Travel Log Island: Raggi und die Vaginas - DER SPIEGEL
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Travel Log Island Raggi und die Vaginas

Isländer feiern bis zum Umfallen, werden aber auch im Vollrausch selten aggressiv. Familien singen und trinken gemeinsam, alte Showstars treten für ein junges Publikum auf und der Wodka heißt "Fisherman's Friend". Ein Besuch beim "Thjodhatid", dem alljährlichen Sommerfest auf den Westmännerinseln.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Thuridur Helga Guldbrandsdottir steht am Herd in rührt in einem großen Topf. Es riecht nach Kraftnahrung und es sieht aus, als würde sie für eine ganze Fußballmannschaft kochen. Aber hinter der korpulenten Hausfrau sitzt nur ihr Mann, Steingrimur Palsson, in der Küche und liest das "Morgunbladid" von gestern.

Steingrimur ist Fischer, er arbeitet auf "ENGEY RE 1", einer schwimmenden Fabrik mit 27 Mann Besatzung. Einen Monat fährt er zur See, einen Monat bleibt er an Land bei seiner Familie. Thuridur findet nichts dabei, dass Steingrimur liest, während sie arbeitet. Kochen ist ihr Leben; tagsüber für die Schüler einer Ganztagsschule in Reykjavik, abends zu Hause. Und wenn Anfang Juni die großen Ferien anfangen, ziehen Thuridur und Steingrimur, die anders als die meisten Isländer kein eigenes Sommerhaus haben, aus Reykjavik ins Hochland, wo sie das "Afangi" übernehmen.

"Afangi" heißt so viel wie "Ziel der Reise", bedeutet aber in diesem Fall eher "Oase", denn nach einer stundenlangen Fahrt über eine einspurige Schotterpiste, ohne Parkplatz, Rastplatz, Telefon oder auch nur einen Kaffee-Automaten, kommt einem das "Afangi" wie eine luxuriöse Fata Morgana mitten in der Wüste vor; ein flacher Bau mit einer großen Wohnküche und acht kleinen Räumen mit je vier Betten.

Die Reisenden werden am Eingang gebeten, ihre Schuhe auszuziehen, auf einer Preisliste steht, was man bei Thuridur bekommen kann: "Kaffi og kaka", Kaffee und Kuchen für 500 Kronen, Suppe und Brot für 600 Kronen. Ein "Foder" kostet 4000 Kronen, das hört sich nach viel an, ist aber für einen Heuballen von 300 Kilo Gewicht ein angemessener Preis. Denn ins "Afangi" kommen auch Gruppen zu Pferd. Ende August ist das Motel voll belegt. "Mit Cowboys", sagt Thuridur und korrigiert sich sofort: "Mit Sheepboys". Sie meint berittene Hirten, die ausgewachsene Schafe zusammen treiben, die den Sommer im Hochland verbracht haben, um sich als "isländische Bio-Lämmer" zu qualifizieren, bevor sie als Frischfleisch auf dem Teller oder in der Tiefkühltruhe landen.

Zum Frühstück gibts es Haferflocken mit Blutwurst

Die "Sheepboys" sind echte Männer. Sie stehen um sechs Uhr auf, gehen um Mitternacht schlafen und wollen ordentlich essen. Morgens bekommen sie von Thuridur Haferflocken mit "Blodmör", einer Art Blutwurst aus Schafsblut und Schafsfett, abends die traditionelle isländische Fleischsuppe. "Und nach dem Essen", sagt Thuridur, "sitzen die Jungs zusammen, singen isländische Volkslieder oder erzählen sich Geschichten aus den Sagas".

Wenn die "Sheepboys" mit ihrer Arbeit fertig sind, Ende August, räumt Thuridur das "Afangi" auf, macht es zu und fährt zurück in die Stadt, nach Reykjavik. Im Winter ist die Straße unpassierbar. Nicht einmal die härtesten "Sheepboys" würden es wagen, über das Hochland zu reiten. Thuridur und Steingrimur sind beide erst 34 Jahre alt, haben aber schon eine erwachsene Tochter.

Sandra Dögg ("Morgentau") ist 17, geht noch zur Schule und mag es gerne etwas geselliger und lauter als ihre Eltern. Statt mit ihnen ins Hochland zu fahren, fährt sie mit Freunden zum "Thjodhatid", dem großen Sommerfest auf den Westmännerinseln. Das hat, wie vieles in Island, eine lange Tradition. 1874 feierten die Isländer den Anfang der "Landnahme" vor 1000 Jahren - in Thingvellir, wo sich in der Frühzeit die Ältesten trafen, um Gesetze zu beschließen und Gericht zu halten.

Viel Musik und noch mehr Alkohol

Nur die Einwohner der Westmännerinseln waren nicht dabei, weil das Wetter so schlecht war, dass kein Schiff zum Festland rübersetzen konnte. Also machten sie ein eigenes Fest, und das gibt es seit inzwischen 131 Jahren. Das "Thjodhatid" ist eine Mischung aus Woodstock, Fasching und Halloween, mit viel Musik, noch mehr Alkohol, wenig Sex und noch weniger Aggressivität.

"Man kann die Isländer nicht verstehen, wenn man es nicht einmal erlebt hat", sagt Kristin, die auf den Westmännerinseln geboren wurde und dort das "Innovationsbüro" leitet. "Es ist eine Familienfeier, zu der 10.000 Isländer anreisen." Dann ist von Donnerstag bis Montag Ausnahmezustand, und der Golfplatz von Haemey, einer der schönsten in Europa, verwandelt sich in ein Zeltlager. Die Besucher vom Festland campieren in kleinen bunten Zelten, während die Insulaner in geräumigen weißen Zelten wohnen, die etwa drei mal vier Meter groß sind und zusammen eine Zeltstadt mit Straßen bilden, die sogar Namen tragen.

