Unterwegs in China: Rad, Land, Fluss - DER SPIEGEL
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China: Radfahren im Reich der Mitte

Foto: Stefen Chow

Unterwegs in China Rad, Land, Fluss

Die spinnen, die Deutschen! Langnasen, die 660 Kilometer durch die Volksrepublik radeln, ernten reichlich Kopfschütteln - und jede Menge Mitleid. Für die Chinesen ist klar: Wer sich so auf dem Fahrrad quält, ist zu arm für ein Auto. Eine Velo-Tour durchs Reich der Mitte.
Von Kirsten Bertrand
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was uns bevorsteht, ahne ich, als wir das erste Mal nach links abbiegen wollen. Drei Langnasen auf Fahrrädern - mein Freund Jochen, unser Guide Andreas und ich - an einer mehrspurigen Kreuzung in Guilin, eingekeilt in einem Heer motorisierter Chinesen.

Hier herrscht das Recht des Stureren: Wie auf ein geheimes Zeichen hin stürmen alle gleichzeitig die Kreuzung, wir mittendrin, halb mitgerissen, halb geschoben, allen im Weg, nirgends sicher. Linksabbiegen überlebt man so: direkt in den Gegenverkehr steuern (ja, geradewegs rein!), locker im Lenker, niemals das Tempo reduzieren, auch nicht für Menschen auf Zebrastreifen, und mindestens zweimal an Stellen überholen, wo man weder Platz noch Vorfahrt hat. Herzrasen ignorieren, Einbahnstraßenschild auch. Geschafft. In Deutschland wäre ich nach solch einem Manöver wohl meinen Führerschein los. In China kommt man anders nicht voran.

Zwei Wochen wollen wir über Land fahren, eine 660-Kilometer-Runde durch das Autonome Gebiet Guangxi in Südchina. Von der Stadt Guilin aus grob Richtung Westen, über die Berge vor Sanjiang, durch die Täler des Rong- und des Xianu-Flusses und zurück am Li-Fluss. Jenseits der Millionenstädte, in unserem eigenen Tempo, auf dem Fahrrad.

Die wichtigste Lektion unserer Tour haben wir bereits am ersten Tag gelernt: Dieses Volk bremst nicht.

Von Guilin bis Wantian - Im Hinterhof Chinas

Subtropische Hitze überbrüht das Land, ich weiß nicht, ob das Flimmern vor meinen Augen vom Klima oder vom Kreislauf kommt. Ich keuche. Jochen pfeift ein Lied, obwohl er mein schweres Gepäck übernommen hat. Ich bete insgeheim um kühlen Wind. Wenn möglich, bitte von hinten.

Kurz hinter Guilin haben wir die Hektik der 600.000-Einwohner-Stadt abgehängt. Kobaltblau getupfte Schmetterlinge, groß wie Fledermäuse, torkeln um unsere Köpfe, Zikaden geben schrille Einton-Konzerte; Jochen hilft einer neongrünen, dornigen Raupe, dick wie eine Bockwurst, über die Straße. Wir radeln durch Bauernland: Lotus-, Mais- und Chilifelder, Mandarinenhaine, die ersten Reisterrassen. Dazwischen hingewürfelte Dörfer aus zweistöckigen Zementhäusern, seltsam provisorisch. So als warte jedermann darauf, dass bald etwas Großes geschieht. Die Straßen selbst fahren sich wie Startbahnen in ein neues Zeitalter- so perfekt glatt, breit und schlaglochfrei, dass man als Bewohner einer deutschen Großstadt nur neidisch werden kann.

