Timbuktu Süß wie die Liebe
Timbuktu: Stadt der Mythen und Legenden
"Bitter wie der Tod, so ist der erste Aufguss", erklärt Mohammed und gießt schwarzen Tee aus dem kleinen emaillierten Blechkännchen in ein Glas und wieder zurück, so lange, bis sich der Zucker aufgelöst hat: Auf ein halbes Glas Teeblätter kommen zwei Gläser Wasser und ein halbes Glas Zucker. Der Aufguss schmeckt bitter und süß zugleich. "Den Tee haben wir aus Marokko mitgebracht. Letztes Jahr waren wir viermal mit der Karawane dort." Das niedrige Tuareg-Zelt steht auf einem freien Grundstück, gleich neben dem Markt, inmitten der Altstadt von Timbuktu.
Timbuktu! Als Ortsbezeichnung klingt das etwa so realistisch wie Atlantis oder Takatuka-Land.
Gegründet wurde die Wüstenstadt im Norden Malis bereits im 11. Jahrhundert. Doch erst unter der Herrschaft der Songhai erreichte Timbuktu im 15. und 16. Jahrhundert seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Hier wurden Straußenfedern, Gold und Sklaven aus dem Süden gegen Salz, Kupfer, Zinn und Pferde aus dem Norden gehandelt. Mehr als 150 Koranschulen lockten Wissenschaftler und Studenten aus der gesamten islamischen Welt an.
"Ist gar die Kunde von Timbuktu auch nur ein Traum, vergänglich wie die Mythen alter Zeit?", schrieb der junge Brite Alfred Tennyson 1829. Noch im frühen 19. Jahrhundert war Europa fasziniert von Reiseberichten, die Timbuktu märchenhaften Reichtum zusprachen und die Stadt als Zentrum islamischer Gelehrsamkeit mit umfangreichen Bibliotheken, zahlreichen Schulen und üppigen Moscheen priesen. Tennyson gewann einen von der Universität Cambridge ausgeschriebenen Lyrikwettbewerb zum Thema Timbuktu und begründete so seinen Ruhm als Dichter. Dass das Ende des Mythos sich bereits abzeichnete, erhöhte nur den romantischen Reiz des Sujets.
Preis für den ersten lebend zurückkehrenden Europäer
1824 schrieb die französische geografische Gesellschaft einen Preis von 10.000 Franc für den ersten Europäer aus, der Timbuktu erreichte und lebend zurückkäme, um darüber zu berichten. Timbuktu war mittlerweile unter marokkanischer Herrschaft, und Nicht-Muslims war das Betreten der Stadt bei Androhung drakonischer Strafen verboten.
Wie ernst dieses Verbot gemeint war, erfuhr der Brite Alexander Gordon Laing, der bald darauf Timbuktu erreichte und auf dem Rückweg kurz nach seiner Abreise erschlagen wurde. Den begehrten Preis erhielt schließlich der französische Abenteurer René Caillié. 1828 kehrte der von Natur aus kränkliche Bauernsohn, dessen großes Vorbild Alexander von Humboldt war, als erster Europäer aus Timbuktu zurück.
Sein Publikum musste Caillié allerdings enttäuschen, denn die Handelsrouten hatten sich verschoben, die Bibliotheken waren unbenutzt und heruntergekommen, das sagenhafte Timbuktu war nichts weiter als eine sandige kleine Stadt voller lehmwürfeliger Häuser und mit drei alten Moscheen, die an vergangene Größe gemahnten.
25 Jahre später bestätigte der in Hamburg geborene Geograf und Afrikaforscher Heinrich Barth die Berichte Cailliés. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit beschrieb er die Stadt, ihre Wirtschaft, Kultur, die Bewohner und deren Sprachen und Bräuche. Der Mythos war endgültig zerstört.
