Tokio Bar jeder Vernunft
Legato
15. Stock, endlich. Vor dem Fenster breitet sich ein großes Stück Tokioter Skyline aus. Rot blinkende Leuchten auf Hunderten von schwarzen Dächern, das Gesicht einer Stadt, die eine Maschine zu sein scheint. Ganz in der Nähe funkeln die Reklametafeln von Shibuya, das sind die Neonröhren der Love Hotels, Dornröschenschlösser, Sultanspaläste, was der Kunde eben will. Manche haben sogar einen Pool mitten im Zimmer. Verrückt, nicht wahr?
Ein paar Stunden zu bleiben, kostet 3800 Yen, so steht es auf dem Schild, die ganze Nacht 7200. Das ist gar nicht so viel. Dort, sehen Sie nur, die Frau ist mit dem Absatz stecken geblieben! Ob sie wohl in ein Love Hotel wollte? Hier oben ist das Pumpen des Viertels nur dumpf zu hören. Die Musik, das Gekreische der Mädchen, die feuchte Hitze, all das bleibt draußen. Manchmal ist Tokio einfach zu viel. Hier ist es schön ruhig, oder? Eine Insel.
Viele westliche Gäste sind hier, das sieht man sonst kaum. Die Einrichtung wurde mit marokkanischen Stilelementen angereichert, diese mit Blechplatten beschlagene Decke zum Beispiel und die großen Glaslaternen. Der Designer ist erst 27 Jahre alt. Und die Sessel sind wirklich vorzüglich. Da macht sich sofort Entspannung breit. Schnell, einen Cosmopolitan, bitte! Wie schön das ist, einem Klavierspieler zuzuhören. Große Namen aus der Kunstszene kommen hierher. Manchmal auch Filmleute. Nicht heute, zum Glück. Es ist so schön ruhig. Endlich Ruhe.
Absolut IceBar - Wodka im ewigen Eis
Absolut IceBar
Yu Ju hatte nicht geglaubt, dass es so einfach sein würde. Nicht so wie in dem James-Bond-Film, dessentwegen er in die Kälte wollte - da kurvte 007 im Smoking mit einem Aston Martin durch ein Gebäude aus glitzerndem Eis und fror nicht einmal. Jetzt, wo Yu Ju dem Eis so nahe gekommen ist wie nie zuvor, merkt er, dass er leise zittert, weil die Kälte durch die Anzughosen unerbittlich nach oben steigt. Da hilft selbst das silberne Cape nicht, das sie ihm gegeben haben. Fast erwartet er, dass das aus Eis gefertigte Glas in seiner Hand bald zu klirren beginnen wird, dass das Getränk darin zu einem Eisklumpen gefrieren könnte, bevor er es leeren kann. Vielleicht ist der Temperatursturz zu groß. Draußen 32 Grad, hier drinnen minus fünf. Yu Ju blickt zu Mitsukos Füßen. Sie trägt winzige Sandalen, einen kurzen Rock, keine gute Ausstattung für einen Trip ins ewige Eis.
Geschäftsleute, heißt es, kämen nach einem harten Arbeitstag hierher, um sich abzukühlen. Die meisten bleiben nur 20 oder 30 Minuten, bevor es zu kalt wird. Die kurze Zeit genügt, um sich umzusehen, besonders groß ist der Raum ja nicht. Die Wände sind mit klaren Eisplatten verkleidet, in manche sind Bilder von M.C. Escher gefräst. Neben dem Eingang ist die Bar aufgebaut, blau glimmende Eisblöcke und ein Schwung der berühmten Gläser, auch sie, wie alles hier, aus dem gefrorenen Wasser des schwedischen Flusses Torne gefertigt. Yu Ju kippt seinen Wodka hinunter, wenn er sich beeilt, kann er das Glas noch einmal verwenden und 800 Yen sparen. Natürlich ist das Eis kostbar, das ist ihm klar. Der Transportweg ist weit und das Konzept einzigartig. Das berühmte Eishotel im finnischen Jukkasjärvi ist aus demselben Wasser gefertigt. Yu Ju streckt die Hand aus und fährt über die kalte Eisfläche. Wo seine Finger ruhen, bilden sich kleine Rinnsale.