Guangxi, eine Fläche wie Großbritannien und lange Zeit eher ein Hinterhof Chinas, schwebt im Aufwind: Die Zentralregierung investiert hier derzeit rund 1,5 Billionen Yuan, etwa 175 Milliarden Euro. Die gut 49 Millionen Menschen, davon rund 40 Prozent Minderheiten wie die Zhuang, Yao oder Dong, sollen neue Eisenbahnlinien bekommen, Flug- und Seehäfen, Wasser- und Stromnetze. In Vorfreude auf die glänzende Zukunft hat man in einigen Dörfern bereits riesige Parkplätze planiert. Autos fehlen noch. Stattdessen stehen dort dünne Bauern, die Reis und Chilischoten akkurat rechteckig zwischen die Trennlinien der Parkbuchten schaufeln - zum Trocknen. Wo der Fortschritt noch hinterherhinkt, springt das Alte ein.

Von Wantian bis Ping'An - Radeln durch ein Bilderbuch

Wir haben diese Landschaft schon auf so vielen Fotos gesehen, dass wir fast glauben, selbst durch ein Bilderbuch zu radeln. Hunderte Karsthügel erheben sich aus Gemüse- und Reisfeldern, 200, 300 Meter hoch, umhüllt von einem subtropischen Pflanzenmantel aus Schilf, Bambus und Farn. Chinesen erkennen in den Hügelkonturen Kamele, Schnecken, Pinselhalter, Drachen, Bambusschösslinge. Wir sehen eher Zuckerhüte, Zipfelmützen und Zähne. So schön kann Kalk sein.

Man darf wohl behaupten, dass buchstäblich jeder Chinese um diesen Landstrich weiß: aus Gedichten, von Zeichnungen, und wem das zu schöngeistig ist, der kennt die Gegend von der 20-Yuan-Note, die einen Fischer auf dem Li-Fluss zwischen Felsbuckeln zeigt. Für Chinesen der Inbegriff lieblicher Natur. "Lieber ein Guiliner sein als ein Unsterblicher!", schrieb einst ein Politiker. Allerdings musste der nicht bei 32 Grad Dutzende Serpentinen bergauf strampeln. Und er wurde auch nicht von jedem, jedem, jedem Auto-, Lastwagen- und Motorradfahrer markerschütternd laut angehupt.

Abends klingelt mein linkes Ohr. Wir rätseln, ob das Gehupe Gruß oder Einschüchterung sein soll. Jochen vermutet, es könnte auch heißen: Spinnt ihr? Denn als Radfahrer, zumal mit Helm, sind wir Exoten der Landstraße. Kaum einer sonst radelt. Und das in China, dem "Königreich der Fahrräder", mit angeblich 500 Millionen Rädern. Wo noch in den 1990ern jährlich 30 Millionen "Fliegende Tauben" oder "Phönixe" allein für China aus den Fabriken kamen. Wo die Regierung einst verkündete, jeder Haushalt brauche drei Dinge: eine Nähmaschine, eine Armbanduhr und ein Rad. Und wo ein Mann ohne Fahrrad Probleme bekommen konnte, eine Frau zu finden. Heute gilt das wohl eher für einen Mann mit Rad.

Einmal überholt uns doch ein Männlein auf seinem scheppernden Ein-Gang-Rad, auf dem Gepäckträger zwei Brettchen und eine Gurke. "Aus Deutschland kommt ihr? Ihr fliegt den weiten Weg nach China, und dann könnt ihr euch kein Auto leisten?" Grinsend biegt der Bauer in einen Feldweg ab, als müsse er das schleunigst in seinem Dorf erzählen.

Von Ping'An bis Rongshui - Schmackhafte Schlangen

In Ping'An fährt kein Lastwagen, kein Auto, kein Rad; das 800-Seelen-Dorf ist so kühn zwischen die Berge gezwängt, dass nur schmale Steinwege und Treppen zwischen den Holzhäusern hindurchführen. Wir stellen die Räder am Dorfeingang ab. Drei drahtige Yao-Frauen mit Bambuskörben auf dem Rücken schleppen unsere Radtaschen ins Hotel. Ein paar chinesische Touristen lassen sich sogar auf Sänften hinauftragen.

