In den Garküchen wenden Verkäufer ihre Fleischspieße oder frittieren süße Teigbällchen. Angeblich reisen Touristen aus Japan und Hongkong extra zum Essen hierher an, so gut ist der Ruf der taiwanesischen Küche. Menschen hasten zur Arbeit oder schlendern durch die glitzernden Einkaufszentren.

Amerikanischer Fast-Food zwischen Garküchen

Wer Asien erleben möchte, ohne sich völlig hilflos zu fühlen, ist in Taipeh richtig. Die 2,7-Millionen-Metropole im Norden der Insel bildet das moderne Herz Taiwans. Hier verbindet sich asiatische Lebenskultur mit westlichen Standards. Auf den Nachtmärkten dröhnen aus den Geschäften US-amerikanische Songs. Wer im Stadtbild breite Strohhüte und hochgeschlossene Kleider erwartet, stößt stattdessen auf Jugendliche in Jeans mit hochhackigen Pumps. In den Kinos laufen US-Blockbuster, Fast-Food-Lokale machen den Garküchen Konkurrenz.

Der starke westliche Einfluss hat historische Gründe, die nach wie vor das politische Leben bestimmen. Denn Taiwan ist zwar ein Teil Chinas, fühlt sich aber dem Westen verbunden. Als die Kommunisten in China Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Macht übernahmen, ging die damalige nationalistische, republikanische Regierung unter Präsident Chiang Kai-shek, begleitet von 1,5 Millionen Zivilisten und Tausenden Soldaten, ins taiwanesische Exil – im Gepäck hatten sie Goldvorräte und viele Kunstschätze des Landes.

Obgleich die Kommunisten auf dem Festland die Volksrepublik proklamierten, sah sich die Regierung in Taiwan als legitimer Vertreter der Republik China. Diese Haltung wahrte sie bis in die neunziger Jahre hinein. Unterstützung bekam Taiwan all die Jahre von den USA. Wann immer es zu Spannungen mit Festlandchina kam, tauchten US-Kriegsschiffe in der Region auf. Großzügige Investitionen und die Goldreserven halfen bei der Entwicklung vom Agrar- zum High-Tech-Land. Heute ist Taiwan der weltweit führende Notebook-Produzent.

Durchs "Tor der Aufrichtigkeit" zum Theater

Die Zukunft Taiwans ist jedoch ungewiss. Das Land verfügt zwar über ein eigenes politisches System und treibt Handel mit der Welt, ist aber nur von wenigen Staaten anerkannt. China betrachtet die Insel als abtrünnige Provinz, während sich die Taiwanesen gern eigenständig geben.

Eine vage Idee von der immensen Bedeutung Chiang Kai-sheks für die Republik vermittelt die nach ihm benannte monumentale Gedächtnishalle im Zentrum der Stadt. Den Eingang bildet das 30 Meter hohe "Tor der großen Mitte und perfekten Aufrichtigkeit" mit seinen fünf Rundbögen.

Es führt auf einen weitläufigen Platz, der von der Nationalen Konzerthalle und dem Nationaltheater flankiert wird. Über die Straße der Huldigung geht es zum eigentlichen Prunkbau aus weißem Marmor mit tiefblauem Dach. Das blaue Dach, die weißen Mauern und die roten Blumen im umliegenden Park bilden die Nationalfarben.

Im Erdgeschoss der Gedächtnishalle sind nur gedämpfte Laute zu hören. Flüsternd streifen Touristen und Schulklassen an den Möbelstücken, Orden und Bildern des 1975 verstorbenen Präsidenten vorbei. Eine Uhr an der Wand zeigt dessen Todeszeit an. Über 89 Stufen - so viele Jahre wurde Chiang Kai-shek alt - geht es ins Obergeschoss zu einer 16 Meter hohen Bronzestatue des Führers. Sie ist flankiert von einer Ehrenwache, die jede Stunde - begleitet von kreisenden Bajonetten und stampfenden Schritten - abgelöst wird.

Nicht minder eindrucksvoll ist das im klassischen chinesischen Palaststil erbaute Nationalpalastmuseum nördlich des Keelung-Flusses. Es gehört neben dem Louvre in Paris und dem Museum of Modern Art in New York zu den wohl bedeutendsten Museen der Welt. Im Jahr 1925 wurde es in der Verbotenen Stadt in Peking gegründet, später ließ die Regierung die Kunstschätze nach Schanghai bringen. Als sie selbst ins Exil nach Taiwan floh, nahm sie die wertvollsten Stücke der Sammlung in 3000 Kisten verpackt mit. Zu sehen ist nur ein kleiner Teil der heute mehr als 650.000 Einzelstücke: Jahrtausende alte Bronzen sind darunter, wertvolle Porzellane und historische Bücher.

