Tasmanien: Grüner wird's nicht - DER SPIEGEL
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Tasmanien Grüner wird's nicht

"Your natural state" steht auf den Nummernschildern Tasmaniens, und um die Natur dreht sich hier auf den ersten Blick alles. Australiens größte Insel ist ein Zauberland aus Urwald, Mooren, Schluchten. Und dennoch müssen Umweltschützer auf Tasmanien kämpfen.
Von Susanne Fischer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuerst sieht man die weißen Bäuche. Wie wandelnde Neonröhren tauchen sie aus der Dunkelheit auf, watscheln näher, ruhen kurz aus und tapsen dann weiter über den Strand Richtung Dünen. Dort bricht, unter knorrigen Sträuchern, Unruhe los: Laut fiepend erwarten Hunderte hungrige Pinguinküken die Rückkehr ihrer Eltern. Die haben seit vier Uhr früh Krabben und Fisch in der See gejagt, mit vollem Bauch kehren sie in der Dämmerung zurück, um ihre Jungen mit vorverdautem Fischbrei zu füttern. Mit dem Gestus erschöpfter Schichtarbeiter wandern die Tiere in einer langen Kolonne an Land.

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Tasmanien: Teuflisch grün

Foto: Tourism Australia

Ein Naturspektakel, allabendlich zu bewundern am Strand von Bicheno auf Tasmanien, dem südlichsten Bundesstaat Australiens. Eine Kolonie von Eudyptula minor, Zwergpinguinen, wohnt gleich neben meinem klug in die Landschaft gefügten Hotel; mit Nachtsichtgerät könnte ich die Pinguine glatt vom Bett aus beobachten.

"Your natural state" steht auf den Nummernschildern Tasmaniens, und um die Natur dreht sich hier auf den ersten Blick alles. Dass hinter den Buchstaben das Konterfei des Beutelwolfs hervorlugt, fällt mir erst später auf. Der Beutelwolf, wegen der dunklen Streifen auf seinem Rückenfell auch "Tasmanischer Tiger" genannt, gilt als ausgestorben, seit 1936 das letzte bekannte Exemplar im Zoo von Hobart an Lungenentzündung starb. Einst sollen 4000 der ausdauernden Jäger durch die tasmanischen Grasländer gestreift sein.

Ausgerottet haben ihn Jäger, die die tasmanische Regierung jahrzehntelang mit Prämien zum Abschuss ermunterte. Ein Zeichen später Reue, dass der Tiger heute jedes Auto, auch das heimische "Cascade"-Bier als Logo ziert? Für die Umweltschützer Tasmaniens ist das Schicksal des Beutelwolfs Menetekel und Hoffnung zugleich. Lernt daraus, warnen sie.

Wallaby statt Dinosaurier

Zu Recht. Doch davon ahnt zunächst nichts, wer durch das satte Grün der Insel rollt. Gleich nach der Ankunft auf diesem entlegenen Fleck werde ich ermahnt, im Dunkeln nie schneller als 50 km/h zu fahren: Nachts werden die Straßen zum Zoo, hüpfen und springen von allen Seiten Beuteltiere mit Kuschelfell und Knopfaugen über den Asphalt. Natürlich will ich nicht zum Serienmörder werden und ziehe brav im Schritttempo über die Insel, ohnehin die dem Rausch der Schönheit angemessene Geschwindigkeit. Knorriger Uraltwald, safrangelbes Moos, Riesenfarne.

Oft trifft man stundenlang keinen Menschen. Mehr als die Hälfte der rund 460.000 Einwohner (auf einer Insel kaum kleiner als Irland!) lebt in der Hauptstadt Hobart im Süden und in der zweitgrößten Stadt Launceston im Norden. Dazwischen Natur, Natur, Natur. Eine Landschaft wie aus einer anderen Zeit: Käme gleich ein Dinosaurier um die Ecke, ich wäre nicht überrascht. Stattdessen hüpft ein Wallaby neben meinem Auto her, bevor es im Wald verschwindet, wackelt eine Fuchskusumutter mit ihrem Jungen auf dem Rücken aus dem Gebüsch.

Fremde Wesen in einer fremden Welt. Ich sehe Tiere und Bäume, deren Namen ich nicht kenne, streife über Wiesen, auf denen Affenblumen, Känguruäpfel, Schwarzäugige Susannen blühen. Tasmanien ist weit weg. So weit, dass der Name zum Synonym für Entlegenheit wurde. Weiter weg geht nicht. Seit dem Ende der letzten Eiszeit mit keinem Festland mehr verbunden. Warum hier, fragte sich der Schriftsteller Peter Conrad, in Tasmanien aufgewachsen, als er anhand einer Weltkarte die geographische Lage seiner Heimat begriff. Auch Australier, für uns selbst weit weg, betrachteten Tasmanien bis vor zehn, fünfzehn Jahren noch als "Großcousine". Als entfernte Verwandte, von deren Existenz man weiß, ohne sie je gesehen zu haben.