In einer Gasse bietet eine alte Händlerin eine schwarze Schlange im Drahtkäfig an - 350 Yuan, murmelt sie. So viel? Das ist fast der Wochenlohn eines Arbeiters. "Schlangen sind schwer zu fangen", sagt die Alte. "Aber sehr schmackhaft! Wollt ihr?" Wir winken ab. Eine Stunde später, auf einer erst kürzlich in den Berg gefrästen Straße hinter Ping'an, die zu einem neuen Staudamm führt, entdecken wir die gleiche Schlange. Jemand hat ihr den Kopf mit einem Stein zertrümmert und sie liegen lassen. Schmackhaft? Eher Geschmackssache.

Kurz darauf stehen wir in einem Wunder: den Reisterrassen von Longsheng. Es müssen Tausende sein, die wir bergauf, bergab durchwandern. Schilder mit roter Schrift stecken in den Feldern: "Respektiert die Arbeit der Bauern! Ehrt die Feldfrüchte!" Gleichmäßige Schläge wie von einer Trommel hallen durch das Tal: Zwei Männer schlagen die Reisrispen mit Schwung in einem hölzernen Bottich aus. Ein junger Mann in Flipflops überholt uns mit federndem Gang, auf dem Rücken einen Zentnersack Reis. In zwei Jahren können die Bauern bis zu fünf Mal ernten. Wie schwer die Arbeit fällt, sehen wir an den Alten: Viele gehen so schmerzlich vornübergebeugt, als seien sie in der Mitte zerknickt. Und überall zwischen den Terrassen graue Grabsteine. Noch im Tod sollen die Reisbauern den Anblick ihres Lebenswerks genießen. Abends bestellen wir Reis mit Fleisch, im Bambusrohr gegart. Ich esse jedes Reiskorn so andächtig, wie es mich die Felder von Longsheng gelehrt haben.

Von Ping'An bis Sanjiang - Reitpeitsche gegen Hundeattacken

Man sollte gut überlegen, was man sich wünscht, denn es könnte in Erfüllung gehen. Ich wollte Abkühlung - jetzt regnet es, bei 16 Grad.

Im Tal hinter Ping'an treffen wir einen chinesischen Mountainbiker, ganz in Signalgelb. Er ist aus Kanton hierhergeradelt, über 500 Kilometer. Warum, fragen wir, fahren in China so wenige mit dem Fahrrad? Er lacht. "Ganz einfach. Seit bei uns der Wohlstand ausgebrochen ist, will sich niemand mehr anstrengen. Laufen, Rad fahren, das mussten alle lange genug. Jetzt lassen sie sich fahren. Die Chinesen sind gern faul."

Wir sehen es in jedem Ort: Wer es sich leisten kann, fährt Auto, wer es sich nicht leisten kann, fährt Elektro-Motorrad. Schicke Chinesinnen schnurren auf rosafarbenen Ein-PS-Scootern neben uns her, in Stöckelschuhen und mit Smartphone, Familien quetschen sich zu viert auf einen Sitz. Die günstigsten Roller kosten rund 300 Euro; in ganz China sollen bereits 120 Millionen fahren, jährlich kommen 20 Millionen dazu. Der Elektro-Trend, der in Europa zaghaft beginnt, hat hier bereits die Massen erfasst. Wer noch Fahrrad fährt, passt nicht in die Zeit.

Nach 60 nassen Kilometern lernen wir vor einer Werkstatt Günther aus Deutschland kennen, Weltumradler, allein unterwegs, ohne ein Wort Chinesisch sprechen zu können. Abends, sagt Günther, schlage er einfach neben einem Feld sein Zelt auf, obwohl das verboten ist, und in Garküchen zeige er zum Bestellen auf das Essen des Nachbarn. Griffbereit am Sattelrohr hängt eine Reitpeitsche. "Gegen Hundeattacken." Wir wundern uns. Sämtliche Hunde, die uns bislang begegnet sind, lagen dösend vor Häusern oder, honigbraun gebraten, auf den Nachtmärkten. Viel tückischer sind Hühner und Enten, die plötzlich auf die Straße watscheln, Kühe, die hinter einer Serpentine auftauchen, und enorm hohe Wasserbüffelhaufen mitten auf dem Weg.