In der Tysgata Nr. 28 residiert Fridfinnur Finnbogason mit seiner Familie. Sein jüngster Sohn ist 18, sein ältester Enkel 17, die beiden sehen wie Brüder aus und benehmen sich auch so. Das heißt, sie teilen sich eine Flasche Wodka der Marke "Fisherman's Friend". Und weil Wodka allein nicht schmeckt, trinken sie zwischendurch Gin mit Ananassaft und und "Viking"-Bier aus Halbliterdosen. Es ist erstaunlich, wie viel sie vertragen, noch erstaunlicher ist es allerdings, mit welcher Gelassenheit ihre Eltern hinnehmen, dass sich die Jungs randvoll abfüllen. Es gibt aber nicht nur viel zu trinken, sondern auch viel zu essen. Unter anderem "Flatkaka med hangikjöti", Fladenbrot mit geräuchtertem Lamm, und Schmalzgebäck.

Fridfinnur, 1950 geboren, kann mithalten, ohne sich anzustrengen. Bis vier Uhr morgens feiert er mit den Seinen, dann geht er heim, legt sich kurz schlafen und steht um 12 Uhr wieder in seinem Geschäft "Eyabud"(Inselladen), wo er von der Taucherglocke über den Kompass bis zum Karabinerhaken alles vorrätig hält, was der Seefahrer braucht. Nebenbei bietet er auch Reisen in die Türkei, nach Spanien und Portugal an. "Was für ein wunderbares Wetter!" jubelt er, obwohl es am Vortag und die ganze Nacht geregnet hat. Denn er verkauft auch gelbe Öljacken und rote Ölhosen - die beiden letzten Tage waren gut fürs Geschäft. Wenn es nach ihm ginge, könnte es weiter regnen, bis das Sommerfest vorbei ist. Das Ölzeug hält trocken, und für die innere Wärme gibt es ja den "Brennivin" eine isländische Spezialität aus Kartoffeln und Kümmel, die auch den Spitznamen "Black Death" trägt.

Die Isländer haben Mut und "riskieren was"

Fridfinnurs Nachbar im Zelt Nr. 26 ist sein alter Freund Asgeir Sigurvinsson, 50. Die beiden haben vor vielen Jahren in derselben Mannschaft Fußball gespielt, aber nur Asgeir hat es weit gebracht. Er wurde Profi, ging 1973 nach Belgien zu Standard Lüttich, 1981 für ein Jahr zu Bayern München und spielte dann von 1982 bis 1990 beim VfB Stuttgart. Heute besitzt er einen Getränkehandel in Denkendorf, trainiert die isländische Nationalmannschaft und makelt nebenbei mit Immobilien in Reykjavik, wo derzeit die Preise für Grundstücke und Häuser explodieren. Asgeirs Frau Asta ist Modedesignerin mit eigener Marke, Tochter Tanja will Pilotin werden.

Die Familie lebt schon lange in Reykjavik, aber einmal im Jahr kommen sie auf die Westmännerinseln, um Freunde und Verwandte beim Sommerfest zu treffen. An das Unentschieden beim Länderspiel gegen die deutsche Auswahl denkt Asgeir gern zurück, auch an den anschließenden Ausraster von Rudi Völler. Das hatte nicht nur mit dem Ausgang des Spieles zu tun, meint der Isländer. "Die Deutschen haben immer Tränen in den Augen", die Isländer dagegen "Mut und sie riskieren was". Zur Zeit seien sie dabei, "halb Europa aufzukaufen", Banken in Skandinavien, Handelsketten in England, Telefongesellschaften in Osteuropa. "Bald werden wir auch in Deutschland groß einsteigen." Nein, Bescheidenheit ist in Island keine Tugend.

"Ich heiße Ragnar Bjarnason, man nennt mich den isländischen Frank Sinatra", sagt der Mann, den alle nur Raggi nennen. Tatsächlich sieht er eher wie Udo Jürgens aus. 1934 in Reykjavik geboren, tritt er seit 1954 auf, letztes Jahr feierte er sein 50-jähriges Jubiläum. Er singt im strömenden Regen auf der großen Festbühne, und es sind gerade die jungen Isländer, die ihm zujubeln, als wäre er die ältere Ausgabe von Robbie Williams. Raggi dagegen macht es nichts aus, dass nach ihm eine lokale Mädchenband spielt, die sich "The Vaginas" nennt. Trinken, singen, sich gehen und andere gewähren lassen - das scheint der isländische Weg zum Glück.

Am nächsten Morgen, während die Zeltstadt noch schläft, steht Raggi früh im Hotel Thorshamar auf, er hat zwei Auftritte vor sich, nachmittags in einer Kirche, abends in einem Club. Als er das Hotel mit seinem Pianisten Thorgeir Astvaldsson verlässt, lauern ihm drei junge Fans auf, alle zusammen so alt wie Raggi allein. "Du warst wunderbar!" rufen sie. Raggi strahlt und gibt Autogramme. "Ich komme nächstes Jahr wieder", verspricht er. Dann will er auch sein Lieblingslied singen: "My way." Damit ist schon Frank Sinatra berühmt geworden.