Thousand Islands: Wann eine Insel eine Insel ist - DER SPIEGEL
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Thousand Islands: Kanadas Salatsoßeninseln

Foto: TMN

Thousand Islands in Nordamerika Wann eine Insel eine Insel ist

Aus wie vielen Inseln besteht der Archipel Thousand Islands? Wer zwischen den unzähligen Felsflecken unterwegs ist, verliert schon mal den Überblick. Sicher ist: Unter europäischen Touristen ist die Grenzregion zwischen Kanada und den USA noch ein Geheimtipp.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gananoque - Kleine Holzhäuser stehen auf winzigen Inselchen, hinter dem Wasser beginnt am Ufer endloser Wald, vor fast jedem Häuschen steht ein Fahnenmast: Hier sieht es ein bisschen aus wie in Skandinavien. Doch statt blau-gelben wehen hier die kanadischen rot-weißen Flaggen. Willkommen auf den Thousand Islands.

Die gibt es nämlich nicht nur auf dem Salatteller, die Tausend Inseln gibt es wirklich: im Grenzgebiet zwischen Kanada und den USA, im Sankt-Lorenz-Strom. Obwohl die Region nur ein paar Autostunden von Toronto entfernt liegt und die Schönheit ihrer Landschaft ganze Bildbände füllt, ist sie unter europäischen Touristen noch ein Geheimtipp.

Thousand Islands, die Welt der etwa 1860 Inseln, entdeckt man am besten vom Wasser aus. Die Ausflugsdampfer der Gananoque Boat Line schlängeln sich an den Eilanden vorbei und überschreiten dabei ständig die Staatsgrenze. "Kanada hat mehr Inseln, die USA aber die größeren", verkündet der Kapitän über Lautsprecher.

Er erklärt den Ausflüglern an Bord auch erst mal, was überhaupt eine echte Insel ist: "Sie muss das ganze Jahr über Wasser sein. Sie muss mindestens einen Quadratfuß groß sein. Und auf ihr müssen mindestens zwei Bäume stehen." Entsprechend schwankt die Angabe der Zahl der Thousand Islands.

Protzige Bauherren und eine Stadt mit kompliziertem Namen

Die meistfotografierte Insel ist Heart Island, hier steht Boldt Castle. George Boldt, ein ursprünglich auf Rügen geborener Hotelier, der in New York die Häuser Waldorf und Astoria vereinte, hat hier Anfang des vorigen Jahrhunderts ein gewaltiges Schloss bauen lassen, inklusive Grotten und eines Wasserschlösschens, in dem ein Kraftwerk untergebracht ist.

Noch weiter ging Frederick Gilbert Bourne. Der Chef des Singer-Nähmaschinenwerks ließ auf Dark Island in sein Schloss sogar Geheimgänge und Verliese bauen. Singer Castle liegt wie Boldt Castle in den USA. Wer das Ausflugsboot von Kanada aus nimmt, muss an den Reisepass denken.

Die inoffizielle Hauptstadt der Region ist Gananoque. Sie hat gerade einmal 5000 Einwohner, dafür aber einen Namen, der es in sich hat. Denn die korrekte Aussprache - Gännänockkwee - ist nicht ganz einfach. "Es gibt eine Eselsbrücke", sagt Cody Webster, der in dem Städtchen aufwuchs: "The right way, the wrong way, and Gananoque". Was "Stadt der zwei Flüsse" bedeutet, weil hier der Gananoque River in den mächtigen Sankt-Lorenz-Strom mündet.

Der Name kommt aus der Sprache der Indianer, der "First Nations" - und Marilyn Paxton Deline ist eine von ihnen. Sie ist Mohawk und führt einen Laden, der indianisches Handwerk und Kunst verkauft. Knapp 600.000 First Nations leben in Kanada - doch viele verstehen sich nicht als Kanadier. "Ich bin Tochter meines Stammes, ich bin Mohawk!", sagt Marilyn.

Eine Art Cirque du Soleil, nur mit Gewehren

Die größte Stadt der Region mit rund 120.000 Einwohner - darunter viele Studenten, ist Kingston. Der Sänger Bryan Adams kommt von hier, es gibt viele Cafés und Kneipen. Den besten Blick auf die Stadt hat man von Fort Henry. Die Festung ist im besten Zustand, und man erwartet jede Sekunde, dass Soldaten vorbeiparadieren. Und das passiert auch: Fort Henry hat ein einzigartiges Regiment, das nur aus freiwilligen Laien besteht.

"Wir sind eine Art Cirque du Soleil, aber mit Gewehren", sagt "Leftenant" Colonel Mark Bennett. Er ist der Chef der 73-köpfigen Truppe, die zu den besten Exerzierteams der Welt zählt - aber nichts mit dem Militär zu tun hat. Dennoch sitzen Kommandos, Waffen und Uniformen perfekt. Alles ist von Historikern dem Jahr 1867 angepasst.

Aber was ist nun mit der Salatsoße? Das Dressing "Thousand Islands" ist nach der Region benannt - so viel steht fest. Die Fischersfrau Sophia LaLonde soll sie angeblich einst erfunden haben, Hotelier Boldt machte sie dann in New York berühmt. Vielleicht entstand das Dressing aber auch in New York. Es soll May Irwin, die 1896 als Schauspielerin mit dem ersten Kuss in einem Film Kinogeschichte schrieb, gewesen sein, die der Soße ihren Namen gab. Die Schnittlauch- und Petersilienstückchen darin sollen sie an die vielen Inseln in ihrer Heimat erinnert haben.

Betrachtungen aus der Luft

Die Thousand Islands bietet aber noch etwas, was man in Kanada nicht gleich erwartet: Wein. "Für einige Rebsorten ist es zu kalt und richtig viel wird es nicht. Aber der Wein ist wirklich gut", sagt Debrah Marshall von der Eagle Point Winery. Gerade einmal 60.000 Flaschen im Jahr produziert sie. Marshalls Vorfahren kamen aus Deutschland und hießen Deinhard. "Ja, in mir fließt Blut der berühmten Kellereidynastie. Da lag es nahe, es irgendwann selbst mit Wein zu versuchen." Im Massenmarkt hätten kanadische Weinberge aber keine Chance.

Das Gewirr der Inseln wird aus der Luft erst richtig deutlich. "Kein Wunder, dass während des Alkoholverbots in den USA hier so viele Schmuggler unterwegs waren wie heute Touristen", sagt Ken Saumure. Früher flog er Hubschrauber in der kanadischen Marine und für die Vereinten Nationen, heute auf eigene Rechnung. "Der Hubschrauber ist perfekt, um die Tausend Inseln zu erkunden", schwärmt er. "Und man schafft es in 20 Minuten!"

Billig ist der Spaß nicht. "Aber die Erinnerung bleibt ein Leben lang." Um die ein bisschen aufzufrischen, bekommt zum Schluss jeder einen USB-Stick mit den Bildern, die die Bordkamera während des Flugs gemacht hat. "Das ist schön, aber eigentlich nicht nötig", sagt der Pilot. "Denn wer einmal hier war, kommt wieder."

Chris Melzer/dpa/ele