Tokelau Der Untergang eines Südseeparadieses
Das Atoll hat keine Autos, kein Gefängnis, keine Fernseher und seit zwei Wochen kein Bier. Es hat auch keinen Hafen, nur einen schmalen Kanal im Riff, und davor kreuzt ein wuchtiges Marineschiff. Der Kapitän weiß nicht, wo er ankern soll. An Bord ist der französische Botschafter aus Neuseeland. Er wird seit Stunden an Land erwartet, "8.10 Uhr - Begrüßung" sieht das Festprogramm vor. Am Strand stehen Kinder in blauen Schuluniformen und mit Blumenkränzen im Haar geduldig in der heißer werdenden Sonne und beobachten die Manövrierversuche des grauen Seeungeheuers. Die Männer aus der Tanztruppe haben ihre kriegerischen Kostüme angelegt, die letzten Hühner werden verscheucht, und der Pfad, der den Gast vom Ufer durchs Dorftor zum ventilatorgekühlten Versammlungshaus führen soll, wurde frisch renoviert mit einem weißen Belag. Korallenrollrasen.
Es ist der erste offizielle Besuch der Franzosen in der Geschichte von Tokelau. In das winzige, aus drei Atollen bestehende Land zwischen Samoa und dem Äquator verirren sich im Jahr höchstens eine Hand voll Segler oder seefeste Pazifikreisende und die wenigen Ärzte, Lehrer oder Entwicklungsexperten, die dort ihren Dienst verrichten. Denn was die Atolle ebenfalls nicht haben, ist ein Flughafen. Der Zugang zur Außenwelt ist nur alle zwei Wochen per dreitägiger Schiffsfahrt möglich, zwischen Ladung, wummerndem Schornstein, schlafenden Kindern und kräftigen Polynesiern, die Rugbyvideos auf dem Bordmonitor anschauen. Wer hierher kommt, macht keinen Urlaub, und wer von hier weggeht, tut es für Monate oder Jahre. Oft für immer. Mittlerweile leben in Australien und Neuseeland viermal so viele Tokelauer wie in der Südsee.
Telefone als letztes Land der Welt
Im 19. Jahrhundert bekamen die bis dahin völlig autarken Inseln einflussreichen Besuch. Walfänger brachten Krankheiten mit, Missionare versuchten 500 Menschen umzusiedeln, peruanische Menschenräuber verschleppten 140 Männer auf Plantagen. Schließlich überlebte auf den drei Atollen Atafu, Nukunonu und Fakaofo eine um die Hälfte reduzierte Bevölkerung. 1889 wurde Tokelau dem britischen Imperium einverleibt. Die Engländer übergaben die zwölf Quadratkilometer aus kargem Korallenboden und Palmenhain 1925 an Neuseeland.
Zu Besuch kamen jetzt die Koprahändler, die das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnuss, das vor allem für Speiseöl verwendet wird, mit gutem Gewinn weiterverkauften. Ganz selten einmal kam auch ein Abgesandter der Queen. Zu weit waren die Inseln, zu mühsam die Anreise per Schiff und zu mager die Ressourcen am Ziel. Das Postschiff fuhr nur drei bis vier Mal im Jahr vorbei, eine Schule wurde erst 1950 gebaut. Die letzte Kolonie Neuseelands war auch das letzte Land der Welt, das in den neunziger Jahren Telefone bekam.
Heute schaut hin und wieder eine Delegation der Vereinten Nationen vorbei. Seit Jahren sind Verhandlungen im Gang. Die UN sähen das Land gerne aus dem Kolonialstatus entlassen. Aber ohne die acht Millionen Neuseeland-Dollar, die jedes Jahr nach Tokelau fließen, lässt sich schwer überleben. Es fehlt die Infrastruktur, um Fische verarbeiten, kühlen und ins Ausland transportieren zu können. Und die neuseeländische Staatsbürgerschaft möchte kaum ein Tokelauer aufgeben, nur um eine eigene Flagge zwischen Palmen und Satellitenschüssel hissen zu können. Nicht Unabhängigkeit, sondern Selbstbestimmung ist das Ziel der meisten.