Sanjiang - Nationalfeiertag auf Chinesisch

Kein Geld in Sanjiang, auch bei der fünften Bank bekommen wir weder gegen Bargeld noch mit unseren Geldkarten neue Yuan. Eine Bankangestellte eilt herbei. Entschuldigendes Lächeln: "Hier kommen so selten Ausländer vorbei, dass sich das Tauschen nicht lohnt. Fahren Sie doch in die nächste große Stadt, zwei Autostunden von hier."

Wir: "Aber wir sind mit dem Fahrrad unterwegs."
Erstauntes Lächeln: "Was, mit dem Fahrrad? Oh. Dann nehmen Sie ein Taxi."
Wir: "Wie denn, ohne Geld?!"
Verzweifeltes Lächeln: "Dann… gehen Sie doch zur Polizei."

Wir danken und gehen. Und das in Sanjiang, dieser brausenden, neonleuchtenden Stadt mit ihren überschwellenden Märkten, auf denen man sich Anzüge schneidern, einen Fasan schlachten lassen, Tofu in allen Formen und Farben kaufen oder den örtlichen Schnaps probieren kann, in dem mindestens drei Schlangen treiben. Es ist Nationalfeiertag, der 1. Oktober, und alle scheinen Geld zu haben. Nur wir nicht.

Mit unseren letzten Scheinen sitzen wir abends in einem kleinen Restaurant, das Fernsehen überträgt die große Nationaltags-Show. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebes China", säuseln chinesische Stars. Der ältliche Garküchen-Chef lauscht andächtig, gestört nur von zehn langhaarigen Jugendlichen am Nebentisch, die Schnaps mit Energydrinks trinken. "Feiert ihr die Gründung der Volksrepublik?", fragen wir. "Quatsch", ruft einer, "es ist Wochenende, das feiern wir. Trinkt mit!" Er füllt unsere Gläser. "Ganbei!", krakeelt der Nachbartisch. Trockne das Glas. Will heißen: auf ex. Der Nationalfeiertag endet für uns mit einem seltsamen Nachgeschmack im Mund.

Sanjiang bis Rongshui - Taxi statt Fahrrad

Seit einer Stunde versuchen vier Chinesen spuckend, rauchend und fluchend, unsere Fahrräder auseinanderzunehmen und in einen Minibus zu stopfen. Es regnet so hartnäckig, dass wir uns die nächsten Kilometer chauffieren lassen.

Unterwegs erzählt der Fahrer, dass die meisten in der Gegend von der Holzindustrie leben. An den Berghängen wachsen Schonungen in Reih und Glied. "Jeder braucht Holz, überall in China wird gebaut", sagt der Mann. Durch beschlagene Scheiben sehen wir, wie die Äcker neuen Wohnblock-Vierteln weichen. Bambus liegt gestapelt am Straßenrand, Arbeiter, Männer wie Frauen, kraxeln ungesichert auf meterhohen Bambusgerüsten an den Rohbauten umher. Aus Sojabohnenfeldern ragen Zementpfeiler für zukünftige Bahntrassen.

Ist das Leben heute besser als früher? Der Taxifahrer wackelt unsicher mit dem Kopf. "Früher waren wir alle Bauern, heute fahren wir alle Auto. Das ist gut", sagt er. Denkpause. "Aber meine Familie bestellt noch immer ein paar kleine Felder für den Eigenbedarf. Der eigene Reis, das eigene Huhn, das schmeckt am besten. Außerdem sind unsere Produkte nicht giftig wie manche Sachen aus dem Laden." Man traut dem Neuen nicht recht, und das mit Grund. In den Nachrichten machen gerade Verbrecher Schlagzeilen, die Milch gepanscht und Potenzpillen aus Hühnerfutter fabriziert haben.

