Träne aus Marmor Das Grabmal Taj Mahal
Wie eine steingewordene Träne steht das Taj Mahal am Westufer des Yamuna-Flusses in der nordindischen Stadt Agra. Der Blick vom Marmorbauwerk über die Flussauen bis zum Horizont scheint unendlich. So unendlich wie die Liebe, die den Mogul und seine Lieblingsfrau, die er "Auserwählte des Palastes" nannte, einst verband.
Noch heute ist ein magischer Zauber in dem prunkvollen Mausoleum zu spüren, für das etwa 20.000 Arbeiter mehr als 20 Jahre schufteten. Außerhalb der roten Sandsteinmauer, die die Anlage an drei Seiten umgibt, ist Indien ohrenbetäubend laut, schrill und zubetoniert. Ein Schritt durch das 30 Meter hohe Tor - und die hektische Welt wird ausgesperrt.
Sogar das Vogelgezwitscher ist in der gepflegten Gartenanlage wieder zu hören. Nicht nur ausländische Urlauber, auch viele Inder, die das islamische Prachtbauwerk aus dem 17. Jahrhundert besichtigen, sind ergriffen. Was auf der Straße verpönt ist, ergibt sich im weltgrößten Denkmal, das je aus Liebe gebaut wurde, wie von selbst: Auch indische Pärchen gehen Hand in Hand.
Das strahlend weiße Marmorgebäude des Taj Mahals lässt die Sonne zu jeder Tageszeit anders erscheinen. Bei Sonnenauf- oder -untergang tauchen die frühen und die späten Strahlen das Gebäude in ein rötliches Licht. Im Dunkeln zeichnet sich die große Silhouette wie ein Scherenschnitt aus 1001 Nacht am Horizont ab.
Der Blick fällt auf das weiße Marmormausoleum, das erhaben auf einer Plattform hinter einem schmalen Wasserbassin thront. Wohin soll man zuerst schauen? Auf das Original oder lieber auf die märchenhafte Spiegelung im Wasser? Traumschön sind beide Bilder: In der Mitte des symmetrischen, achteckigen Baus reckt sich über einer großen Eingangspforte die zwiebelförmige Kuppel über 70 Meter hoch in den Himmel. Zart und weich wirkt das Gebäude, das indische und persische Bauelemente aufweist. Ob die vier 30 Meter hohen schlanken Minarette, die auf den Ecken der Plattform stehen, das Gebäude in alle Richtung beschützen sollen oder als Symbol der männlichen Macht gelten, bleibt unbeantwortet.
Schon von weitem schimmern und blitzen die vielen in die Fassade eingearbeiteten Edelsteine - wie Smaragde, Achate und Lapislazuli - in der Sonne. Sie bilden Worte, ganze Sätze, kunstvolle geometrische und Blumenornamente, die das Bauwerk schmücken, das seit 1983 zum Unesco Weltkulturerbe der Menschheit gehört. Mit sanften, leisen Schritten - ohne Schuhe, um die Toten nicht zu erschrecken - nähern sich die Besucher dann der Haupthalle mit dem Heiligtum im Innern.
Bedächtig und ehrfurchtsvoll umschreiten sie das achteckige filigrane Marmorgitter, hinter dem die fein gearbeiteten Sarkophage des Liebespaares zu sehen sind. Der kleinere gehört zu Mumtaz, der pompöser und größer wirkende zu ihrem Ehemann. Doch die Überreste der Liebenden liegen heute abgeschirmt in der Krypta, ein Stockwerk tiefer. So sind die beiden im Tod wieder vereint.