Echte Furcht in unsere Herzen
Der französische Botschafter interessiert sich besonders für eine Neubestimmung der Seegrenzen in den tunfischreichen Gewässern zwischen Tokelau und den etliche tausend Kilometer entfernten Wallis-und-Futuna-Inseln, die noch heute unter französischer Herrschaft stehen. Er wird dem kleinen Land Solarzellen für die Schule und für das Lomaloma-Krankenhaus versprechen, wo die Farbe von den Wänden blättert und die Skalpelle rostig sind, weil es durch die Decke regnet.
Aber zuerst muss er irgendwie an Land kommen. Ein Kanu steuert an das Kriegsschiff heran, wippt mit den Wellen an der Außenwand hoch und nieder, der Diplomat wird von Bord gelassen und, auf einem Stuhl sitzend, sicher übers Riff nach Atafu gebracht, dem nördlichsten der Atolle und der ersten Station seines Besuchs.
Händeschütteln, Winken zum Volk, ein kühler Schluck aus einer Kokosnuss im Schatten vor dem Gemeindehaus. Dann sitzt der in blütenreines Marineweiß gekleidete, distinguierte Herr im Saal und lauscht dem warmen Singsang der tokelauischen Begrüßungsworte des Pastors und des Ältestenrats. Er schaut sich die Tanzvorführung der Schulklassen an, dann blickt er interessiert auf Kuresa Nasau, der seine Rede beginnt. Der faipule - das gewählte Oberhaupt der Insel -, ein Mann mit scharfen Gesichtszügen und spiegelnder Glatze, hat vorher mehrfach die korrekte Aussprache des französischen Namens geprobt. Er trägt heute eine Krawatte, und er sieht ernst aus.
"Ein Thema, das echte Furcht in unsere Herzen gebracht hat, ist der Treibhauseffekt. Wir bitten Sie, Ihrer Regierung einen Bericht über unsere Angst zu übermitteln, denn wir möchten nicht vom Angesicht der Erde verschwinden", sagt Nasau. Er spricht davon, dass der Besucher viele Meilen auf dem Meer überwinden musste, um zu ihnen zu gelangen. Das Meer, von dessen Gnade sie so abhängig seien. Nicht nur, um ihre tägliche Nahrung zu bekommen, sondern um Kultur, Musik und Tänze zu pflegen. "Wir wollen nicht wegen der globalen Erwärmung von den gleichen Gewässern zerstört werden, die uns bisher das Leben geschenkt haben."
Im Saal ist es still, nur draußen gackert ein Huhn. Dann heben Schulkinder, Greise, Redner und Tänzer zu einer Hymne an, die schön und klar und süß ist wie frisches Kokoswasser. Seine Exzellenz lächelt unverbindlich und hält nun die Rede. "Wir Franzosen wollen den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 um 60 Prozent reduzieren", sagt er. Hinter ihm sitzt Falani Aukuso, der Berater des faipule, der die englischen Worte des Gastes dolmetscht. Er beugt sich vor, als habe er nicht gut gehört. "Six zero?", vergewissert er sich höflich, "or sixteen?" Seine Nachfrage ist hintergründig. Denn die geleistete Reduktion lag im Jahr 2000 bei gerade einmal 0,5 Prozent.
Die Frauen des Dorfes haben für die Mittagspause die Tische mit allem Leckeren gedeckt, das sie auftreiben konnten. Ihre Arbeit am Kerosinkocher und dem umu, dem traditionellen Erdofen unter aufgeschütteten Korallen, ist mühsam. Die allgegenwärtige Kokossahne zum Kochen muss erst als Fruchtfleisch aus den Schalen geraspelt und in Sackschläuchen ausgepresst werden. Tokelau ist eine kulinarische Herausforderung, denn außer Fisch in Massen, Brotfrucht und Kokosnüssen, gelegentlich ein paar Papayas und Bananen gibt die Natur nichts her. Wenn das Schiff auf sich warten lässt, gehen selbst Grundnahrungsmittel wie Mehl und Trockenmilch aus. Der einzige Laden führt vor allem Konserven, Zigaretten, Alkohol und fettes Büchsenfleisch. Außerdem Eier aus dem US-Bundesstaat Washington, denn die Hühner in den Dörfern legen nicht genug. Auch die eine oder andere Tunfischdose aus Südostasien steht im Regal. Dafür wurde das Spanferkel, dessen knusprige Schwarte jetzt auf dem Teller des Diplomaten glänzt, erst vor wenigen Stunden durchs Dorf gejagt.