Von Rongshui bis Guilin - Bambusfloß als Radweg

Rongshui - Schutzengel im Straßenrestaurant

In Rongshui liest mir ein alter Wahrsager, der unterhalb des Shouxing-Tempels auf einem Hocker sitzt, aus der Hand. Vor lauter Aufregung, eine Ausländerin vor sich zu haben, schreit er mich an, während er meine Handlinien mit dem Finger kitzelt. Er liest: Ich sei reich, sehr gläubig, sportlich, verantwortungsvoll, ein oft geladener Gast auf Hochzeiten und Geburtstagen, habe viele Talente, ein gutes Herz und keine Angst vor Schwierigkeiten. Schmeichelquote: 100 Prozent; Trefferquote: knapp 50 Prozent. Außerdem wache ein Schutzengel über mich. Könnte stimmen, denke ich. Bislang hatten wir nur einen platten Reifen. Und keinen einzigen Sturz oder Zusammenstoß. Geld haben wir auch wieder bekommen, unerwartet in einer Kleinstadt.

Ein leibhaftiger Schutzengel erscheint uns später in einem abgelegenen Straßenrestaurant. Als wir ungewöhnlich lange auf unser Essen warten müssen und vor Kälte und Unterzuckerung bereits bibbern, steht plötzlich eine Frau vom Nachbartisch auf und blafft die Köchin an: "Wo bleibt das Essen für die Ausländer? Die haben Hunger! Was sollen die denn von uns Chinesen halten? Na, wird's bald?"

Dann setzt sie sich ruhig an ihren Tisch zurück und prostet uns zu. Das Essen dampft fünf Minuten später auf unseren Tellern.

Rongshui bis Yangshuo - Eine Küche als Vorhof zur Hölle

Ich kaufe mir für umgerechnet vier Euro einen pinkfarbenen Regenponcho aus Plastik, den ich über den Lenker spannen kann. "Du siehst aus wie ein fahrendes Zelt", sagt Jochen. Mittlerweile ist mir egal, ob ich auffalle, denn wir fallen ohnehin überall auf. Freundliche Neugierde, 100-mal am Tag ruft uns jemand "Hello!" entgegen. Mütter halten ihre Kinder in die Höhe, wenn wir vorbeifahren, Alte vergessen ihre Nudelsuppe, Kartenspieler ihren nächsten Zug. Teenager posieren neben mir für Handy-Fotos, mit Victory-Zeichen, als hätten sie mich gerade erlegt. Unheimlich nur, wenn sich rasende Motorradfahrer sekundenlang nach uns umdrehen und trotzdem weiter Gas geben.

Zwischenstopp im Gasthaus der Familie von Frau Lü in Siding. Eine Küche wie der Vorhof zur Hölle: rußschwarze Wände, halb blinde Fenster, ein spritzendes Holzfeuer, auf dem ein Wok glüht, rohes Fleisch auf Tellern und Frau Lü und ihr Mann, die für uns tropfnasse Radfahrer kochen. Eine angekettete Katze mauzt vor einem Tisch. "Die verscheucht die Ratten", sagt Frau Lü fröhlich, während Ei mit Gemüse im Wok schäumt. Das Essen aus der Höllenküche schmeckt himmlisch.

Frau Lü, ihr Mann und die Teenager-Tochter gelten in Siding als verrückt. Fahrradverrückt. Was wollt ihr mit diesen teuren Dingern?, riefen die Bekannten, als die Familie ihre neuen Trekkingräder vorzeigte. Wir lieben Bewegung, sagt Frau Lü achselzuckend, und unsere Natur ist wunderschön. Ihr Mann lacht: Die Strecke, die ihr heute in vier Stunden gefahren seid, schaffe ich in zweieinhalb.

Als wir weiter müssen, wirft Frau Lü ihre Schürze fort, schnappt sich Rad und Helm und fährt mit uns durch den Regen auf den nächsten Berg. Sie schnauft nicht einmal, als sie oben umdreht, strahlend, und triefnass zurück nach Hause rast.

