Tibet-Bahn Zug aufs Dach der Welt
85 Jahre alt wird Chinas Kommunistische Partei an diesem Sonnabend und sie hat sich selbst etwas geschenkt, was das Herz der Funktionäre höher schlagen lässt: eine Eisenbahn nach Tibet. Um 21.30 Uhr wird der Zug Nr. T27/8 aus dem Pekinger Westbahnhof rollen. Knapp 48 Stunden später soll er in den neuen Bahnhof von Lhasa einfahren.
Ein Zug auf das Dach der Welt. Nach dem gigantischen Drei-Schluchten-Damm am Yangtse ist er das wichtigste Prestigeprojekt der chinesischen Regenten. 3,3 Milliarden Euro haben sie dafür ausgegeben. Über hunderttausend Arbeiter brauchten über fünf Jahre, um die Gleise zu legen. "Die höchste Eisenbahn der Welt schürt den Nationalstolz", jubelte die englischsprachige China Daily.
Schon Staatsgründer Mao Tse-tung hatte davon geträumt, das 1950 besetzte Tibet mit einer Eisenbahnstrecke an die übrigen Regionen anzuschließen. Seine Nachfolger können nun den Triumph über die Natur feiern. Auf der letzten Etappe zwischen Golmud und Lhasa liegen 86 Prozent der Trasse über 4000 Meter, der höchste Pass ist 5072 Metern hoch.
Es war eine enorme Herausforderung für Chinas Eisenbahnbauer, die unter erheblichem Termin- und Erfolgsdruck der Politiker standen: Die Gleise führen über abgelegene, von Erdbeben bedrohte Hochebenen, über die eisige Winde fegen. Die Luft ist dünn, ein langer Abschnitt muss auf Permafrost-Böden verankert werden. Das heißt: Der Untergrund ist ständig gefroren, nur im Sommer taut er an der Oberfläche ein wenig auf die Gleise könnten im Schlamm in Bewegung geraten.
Sauerstoffspender in den Abteilen
Den Ingenieuren ist es gelungen, unter anderem durch besondere Steinkonstruktionen und Belüftungssysteme neben und unter den Gleisen den Boden ständig gefroren zu halten. Doch die globale Erwärmung könnte die Erde stärker auftauen als gedacht. Schon warnen chinesische Wissenschaftler davor, dass die Trasse in rund zehn Jahren ernsthaft in Gefahr sein wird.
Die Tour ist auch aus anderen Gründen nicht ungefährlich. Nicht jeder Passagier dürfte die dünne Luft vertragen. Deshalb fährt in jedem Zug ein Arzt mit. In den von einem kanadisch-chinesischen Joint Venture gebauten Waggons wird Sauerstoff in die Abteile gepumpt. Außerdem können sich die Passagiere an einzelne Sauerstoffspender anschließen.
930 Fahrgäste fassen die von jeweils drei Dieselloks gezogenen 16 Waggons. Startbahnhöfe sind neben Peking auch Chengdu, Chongqing, Lanzhou und Xining. 389 Yuan (rund 39 Euro) wird die Fahrkarte für einen sogenannten "harten Sitz" von Chinas Metropole nach Lhasa kosten, für ein Bett in einem Viererabteil müssen Fahrgäste 1262 Yuan (circa 126 Euro) bezahlen. Ein Flug Peking-Lhasa kostet 2430 Yuan (243 Euro). Schon jetzt verkaufen Reisebüros an chinesische Touristen Pauschalfahrten nach Tibet. Die erste Gruppe verlässt Peking am 2. Juni. Bald werden wohl auch Luxuszüge für ausländische Touristen über das Hochplateau rollen.
Pekings Faust um Tibet
Der Zug bereitet vielen Tibetern und Bürgerrechtlern erhebliche Sorgen. Sie fürchten, dass bei einem stärkeren Andrang von Siedlern sich Pekings Faust noch enger um Tibet schließen und ihre Kultur langsam, aber sicher zur Touristenattraktion verkommen wird. "Demografische Aggression" nannten Exil-Tibeter in Indien jetzt die Eisenbahn.
Die KP weist diese Argumente zurück. Die Trasse diene der "nationalen Einheit", jubelt sie. Mit der Bahn könnten Waren schneller und billiger als wie bisher auf Lastwagen nach Tibet und mehr Rohstoffe leichter nach unten transportiert werden. Dies komme, so das Argument, wirtschaftlich vor allem den Tibetern zugute.
Derweil preist die Propaganda die heroischen Arbeiter. Buchhalter Chu Hequn zum Beispiel verzichtete auf einen lukrativen Job in einem chinesisch- ausländischen Gemeinschaftsunternehmen, um an dem Projekt mitwirken zu können. Die Arbeiterin Xu Yan ließ gar ihr kleines Kind in der Provinz Sichuan zurück. Aber, so sagt sie: "Ich werde es niemals bereuen, an der Tibet-Eisenbahn mitgebaut und ein Stück meines privaten Lebens geopfert zu haben."