Der Staatsgast macht einen Rundgang im Ort. Das Licht flimmert golden und weich, und die sanften Geräusche des Dorfes durchbricht nur ab und zu samoanische Pop-Beschallung aus einem Ghettoblaster. Ein paar Mädchen sitzen auf einer Mauer und lassen ihre nackten Beine baumeln. Atafu ist das traditionellste und am strengsten protestantische unter den drei Atollen. "Und das schönste", behaupten die, die hier leben, denn noch stärker als das Nationalgefühl der Tokelauer ist der Lokalpatriotismus jeder einzelnen Insel.
Das Türkis der Lagune schimmert zwischen den Palmen und den Häusern aus Beton hindurch. Zwei Frauen stochern im flachen Wasser mit Eisenstangen in abgestorbenen Korallen herum. Eine zieht mit dem gebogenen Ende des Stabes einen armlangen Polypen aus seinem Versteck hervor. Sie hebt das Tier zum Mund und beißt ihm kräftig in den Kopf, genau zwischen die Augen. Dann wirft sie sich den toten Kraken an einem Fangarm über die Schulter. Neben ihr planschen Kinder. "Palagi, palagi!", rufen sie, als sie den Franzosen sehen, die tokelauische Bezeichnung für weiße Menschen.
Steineschleppen gegen die Flut
Befestigungsmauern säumen das Atoll. Schon seit Jahren schichten Männer regelmäßig aus Steinen und dickem Draht die Mauern auf, lange bevor sie erfahren haben, dass der Meeresspiegel rund um ihr Zuhause beharrlich steigt. Steineschleppen ist die gängigste Strafarbeit, die vom Ältestenrat verhängt wird, wenn jemand das Recht bricht. Wer ein echtes Problem für die Gemeinschaft darstellt, wird für immer weggeschickt. Früher setzte man den Störenfried mit einer Angelschnur ein letztes Mal ins Kanu. Gott werde entscheiden, ob er im rund 1000 Kilometer entfernten Tuvalu landet oder ihn die Haie fressen.
Wirbelstürme haben die Inseln mehrmals verwüstet und fast alle traditionellen Bauten zerstört. Seitdem sind die Kirche, das Versammlungshaus und die Schule der sicherste Ort im Fall einer Flutwelle - und nicht eine Palme, an der man sich festbindet, wie es gerne in Hollywood-Filmen gezeigt wird. "So wird man im Taifun todsicher von einer Kokosnuss erschlagen", prustet Loimata Iupati, der Direktor für Erziehung, bei der Vorstellung unter seinem grauen Bart vor Lachen. Er ist ein Verfechter tokelauischer Traditionen, Feind alles Fremden und hat sich heute keine Krawatte zu Ehren des Staatsbesuchs umgebunden.
"Warum haben wir die Rede des Botschafters heute morgen wörtlich mitgeschrieben?", fragt er verärgert. Wenn dem Diplomaten die Worte des faipule wichtig wären, dann hätte er doch eine Sekretärin mitgebracht, die sie aufschreibt. "So hat das doch alles keinerlei Bedeutung", sagt Iupati, der in seiner freien Zeit die Bibel vom Englischen ins Tokelauische übersetzt. "Wir sind viel zu entgegenkommend."