Was Besucher vom höchsten Gebäude der Welt aus sehen und welche rabiaten Wellness-Varianten in Taipeh im Angebot sind, lesen Sie im nächsten Teil

Drachen bringen Glück

Das moderne Taiwan symbolisiert kaum etwas eindrucksvoller als der einem Bambus nachempfundene Wolkenkratzer "Taipei 101". Das mit 509 Metern höchste Gebäude der Welt ist schlicht nach der Anzahl seiner Stockwerke benannt. Da in Taiwan nahezu jährlich die Erde bebt und Taifune im Sommer zum Alltag gehören, wurde in die Mitte des Turms eine 660 Tonnen schwere Stahlkugel gehängt. Sie soll die Stürme und Erdstöße ausgleichen. Aus 382 Metern Höhe sehen Besucher knallgelbe Taxis mit der Größe von Spielzeugautos durch die Straßen flitzen. In den unteren Stockwerken befindet sich ein modernes Einkaufszentrum: Französische Mode gibt es hier genauso wie italienischen Schick.

Die Bambusform symbolisiert langes Leben, die an der Fassade als Verzierung angebrachten Münzen und stilisierten Drachenköpfe sollen Glück bringen. Der Drache und der Tiger sind die traditionellen Symboltiere daoistischer Tempel und zieren häufig auch andere Gebäude. Der Daoismus ist neben dem Buddhismus die bedeutendste Glaubensrichtung in Taiwan. Doch in vielen Tempeln verwischen die Grenzen, und so finden sich Elemente beider Religionen.

Eine der am meisten besuchten religiösen Stätten der Stadt ist der Longshan Tempel in Wanhua, einem der ursprünglichen Viertel Taipehs. Die rechte Tür des dreiteiligen Tors ist der Eingang. Hier durchzugehen bringt Glück, heißt es. Die Stufe an der Tür darf aber nicht betreten werden - aus Respekt vor den Göttern. Im Innern des Tempels steigt dichter Rauch von großen Bronzekesseln auf. In ihnen stecken die Räucherstäbchen der Gläubigen, mit deren Hilfe sie Kontakt zu den Göttern aufnehmen. Auf einem Tisch liegen Früchte, Kekse und andere Opfergaben. Eine Frau wirft zwei Holzklötzchen auf den Boden: Das Orakel soll ihr Antwort auf eine wichtige Frage geben.

Wellness auf chinesisch

Der Tempel wurde im Jahr 1738 während der Ching-Dynastie errichtet. Filigrane Holzschnitzereien zieren die Decken und hölzernen Verstrebungen. In der Haupthalle wird die Göttin Guanyin verehrt. Sie allein trotzte im Zweiten Weltkrieg den Bombenangriffen, während die ganze Halle zerstört wurde. Die Götter in den Nebenräumen sollen Alleinstehenden bei der Suche nach einem Partner helfen.

Traditionell geht es auch in der Dihua-Straße zu, einer der ältesten Straßen der Stadt. Dort reihen sich die Geschäfte mit chinesischer Medizin aneinander: Früchte und Kräuter, Pilze und bizarr verformte, getrocknete Fische liegen in großen Körben vor den Läden. Hinter der Theke stehen wohl geordnete Porzellan-Gefäße mit weiteren heilenden Zutaten.

Ob bei Krankheiten zu traditionellen Heilmitteln oder zu steril verpackten Pillen gegriffen wird, ist in Taiwan eine Sache des Glaubens und des Alters. Denn vor allem Ältere schwören auf die überlieferte Medizin. Oder sie gehen zur Fußzonenreflexmassage. Die Prozedur fängt zunächst ganz harmlos an: die Füße werden gewaschen, dann geht es auf den Sessel, und der Masseur legt los. Mit kräftigen Bewegungen bearbeitet er den Fuß - den großen Zeh, um Verspannungen im Nacken zu lösen, den Mittelfuß, um die Lebensfunktionen anzuregen.

Ein leichtes Stöhnen dringt durch den Raum, so fest greift der Masseur auf die Vitalpunkte. Mit den Wohlfühlmassagen im Deutschland hat das wenig gemein: So weit ist der Westen noch nicht vorgedrungen.

Carine Frey, gms

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