Lemonthyme Lodge - ein Name wie ein Versprechen

Der erste Europäer, der die Insel sah, hieß Abel Tasman - daher der Name. Ein Kommandeur der holländischen Ostindischen Kompanie. Er landete am 1. Dezember 1642 an der Ostküste, hisste eine Flagge und überließ die Insel samt Tieren und Ureinwohnern wieder sich selbst. Erst 161 Jahre später siedelten auf der Insel die ersten Europäer, mit drastischen Folgen für 5000 bis 10.000 tasmanische Aborigines. Sie wurden binnen drei Jahrzehnten ausgerottet, erst durch Massaker und Kriege, dann, nach Umsiedlung in bewachte Lager, durch Entwurzelung und Krankheit.

Anders als heute kamen im 19. Jahrhundert die meisten Besucher nicht freiwillig nach Tasmanien. Sie wurden vom britischen Königreich als Sträflinge geschickt, waren in den Häftlingskolonien von Port Arthur wie auf Sarah Island Wetter, Hunger, der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Heute werden Ferngereiste auf der Insel deutlich herzlicher empfangen und bewirtet.

Zum Beispiel in der Lemonthyme Lodge. Zitronenthymian - ein Name wie ein Versprechen. Mitten in der Wildnis, wenige Kilometer vom Eingang des Wanderparadieses Cradle Mountain National Park entfernt, liegen 23 Blockhütten de Luxe - mit Whirlpool und Blick tief in den Wald. Kaum habe ich meine Hütte bezogen, höre ich Schritte auf dem Balkon: Zuerst scheu, dann von Neugier und Hunger überwältigt, nähert sich ein "Possum" (ein Fuchskusu) und guckt mit großen, braunen Knopfaugen zur Tür herein.

"Haben Sie reserviert?", fragt mich kurz darauf im fast leeren Hotelrestaurant die Kellnerin. Als fürchteten die Tasmanier, ihnen könne die allgegenwärtige Wildnis über den Kopf wachsen, achten sie streng auf Ordnung. Kilometerweit kann ich am nächsten Tag auf sorgfältig genagelten Wegen aus Holzplanken durch den Nationalpark spazieren, jeder einzelne detailliert beschriftet mit Ziel, Schwierigkeitsgrad und Länge in Kilometern und Stunden. Nach einer Woche in scheinbar endlosen Wäldern, nach Begegnungen mit Pinguinen, Wallabys, Tasmanischen Teufeln, nachdem ich an einsamen Stränden gebadet und "die reinste Luft, die je gemessen wurde" geatmet habe, bin ich vom Beinamen "your natural state" überzeugt.

"Gunns" und "Clearfelling"

Dann treffe ich Bill Harvey. Und das paradiesische Bild bekommt feine Risse. Harvey ist Mitglied der Grünen - in Tasmanien wurde 1972 die erste Umweltschutzpartei der Welt gegründet - und steht jeden Samstag auf dem Markt der Hauptstadt Hobart. Inmitten von Bratwurst- und Kunsthandwerkständen wirbt er für einen Kampf, von dem Urlauber nur wenig mitbekommen. Denn der spielt sich jenseits der Tourismuspfade ab.

Mit zwei Worten beschreibt Harvey das andere Gesicht Tasmaniens: "Gunns" und "Clearfelling". Gunns ist der größte Holzverarbeitungskonzern Tasmaniens und Clearfelling die Methode, mit der er sein wichtigstes Exportgut, Holzspan, gewinnt: Kahlschlag mit anschließender Brandrodung. Zwei Wörter, die ich nur schwer in Einklang bringen kann mit der Schönheit, die mich seit Tagen umgibt. Dennoch gehören sie auch zur Gegenwart Tasmaniens.

Harvey erzählt vom Styx-Tal, 70 Kilometer westlich von Hobart gelegen und Heimat des Königseukalyptus, des größten Laubbaums der Welt. Bis zu 400 Jahre alt und 95 Meter hoch sind die Urwaldriesen im "Tal der Giganten", einem der letzten Orte Australiens, wo es größere Bestände dieser Art gibt. "Noch", sagt Harvey. Denn das Styx-Tal gehört nicht zu jenen 20 Prozent Tasmaniens, die als Welterbe unter Unesco-Schutz stehen, sondern unterliegt der staatlichen Forstbehörde - und die gibt es Stück für Stück zur Abholzung frei.

90 Prozent des rabiat gewonnenen Holzes werden als Holzschnitzel für eine Hand voll Dollar die Tonne an japanische Papierfabriken verkauft. Zum Dumpingpreis setzt Tassie sein grünes Image aufs Spiel. Der Tasmanische Tiger lässt ebenso grüßen wie der Teufel, dessen Bestände in den letzten Jahren durch einen Virus halbiert wurden. Und jetzt drohen eingeschleppte Füchse ihm den Rang an der Spitze der Nahrungskette wegzubeißen.

Es fällt schwer, im sonnendurchfluteten Hobart an finstere Machenschaften zu denken. Dieses Licht am Nachmittag, als bräche es sich anders als im Rest der Welt. Überall klare Farben, alles leuchtet. Viele, die für ein paar Monate kamen, sind geblieben. Auch Bill Harvey, der für ein befristetes Forschungsprojekt aus Melbourne kam, blieb. Und hofft, dass möglichst viele Besucher ihm folgen mögen. "Je mehr Menschen die einmalige Schönheit unserer Natur sehen, umso größer ist die Chance, dass wir sie bewahren können."