Seegurke, Oktopus, Muschel
Im Kindergarten üben die Kleinsten wie jeden Morgen, auf Strohmatten sitzend, ein Lied ein. "Kina kina, feke feke, pipi pipi, paua paua, ika ika, tuna tuna." Es zählt die Tiere Tokelaus auf: Seegurke, Oktopus, Muschel, Abalone, Fisch, See-Aal. In der Mittagspause kommen Mütter, Tanten und Cousinen und packen die Lunchdosen für die Großfamilienkinder aus. Es gibt kalte Hot Dogs, Reis mit Ketchup, Fertignudeln aus dem Minutenbecher. In den Plastikflaschen leuchtet ein aus buntem Brausepulver zusammengerührter "Tropical Mix", den die Kinder am liebsten pur aus der Hand lecken. Der jährliche Zuckerkonsum liegt bei 50 Kilogramm pro Kopf. Was den Tokelauern die meisten Zukunftsprobleme bereitet, sind weder Unabhängigkeitsfragen noch Klimakatastrophe, sondern Wohlstandskrankheiten: Gicht, Bluthochdruck, Diabetes.
Der für ein halbes Jahr eingesetzte Arzt, der die Mangelwirtschaft aus verfallenen Medikamenten und defekten Apparaten zu beherrschen versucht, fragt den französischen Diplomaten: "Können Sie auf Ihrem Schiff einen Mann mit Kieferbruch nach Samoa mitnehmen? Er muss bald operiert werden." Während ein Offizier über Walkie-Talkie den Pass des Patienten prüfen lässt, dürfen die älteren Schüler das Marineschiff besichtigen fahren.
Den Jugendlichen ist jede Abwechslung willkommen. Außer Fußball, Volleyball, Rugby und einem Discoabend, der einmal im Monat bei voller Beleuchtung und unter den Augen der ältesten Frauen im Gemeindehaus stattfindet, hat das Atollleben nicht viel für sie zu bieten. Als junge Menschen stehen sie in der Gesellschaftsordnung weit unten und haben den Anweisungen der Älteren zu folgen. Für Rebellion ist kein Raum. So hören sie zwar Britney Spears und Eminem auf ihren Kopfhörern, aber singen auch brav Choräle. Sie tanzen auf den Festen voller Anmut und Begeisterung die traditionellen Tänze, aus denen mehr Erotik spricht als aus den zahmen Discotänzen, aber wenn sie schwimmen gehen, dann tragen sie keinen Bikini, sondern T-Shirts und lange Shorts. Als unverheiratete Paare dürfen sie nicht unter einem Dach schlafen, öffentliche Zärtlichkeiten sind tabu.
Fischen und Beten als Therapie
Wenn sie die Schule hinter sich haben und wegwollen, kommt unweigerlich der Kulturschock. Mika Kalolo, der auf den Inseln Gesundheitserziehung lehrt, sagt: "Einige von uns haben vorher noch nie einen Fluss oder Berg gesehen." Geschweige denn, ein Einkaufszentrum oder Teenager die einfach machen, was sie wollen. Für diejenigen, die als Drogenkonsumenten oder Gangmitglieder aus den Großstädten der Südhalbkugel wieder zurück auf ihre Heimatinsel geschickt werden, ist der Schoß der Familie und die mangelnde Freiheit manchmal die Rettung: Fischen und Beten als Therapie.
Drei Mal pro Woche wird Gottesdienst gehalten und an jedem Spätnachmittag das Volleyballspiel abgebrochen, wenn die Ausgangssperre die abendliche Bibelstunde ankündigt. Den Regeln der Sonntagsruhe hat sich jeder zu unterwerfen; sie heißen: kein Alkohol, keine Musik, kein Schwimmen, kein Kartenspiel, keine Videos, kein Sport, kein Spaziergang. Leben herrscht am heiligsten Tag allein in den Klohäuschen, die am Rand der Lagune auf Stelzen über dem seichten Wasser stehen. Hier raucht, kichert und plaudert man stundenlang beim gemeinsamen Geschäft. Weil dort die meisten Neuigkeiten die Runde machen, heißen die Toiletten auch "tokelauische Telefone".