@home saboh - Tee mit Mangogelee, charmant serviert
Das Mädchen streicht sich die schwarzen Haare aus der Stirn und trippelt in den Gastraum. Unter dem Kimono schauen seine Füße heraus, es hat die Zehenspitzen zueinander gekehrt, als wäre es verlegen. Das ist kawaii, niedlich, die Kunden wollen niedliche Mädchen. Seine Stimme hat es zu einem Vogelzwitschern geschraubt. "Unsere Herrin ist zurückgekehrt!", piepst es in den Gastraum. Die anderen maids, Dienstmädchen also, zwitschern zurück: "Willkommen zu Hause, Herrin!" Die junge Frau heiße Sumire, sagt sie, wie das Veilchen, und sie sei 17, so wie alle hier. 17 ist das ideale Alter für ein Dienstmädchen. "Warum kommen die Menschen hierher, Sumire?" - "Nun, sie suchen iyashi, Heilung. Die Welt da draußen ist so grob. Hier drinnen sind sie unsere Herren. Ist das nicht wunderbar?"
Sumire trippelt davon, kehrt mit einer Kanne Tee zurück, fragt, ob die Arbeit anstrengend war, der Chef gemein. Sie kniet sich vor den Tisch, nickt verständnisvoll mit dem Kopf. Gelegentlich lässt sie ein glockenhelles Lachen in den Raum flattern. Dann erhebt sie sich und huscht zum nächsten Gast, legt den Kopf schief und kichert. Das Café ist hergerichtet wie ein traditionelles Teehaus, aber es gibt auch Tische und Bänke. Und eine Bar, in deren Mitte immer zwei, drei Maids stehen. Dort sitzen junge Männer mit blassen Gesichtern, otaku, wispert Sumire. Otaku bedeutet Freak. Es sind Menschen, die meist zu Hause bleiben; die hauptsächlich im Internet leben. Seltsame, blasse Jungs, die einem nicht in die Augen blicken können. Die Maids sind die einzigen Vertrauten in einer Welt, in der es nur Arbeit und Computer gibt und niemanden, der einem ein warmes Gefühl vermittelt. In vielen Maid-Cafés kann man die Dienstmädchen dazu bringen, mit einem Karten zu spielen oder den Gast zu füttern. Die klassischen Maids tragen Dienstmädchen-Outfits mit kurzen Röckchen und Zöpfe. Doch hier, im "@home saboh", sind die Maids in Kimonos gekleidet, haben langes schwarzes Haar und schmale Körper, das ist Einstellungsbedingung. Sumire reicht Mangogelee und Tee und piepst: "Ist alles recht so?" Später hört man ihre Stimme aus der Küche dringen, ein tiefes Bollern. Schön, eigentlich.
La Jetée - Neun Gäste sind einer zuviel
La Jetée
Vielleicht ist es die Enge, die den Filmleuten so gefällt. Das Gefühl, von diesem Raum vollkommen auf das Hier und Jetzt reduziert zu werden. Es gibt nichts, das man beobachten, und besser noch, es gibt niemanden, von dem man selbst beobachtet werden könnte. Wenn acht Personen im "La Jetée" sind, ist der Laden gerammelt voll; kommen neun, muss einer auf dem Schoß eines anderen sitzen. Francis Ford Coppola besucht das "La Jetée" immer, wenn er in der Stadt ist. Der griechische Regisseur Theo Angelopoulos war einige Male da. Isabelle Huppert kam neulich vorbei, Wim Wenders hat sich vor ein paar Wochen hier an der kleinen Holzbar mit dem spanischen Filmemacher Víctor Erice getroffen. Und Johnny Depp natürlich, der schon fast ein Stammgast ist.