Yangshuo - Die komischsten Vögel der Landstraße

Radfahrer im Doppelpack, wohin man schaut. In Yangshuo, diesem Touristenmagneten am Li-Fluss, haben die Tandem-Verleiher Hochkonjunktur. In einem Pulk von mühsam die Balance haltenden Chinesen radeln wir Richtung Mondberg. Endlich einmal sind nicht wir die komischsten Vögel der Landstraße.

"Die Schönheit der Berge von Guilin übertrifft die Schönheit aller Schätze der Welt. Nur die Berge bei Yangshuo sind noch schöner", sagen die Chinesen. Und am schönsten soll der Blick vom Mondberg sein, mit seinem halbkreisförmigen Loch in der Mitte. Radfahrerbeine steigen nicht gern Treppen, schon gar nicht mehr als 800 schiefe Stufen durch einen Urwald aus Bambus und Farn. Als wir hechelnd oben ankommen, raubt uns die Aussicht auch noch das letzte bisschen Atem. Es fühlt sich an, als schauten wir von der Spitze eines Leuchtturms auf die erstarrten Wellen eines Urzeitmeeres, die in der Ferne in allen Nuancen von Grün verblassen.

Selbst der Rummel unten in Yangshuo kann die Magie der Berge nicht entzaubern: das Jaulen der Karaoke-Sänger, die vor Restaurants Liebeslieder in Mikrofone heulen, das Blinken der neonbunten Leuchtspielzeuge der Straßenhändler, der furchterregende Geruch des Stink-Tofus, der aus mobilen Garküchen aufsteigt - all das perlt an der Erhabenheit der Yangshuo-Hügel ab wie der Regen von meinem Plastikponcho.

Yangshuo bis Guilin - Illegal flussaufwärts

Ganz klar ist die Lage nicht. Wir wollen uns ein Stück der vorletzten, bergigen Etappe ersparen und per Boot den Li-Fluss aufwärtsfahren, Richtung Caoping. "Verboten", sagt eine Frau am Hafen, man dürfe nur abwärtsfahren, sonst verliere der Bootsführer die Fahrerlaubnis. Aber sie kenne da jemanden…

Alles eine Frage des Preises, in diesem Fall von 600 Yuan, gut 70 Euro. Wir dürfen nicht am offiziellen Hafen einsteigen; über Sandwege und Böschungen gelangen wir zum Li und laden unsere Räder auf zwei schmale Boote. "Bambusflöße" heißen sie, aber das war einmal: Unser Bootsführer, ein zerknitterter Mann mit Zigarette im Mundwinkel, hat sein Floß aus acht weißen Kanalrohren zusammengezurrt, so wie alle hier. Wer braucht Nostalgie, wenn Kunststoff zehnmal länger hält?

Das Wasser ist teebraun und so flach, dass wir hätten waten können. Sauber scheint es auch zu sein - Dutzende Fabriken entlang des Flusses wurden geschlossen. Wasserbüffel, die Mäuler voll mit triefendem Gras, heben ihre schweren Schädel aus dem Li, als wir vorbeituckern. Brautpaare posieren am Ufer für Fotografen, die Bräute hingetufft wie große weiße Reisportionen. Der Regen hat nachgelassen, die Sonne lädt die Luft mit Wärme auf. Unser Kapitän weist stolz auf die Berge, als hätte er sie erbaut. Ja, nicken wir und saugen die letzten Bilder unserer Flussfahrt in uns auf. Schöner als alle Schätze der Welt.

Einen Tag später geben wir in Guilin unsere Leihräder zurück. Wehmütig. An der Hotelrezeption fragt mich eine junge Chinesin: "Mit dem Fahrrad sind Sie gefahren? Wirklich so weit?"

Ich wappne mich innerlich, wieder ausgelacht zu werden. Dann sagt sie: "Wundervoll. Das würde ich auch gern einmal machen."

Aus dem "Geo Special"-Heft "China" 1/2012