Niemand ist in Tokelau jemals allein. Das kann das Schönste sein, was es gibt: Geborgenheit, Zusammengehörigkeit, Hilfsbereitschaft. Ein Individualist oder Einzelgänger hat es im Kommunenleben dagegen schwer. Wer zu viel fragt und sich sorgt, sowieso. "Der Allmächtige hat viel größere Pläne. Was zählt da, was wir Menschen denken?", fragt der Pastor von Atafu. Er ist die wichtigste Person im Dorf und bekommt stets die größten Stücke Fisch. Beim inati, dem urkommunistischen Verteilungssystem, das für jedermanns Nahrung im Ort sorgt, geht es gerecht zu, aber der Gottesmann ist ein wenig gleicher als die anderen.
Es gibt auch progressive Stimmen. Zum Beispiel das "Modern House", eine politische Initiative, die den Tokelauern Selbstverwaltung nahe bringen will und verschiedene Projekte zur Müllentsorgung ins Leben gerufen hat. Denn bevor das Südseeland unter dem Meeresspiegel versinkt, könnte es unter leeren Chipstüten und Coladosen begraben werden. Früher wurde einfach alles verbrannt. Das geht jetzt nicht mehr. "Wegen der Ozonschicht", sagen die Verantwortlichen. Wer Sand für den Hausbau braucht, holt ihn sich nicht mehr wie sonst direkt vom Strand vor der Tür, sondern fährt neuerdings zu den unbewohnten Inseln des Atolls. Das bisschen Erde, auf dem man lebt, soll ab jetzt geschützt werden.
In zehn Jahren sind vielleicht keine Tokelauer mehr in Tokelau
Noch gibt es keine konkreten Aufzeichnungen vor Ort, wie sehr der Ozean tatsächlich ansteigt. Zwei bis drei Millimeter im Jahr, so lauten die Angaben von internationalen Organisationen wie dem World Wide Fund for Nature. Das Phänomen habe es immer schon gegeben, sagen die Grauhaarigen im Dorf. "Wir tun alles, um Schaden von uns zu wenden, und unterstützen jede sinnvolle Maßnahme", sagt Falani Aukuso, der Direktor des faipule-Rates, der das "Modern House" koordiniert, "aber die Skepsis bleibt. Wir springen nicht automatisch auf jeden Zug auf." Sicher habe das Nachbarland Kiribati bereits Probleme durch die Versalzung seiner Böden, aber die Inselstaaten, die am lautesten vor dem Untergang warnen, wollen seiner Meinung nach damit vor allem eines erreichen: Aufenthaltsgenehmigungen ihrer Bürger in Industrieländern.
Das Problem haben die Tokelauer als neuseeländische Staatsbürger nicht. Dafür die Furcht, dass eines Tages niemand mehr bleibt. "Wie kann man unsere Leute davon abhalten, in die Welt hinauszuziehen?", fragt sich Pio Tuia, der faipule des mittleren Atolls Nukunonu. "In zehn Jahren sind vielleicht keine Tokelauer mehr in Tokelau, weil ihre Kinder hier nicht ausgebildet werden und der Lebensstandard so gering ist." Seine Lösung heißt: "Wir müssen die Fischerei in Gang bringen, Handarbeiten verkaufen, Touristen holen - wir müssen Einkommen schaffen." Geld gibt es in Tokelau noch nicht lange, und es bringt Ungleichheit. Und nicht alles, was den Lebensstandard hebt, ist ein Segen. Als die ersten Telefonrechnungen eintrafen, hatte eine Familie bereits ein zweifaches Jahreseinkommen in den Äther gejagt.
Der Botschafter spaziert bei seinem mittäglichen Dorfrundgang an einem offenen Schuppen vorbei, in dem ältere und jüngere Männer auf dem Boden sitzen. Einer döst, ein paar von ihnen schnitzen und hobeln an Holzdosen, in die später die Angelhaken der Fischer wandern. Ihre Fußsohlen sind nach oben gedreht und dienen als Werkbank. Die Form der Behälter hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert. Auch die Kanus, in denen die Fischer aufs offene Meer fahren, werden seit eh und je auf dieselbe Weise hergestellt.
