Toronto Sicher, sauber, sexy
Toronto, Ontario: "Mamma Mia" ist zu Ende, das Abba-Musical entlässt seine Zuschauer auf die Straße. Es ist halb elf, die Nacht ist jung. Vom Royal Alexandra in der King Street zieht man in die Kneipen und Restaurants des Entertainment District oder nach Chinatown. Zu Fuß, zum Beinevertreten. Weil's gesünder ist.
Glückliches Toronto. Dabei hat es alle Voraussetzungen, so unregierbar zu sein wie New York. Mit 4,3 Millionen Einwohnern ist es die größte Stadt Kanadas und die viertgrößte Nordamerikas. Handels- und Bankenzentrum steht auf der Visitenkarte, Schrittmacher der Nation. Kosmopolitischste Stadt des Kontinents, über 100 ethnische Gruppen, noch mehr Sprachen und Dialekte. Und bei Touristen immer beliebter.
Diese bestaunen die höchste Skulptur der Welt, den 533 Meter hohen CN-Tower, besuchen in der Hockey Hall of Fame den Stanley Cup in seiner streng bewachten Stahlkammer und treffen sich im Royal York zum Fünf-Uhr-Tee. Und abends dann ins Theater: Toronto bringt nach New York und London die meisten Theaterstücke und Musicals auf die Bühne. Und danach vielleicht noch in die Neighbourhoods. Zum Essen nach Little Italy. Zum Schwoofen nach Queen Street Village. Oder nach Greektown. Alles geht. Mit Betonung auf "geht".
Nicht dass in der Metropole am Lake Ontario lauter Heilige lebten. Aber Toronto ist so sicher wie die eigene Brieftasche. Am Ende der nächtlichen Sause fragt man sich nicht nervös, wo zum Teufel das verdammte Taxi bleibt.
Damit ist die Stadt unter den Großstädten Nordamerikas ein Unikum. New Yorker Eltern, heißt es hier, bringen ihre halbwüchsigen Kinder nach Toronto, um ihnen eine Stadt zu zeigen, in der man sich nachts auf den Straßen herumtreiben kann, ohne erschossen zu werden. Filmcrews aus Hollywood drehen hier, weil es billiger ist und weil niemand Kabel klaut oder die Stars belästigt.
Zyniker und Journalisten mit großem J- haben natürlich längst eine Antwort auf dieses Phänomen: Toronto ist schlicht und einfach sterbenslangweilig. Und bis Anfang der achtziger Jahre hätten sie wahrscheinlich sogar Recht gehabt. Bis dahin hatte Toronto es zu nur wenig schmeichelhaften Beinamen gebracht, darunter "Hogtown", weil bis um 1850 Schweine auf den Straßen herumstreunten, und "Toronto the Good", weil abends absolut nichts los war in dieser Hochburg der "White Anglo Saxon Protestants".
Noch lange nachdem Einwanderer aus aller Welt Farbe, Gerüche und Geschmacksvielfalt gebracht und eine überwiegend katholische Stadt aus Toronto gemacht hatten, war das beste, wozu sich ein prominenter Besucher durchringen konnte, der Kommentar von Peter Ustinov: Der sah Toronto als ein von Schweizern betriebenes New York. Wobei neben "sauber" und "sicher" das Adjektiv "langweilig" zumindest zwischen den Zeilen mitschwang. Aber das war einmal. Schon der erste Bummel zeigt, dass Toronto seine Kritiker längst überholt hat. Die Stadt beherbergt die größte Schwulen- und Lesbengemeinde Kanadas. Ertrinkt in Cappuccino. Nennt sich cool T.O. und bewirbt sich für die Olympischen Sommerspiele 2008. Und hostet in einer Woche Lauryn Hill, Cher, Christina Aguilera und die Backstreet Boys.
Wie Toronto es schafft, sauber, sicher und sexy zugleich zu sein, erfährt man am ehesten auf einer Tour durch das CHUMCity Building. Das viktorianische Gebäude an der Queen Street West ist das Hauptquartier des innovativen Medienunternehmens CHUM Ltd., einer interaktiven Fernsehfabrik ohne Büros und Studios auf fünf Etagen, wo sich jeder Punkt des Hauses innerhalb weniger Minuten in einen Set verwandeln lässt.
Das 24-Stunden-Unternehmen ist für Abräumer wie MuchMusic und Fashion TV verantwortlich: Lange vor MTV besuchte MuchMusic die Rockstars backstage, forschte Fashion TV nach den Menschen hinter dem schönen Schein. Inzwischen hat MuchMusic sein Konzept weltweit exportiert. Und Fashion TV wird in 130 Ländern ausgestrahlt.
Jeanne Beker war immer mittendrin. Erst als Frontfrau von MuchMusic, dann als Moderatorin bei Fashion TV. Inzwischen ist die flamboyante Musikjournalistin, Kolumnistin und Produzentin selbst ein Star. In den USA hätte sie heute wahrscheinlich ihre eigene Fernsehshow. Aber sie ist in "T.O." geblieben - weil sie, sagt sie, lieber auf dem Zaun sitzt. Da behält sie die Übersicht, bleibt auf dem Boden. Was wichtig sei in ihrer übergeschnappten Branche. Natürlich sehe ihre Heimatstadt gegen New York, Paris und London alt aus, obwohl hier so viel los sei. "Toronto ist trendy und funky", sagt sie. "Aber es treibt die Dinge nicht auf die Spitze. Allein schon deswegen, weil wir Kanadier von Natur aus nicht extrem sind und nirgends anecken wollen. Wir arbeiten hart, bleiben aber bescheiden, weil wir keine Wellen schlagen wollen und alles und jeden respektieren."
Kommt da bei allem Hip und Hopp etwa doch wieder das alte "Early to bed, early to rise"-Ideal durch? Das puritanische Erfolgsrezept? Ein paar Meter weiter geht ein Kamerateam in Stellung. Jennifer Lopez hat sich angekündigt. Beker: "Stimmt. Es ist ein Erfolgsrezept. Aber es ist sicher kein Rezept, um reich, schön und berühmt zu werden. Es ist eher ein Rezept für ein komfortables Leben. Deshalb kommen die Leute nach Toronto. Dies ist der beste Orte, um Kinder großzuziehen. Und es hat nicht die Arroganz von New York oder Paris."
Toronto, Ontario: Das Konzert der Backstreet Boys im SkyDome ist zu Ende. 50.000 meist weibliche Fans strömen auf die Front Street. Es ist 11 Uhr. Wer nicht sofort mit den Eltern nach Hause fährt, geht in die nächste Disco. Mit Betonung auf "geht".