"Ja, es kommen auch viele deutsche Touristen. Die Heinrich-Barth-Gesellschaft aus Köln trägt zum Erhalt des Gebäudes bei", bestätigt ein junger Mann. Er wohnt mit seiner Familie im Obergeschoss des Hauses, in dem Barth während seines Timbuktu-Aufenthalts ab 1853 ein gutes halbes Jahr gelebt hatte.
Immer den Sternen nach
"Durchwachsen wie das Leben!" schmeckt der zweite Aufguss der Teeblätter. Wieder kommt eine gute Handvoll Zucker in das Kännchen. Zum Tee reicht Mohammeds Cousin Mohammed einen Beutel Erdnüsse herum. "Wenn wir unterwegs sind, essen wir oft tagelang nur Datteln und Erdnüsse. Es ist keine Zeit zum Kochen." Mohammed geht, seit er 17 ist, mit den fünf Kamelen seiner Familie in der Karawane mit. Meistens bewegen sie sich nachts fort, wenn es kühler ist.
Dann orientiert sich der Karawanenführer am immer klaren Sternenhimmel wie an einer großen Landkarte. "Das ist Sidi", sagt Mohammed und zeigt auf die drei Sterne am Gürtel des Orion. "Der Weg der Salzkarawane! Und dort geht es nach Mauretanien!" Die Kamele sehen im Dunkeln genug, aber wenn der Karawanenführer unaufmerksam ist und die Richtung verfehlt, ist die Karawane schon mal ein paar Tage verspätet.
Im Winter kommt fast täglich eine Salzkarawane aus den Brüchen des mindestens 15 Tagesmärsche entfernten Taoudenni in Timbuktu an. Die lange Reihe von Kamelen lockt Einheimische wie Touristen auf die Straßen. Trotz der schweren Last scheinen die Tiere - wohl wegen ihres sonderbar federnden Gangs - durch die Luft zu schweben. Im Hafen werden die gut einen Meter langen und 40 Zentimeter breiten Salzplatten dann auf Pirogen verladen und erreichen über den Niger ganz Westafrika.
Dixi-Klos in der Wüste
"Süß wie die Liebe" ist der dritte Aufguss. Mohammed schüttet aus einer großen Plastiktüte reichlich Zucker zu den alten Teeblättern. Reines Zuckerwasser, befinden wir, doch Mohammed, ein weiterer Vetter von Mohammed und Mohammed, mag den dritten Aufguss am liebsten. Er wohnt mit seiner Familie in Pompetin, einem Tuareg-Dorf in der Wüste hinter Timbuktu, zwischen Sanddünen und vereinzelten dornigen Büschen, an denen Ziegen und Kamele nagen.
Die Siedlung besteht aus mehreren runden und in weitem Umkreis verstreuten Nomadenzelten sowie einem einzelnen quadratischen Steinbau von der Größe einer Garage: der Grundschule. Außerdem gibt es einen alten Ziehbrunnen und eine neue Wasserpumpe. "Von Deutschen gebaut und mit besserem Wasser", informiert uns Mohammed.
Mohammed kommt nur selten in die Stadt, und in diesen Tagen im Januar ist ihm Timbuktu besonders suspekt: Touristen aus der ganzen Welt, die zum Wüstenfestival im noch winzigeren Ort Essakane wollen, trudeln nach und nach ein. "Selbst Dixi-Toiletten für die Reisegruppen, die hier in der Wüste manchmal eine Show gebucht haben, sind schon nach Essakane geschafft worden." Drei Tage lang treten internationale Musikgruppen und einheimische Künstler auf mehreren Bühnen auf. Timbuktu ist einmal mehr zum Traumziel romantischer Europäer geworden. Und die lassen sich den Traum einiges kosten.
Mohammed und Mohammed räumen das Teegeschirr weg. "Diese Woche gehen wir auf keine Karawane!" Denn selbstverständlich werden sie am Festival teilnehmen, beim Kamelrennen der Tuareg, das jedes Jahr eines der farbenprächtigsten Highlights des Festivals bildet.