Fahrten über die Lagune sind nur freitags gestattet
Draußen vor dem Riff reden Tana, Kili und Mui in ihrem Einbaum mit Ausleger darüber, auf welcher Insel die Mädchen am schönsten sind. Ihre Angelschnüre haben sie 90 Armlängen tief ins Meer gesenkt. Unten am Haken hängt ein frischer Köder. Wenn ein Tun, Hai oder Schwertfisch anbeißt und so fest an der Leine zieht, dass diese beim Einholen in die Hand schneidet, dann entsteht ein "fishing tattoo". Auch die drei Freunde tragen die strichförmigen Narben auf ihren Handrücken. Heute Nacht wollen sie noch einmal hinaus, Fliegende Fische fangen. Dann werden sie breitbeinig mit einem langen Käscher in den Händen im Kanu unter dem pazifischen Sternenhimmel stehen, über sich eine schaukelnde Laterne und um sich herum die silbernen Pfeile in der Luft.
Vorher müssen sie noch den hohen Besuch aus Übersee auf einem Floß zur Picknickinsel bringen. Die unbewohnten Inseln des Atafu-Atolls dienen für Ausflüge und zum Anbau von Kokospalmen. Fahrten über die Lagune sind bis auf Ausnahmen nur freitags gestattet. So will es das Dorfgesetz, damit sich niemand an fremden Kokospalmen bedient. Die soziale Kontrolle ist allgegenwärtig - und lebensnotwendig. "Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen", sagt Kuresa Nasau, der Inselchef. "Man arbeitet nicht für seine Familie, sondern für alle." Sein Gast aus Neuseeland nickt und lächelt.
Auf dem motu, einer Riffinsel, garen frische Kokosnusskrabben, die zu den größten Landkrebsen gehören, im Feuer. Sie wurden tags zuvor im Unterholz erlegt. Ein Stich mit der Machete in den Bauchpanzer und ein gekonnter Griff, damit die kräftigen Scheren keinen Finger abzwicken. Der Botschafter, der die Kunst des Smalltalk beherrscht und eine Krabbe mit einem Steinschlag zu öffnen weiß - "das kenne ich noch aus der Karibik" -, will wissen, ob man hier auch Langusten bekommt. "Kein Problem", verspricht der Berater des faipule, "wir sorgen dafür, dass Sie auf Fakaofo welche bekommen."
Humor wird in Tokelau groß geschrieben
Im Sonnenuntergang sitzen vier ältere Frauen in Volantkleidern im Schatten eines Brotfruchtbaums und knallen Dominosteine auf die Holzplatte zwischen ihren Beinen. Die Füße zeigen weg von den anderen, das gebietet die Höflichkeit. Solche Regeln sind zahlreich und kompliziert, aber sie geben dem Leben eine Form. Für die Frauen unter dem Baum könnte es keinen perfekteren Ort geben als Atafu, wo die Alten verehrt werden und viel zu lachen haben. Die Damen amüsieren sich über die Pensionierung der Schuldirektorin, bei deren Abschiedsfest drei korpulente Frauen mitsamt einer Bank umkippten. Eine zahnlose Frau mit schütterem Haarknoten ahmt die Szene nach und wirft sich kreischend nach hinten. Humor wird in Tokelau groß geschrieben. Die angesehensten Menschen erzählen die besten Kalauer.
Als der französische Botschafter am Abend den Frachter besteigt, nimmt er einen geflochtenen Strohhut, Muschelketten und eine geschnitzte Kanuminiatur als Abschiedsgeschenk mit. Er lässt dem Land einen Bildband über Frankreich da. Der wird in der Schulbücherei verstauben, denn wer sich in Tokelau für die Ferne interessiert, guckt Kung-Fu-Filme auf DVD.
Die Frauen verteilen die Reste vom Festessen an die Dorfbewohner, und der faipule schreibt einen Bericht, den jemand in Neuseeland lesen wird oder auch nicht. Im Ältestenrat bleibt man sich einig, dass von einer weiteren Flut nichts in der Bibel steht. Wer weiß, vielleicht werden die Tokelauer von Gottes Hand gar sanft aus den Fluten gehoben, wenn die große Welle kommt - so wie die alten Götter damals auf den Rändern der versunkenen Vulkane ihre Atolle entstehen ließen.