Der Schauspieler sitzt gern in der Ecke des winzigen Raumes vor dem einzigen Tischchen und schaut auf die Wirtin Tomoyo Kawai, die hinter dem mickrigen Tresen lehnt wie eine Losverkäuferin in ihrer Bude. Über ihr stehen die Whiskyflaschen der Stammgäste im Regal, ein paar Likörflaschen, aus denen die Wirtin scharf schmeckende Drinks mixt, ohne eine Miene zu verziehen. An der Wand hängt ein Münztelefon, es funktioniert noch. Aus den Lautsprechern eines alten Kassettenrekorders brummt leise Musik, Art Pepper, Betty Carter, Brigitte Fontaine. Das "La Jetée" hat sich seit der Eröffnung 1979 nicht sehr verändert. Eine Zeitkapsel, in der man hocken kann, während vor der Tür die Zukunft alles Alte niederreißt, ein geheimer Ort. Wenn man nicht wüsste, was sich in dieser engen Gasse von Golden Gai hinter der kleinen Tür verbirgt, würde man glatt vorbeilaufen.
Shibuya Medical Prison - Trinken auf der Intensivstation
Shibuya Medical Prison
Kalter Stahl schliesst sich um die Handgelenke. Eine reine Sicherheitsmaßnahme. Die freundliche Krankenschwester spricht beruhigende Worte, als sie den Gast an der Pathologie vorbeiführt. Moment. "Das ist doch eine Küche, nicht wahr?" - "Nein, nein", sagt die Krankenschwester, "das ist die Pathologie. Sie müssen verrückt sein." Natürlich, sonst wäre man ja nicht hier, im Shibuya Medical Prison. In dessen winzigen Zellen werden nur wirklich verrückte Verbrecher untergebracht, 160, wenn alle Zellen belegt sind. Ein Arzt gesellt sich zur Krankenschwester, blättert im Patientenbogen. "Machen Sie sich keine Sorgen", sagt er, "wir geben Ihnen die richtige Medizin, dann fühlen Sie sich bald besser." Quietschend schnappt die schwere Gittertür zu. Das Schild mit der Aufschrift "Intensivstation" bebt. Die Zelle ist klein, nur ein paar Kissen auf dem Boden und ein winziger Tisch. An den Wänden hängen alte Transfusionsschläuche.
Wenig später bringt die Krankenschwester die Medizin. "Künstlicher Schock" heißt das Gebräu, es wird aus verschiedenen Reagenzgläsern von den Patienten selbst gemixt. "So, das trinken wir jetzt brav", sagt die Krankenschwester, die gelernt hat, dass man mit Verrückten in einem freundlichen, aber bestimmten Ton reden muss. Später bringt sie ein Getränk namens "Experiment". Trockeneis quillt aus dem Glas, darunter schwappt eine blaue Flüssigkeit. Die Mitgefangenen in der Zelle nebenan trinken Bier aus einer Urinflasche. Plötzlich geht das Licht aus. Eine Sirene schrillt über den Flur. "Achtung, Ausbrecher!", schreit die Schwester. Hechelnd hetzt ein Entflohener vorbei, kreischt, schlägt um sich, reißt Zellentüren auf. Die Gefangenen johlen und strecken ihre Hände durchs Gitter. Als der Ausbrecher eine erlösende Spritze bekommt und abgeführt wird, geht das Licht wieder an. Schnell rutschen die Gefangenen auf ihre Plätze zurück, als sei nichts gewesen. Gute Führung, hat die Schwester gesagt, sei alles.
New York Bar - Whisky wie in "Lost in Translation"
New York Bar
Es muss diese Stelle gewesen sein, an der dieser Schauspieler seiner Partnerin die Flucht vorgeschlagen hat. Bill Murray war das, nicht wahr, und Scarlett Johansson, so eine schöne Frau. Jetzt bin ich mir sicher, es war hier. Sehen Sie, welchen Blick man von hier auf die Stadt hat? "Erst müssen wir aus diesem Hotel heraus, dann aus der Stadt, dann aus diesem Land" - etwas in der Art hat er zu ihr gesagt, sie haben die Stadt nicht im geringsten kapiert. Ich glaube, die Jazzband spielte damals "The Thrill Is Gone", die Sängerin war schrecklich exaltiert. Nicht so wie die heute, die hat wirklich Stil. Darf ich Ihnen meine Karte geben, Mariko Sato, sehr erfreut. Ich bin Stammgast, nicht immer, nein, es gab eine Phase, da bin ich überhaupt nicht hergekommen, trotz der schönen Aussicht und der herrlichen Stimmung. 52 Stockwerke, das ist auch für einen Einheimischen eine besondere Sache.
