Tibet Ansturm auf die Himmelsbahn
"Sag, dass du mich liebst", schmachtet es auf Chinesisch aus dem Lautsprecher, dann folgt das Lied der Sesamblüten. Um 20.50 Uhr, acht Minuten vor der geplanten Ankunft, ziehen am Donnerstag voriger Woche drei weiße Dieselloks die 15 Waggons des T 27 aus Peking in den nagelneuen Bahnhof von Lhasa.
Schnell füllt sich der Bahnsteig Nr.1 mit schwer bepackten Einheimischen, Mönchen und Touristen. "Ich komme, weil mich die Bahnfahrt gereizt hat", sagt ein Mann in Windjacke, der einer Führerin mit gelber Fahne hinterhertrabt.
Mit der Strecke hat eine neue Zeitrechnung auf dem Himalaja begonnen, mit ihr ist Tibet näher an den Rest der Welt gerückt. Bewohner und Besucher müssen sich nicht mehr über steile Straßen durch die Berge quälen oder teure Flugtickets bezahlen. Der Zug ist billig und bequem, von Peking dauert die Fahrt nur 48 Stunden.
Bereits über 70.000 chinesische und ausländische Touristen haben sich mit der "Himmelsbahn", wie die Chinesen sie nennen, seit Anfang Juli bereits in die tibetische Hauptstadt transportieren lassen so viele, dass viele Hotels ausgebucht sind und es nicht jeder Reisende schafft, Eintrittskarten für den Potala-Palast zu ergattern.
Vor allem junge, gebildete Chinesen lassen sich von der Exotik der tibetischen Kultur anziehen. Sie treffen auf eine Welt, in der nach wie vor die Religion den Alltag der meisten Einheimischen bestimmt.
Mischung aus Mittelalter und Moderne
Vor dem Jokhang-Tempel werfen sich Frauen mit langen Zöpfen und braunen Kitteln auf den Boden. Wild aussehende Kampas aus dem Osten des Landes mit roten Wollbändern im Haar, drehen Gebetsmühlen. Großmütter, mit den traditionellen gestreiften Schürzen um die Hüfte und Enkelkindern am Rockzipfel, eilen durch die dunklen Gänge des Klosters und werfen Butter in Bottiche, damit die Kerzen nicht verlöschen.
Lhasa ist eine Mischung aus Mittelalter und Moderne: Mönche in roten Roben telefonieren mit Handys. Nur ein paar Meter vom Jokhang-Tempel, dem heiligsten Ort Tibets, entfernt entsteht ein Kaufhaus.
Viele Tibeter fürchten, mit der Bahn könnte das Dach der Welt noch attraktiver werden, als es jetzt schon ist. In den schummrigen, nach Yak-Butter riechenden Teehäusern Lhasas munkeln sie von einem Plan Pekings, 400.000 Menschen zu schicken. Doch die meisten Tibeter haben sich mit den Chinesen, deren Armee in Dutzenden Kasernen stationiert ist, arrangiert - solange sie ungestört der buddhistischen Religion folgen dürfen.
Bisher scheinen alle Versuche der Partei, den Dalai Lama als Separatisten zu verdammen, nicht zu fruchten. Ganz offenkundig genießt der 71-jährige Gottkönig, der als Wiedergeburt des Buddhas des Grenzenlosen Mitgefühls gilt, weiterhin große Sympathien - auch wenn die Regierung Nonnen und Mönche in "patriotischen Erziehungskampagnen" immer wieder zwingt, sich von ihm zu distanzieren.
Zehn Jahre Gefängnis für Regimekritik
Sein Bild baumelt an einer Kette um den Hals eines 27-jährigen kahl geschorenen Mönches, der auf der Dachterrasse des Gangji-Cafés mit zwei Freunden Tee trinkt. "Man kann ihn tragen, man sollte es aber nicht die Polizei sehen lassen", sagt der Geistliche.
Sollte er erwischt werden, dürfte es ihm schlecht ergehen. Gegen vermeintliche und echte Rebellen greift die KP bis heute hart durch: Der Lehrer Dolma Gyab, 29, berichtete in einem aus dem neuen Chushul-Gefängnis nahe Lhasa geschmuggelten Brief an die Uno, er sei im vorigen September zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, weil er in einem Buchmanuskript Kritik an der chinesischen Regierung geübt hatte.
Vor seiner Flucht nach Indien 1959 residierte der 14. Dalai Lama wie viele seiner Vorgänger im Potala-Palast. Besucher werfen heute Hadas, die traditionellen weißen Schals, und kleine Geldscheine vor seinen Thron. Lamas murmeln in den schmalen Gängen Sutras, einer lernt mit einem elektronischen Wörterbuch Englisch.
"Schneller, schneller, weitergehen", rufen Aufseher: Seitdem die Eisenbahn Tausende von Touristen heranbringt, ist der Andrang so groß, dass Palastverwalter Qiangba Gesang, 65, die täglich erlaubte Besucherzahl notgedrungen auf 2500 Pilger und Touristen anheben musste.
Mehr würde der Bau, der zum Teil 1300 Jahre alt ist und vorwiegend aus Holz und einer Mischung aus Lehm und Steinen besteht, nicht vertragen. Damit die Fundamente nicht unter ihnen zusammenkrachen, sollen Gruppen fortan nicht stehen bleiben.
"Touristen sind wie das Feuer zum Kochen", sagt Qiangba Gesang. "Man braucht es, aber wenn man nicht aufpasst, kann es viel Schaden anrichten." Deshalb bedeutet die neue Zugverbindung für den grauhaarigen Hausmeister nicht nur Segen: "Uns bringt die Eisenbahn viel Druck."