Ich höre immer, dass ich ganz untypisch bin für eine Japanerin, wollen Sie wissen, warum? Ich habe geschäftlich viel mit Ausländern zu tun, das färbt ab. Weshalb ich länger nicht hier war? Das hatte sogar etwas mit dem Film zu tun. Seitdem sind hier so viele amerikanische Geschäftsleute. Mein Freund ist mit einer Amerikanerin durchgebrannt, wirklich, glauben Sie mir, es geschah gleich hier vor meinen Augen. Ich konnte gar nichts tun. Sehen Sie diese schönen Sessel dort am Fenster? Dort war es. Ich hatte schon länger so eine Vermutung. Eines Abends ist sie hereingekommen und so offen mit ihm umgegangen, dass ich wusste, die beiden kennen sich intim. Und das war es dann. Ich habe mich danach gefühlt, als hätte die Bar mich betrogen. Nicht der Mann, sondern die Bar. Komisch, oder? Weil sie doch meine Komplizin war. Ich habe mich hier immer beschützt gefühlt. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Doch dann bin ich wiedergekommen: Der Service hier ist einfach unglaublich. Und das Design. Das kann ich doch nicht einfach aufgeben.
Bar Rouge - Heimliche Liebeleien zwischen Araki-Fotos
Bar Rouge
"Wissen Sie, ein Raum sollte eine Erweiterung des Lebens anbieten. Das betrifft alle Gebiete. Wer von der Arbeit kommt, wird sich hier entspannen und auf andere Gedanken kommen. Wer eine heimliche Liebesgeschichte hat, findet in uns einen Komplizen." - "Ist deshalb alles rot und ein wenig dunkel? Die ganze Bar vermittelt Heimlichkeit." - "Nun, das ist genau so gedacht. Die Bar Rouge bietet dem Gast einen Ausstieg aus der hektischen Welt. Und die Einrichtung gehört natürlich zum Konzept. Wir haben alles so geplant, ohne Kompromisse. Sehen Sie nur hinter den Tresen, dort finden Sie Gläser aus antikem Baccarat-Kristall. Unsere Kunden sollen nur das Beste bekommen." - "Es heißt, der berühmte Fotokünstler Nobuyoshi Araki sei für das Konzept verantwortlich. Arakis Fotos sind in Japan oft zensiert worden. Wenn das stimmt, dann sind hier erstaunlich wenige Obszönitäten zu finden." - "Zu Araki darf ich Ihnen leider nichts sagen." - "Aber diese drei Fotos dort, die sind doch von Araki, das müssen Sie zugeben!" - "Ja, die sind von ihm. Aber wir wünschen keinen Personenkult, das wäre nicht in Arakis Sinn. Die Leute sollen ja nicht hierher kommen, weil Araki nein, dazu darf ich wirklich nichts sagen, das ist so abgemacht. Da müssen Sie sich an sein Management wenden." - "Profitiert denn eine Bar nicht davon, wenn sie von einem so berühmten Künstler gestaltet worden ist?" - "Also, jetzt sage ich kein Wort mehr zu Araki! Wovon wir profitieren, ist unser ausgezeichneter Service, sind die Cocktails und die Privatsphäre, die der Gast bei uns findet. Sie müssen verstehen, Privatsphäre ist wichtig in Tokio. Die Menschen haben kaum Orte, an denen sie ungestört sein können. Ab einem gewissen Alter möchte man nicht mehr in eine Karaokebox gehen, um unter sich zu sein. Menschen mit Stil kommen daher zu uns."