Urlaub in islamischen Ländern Die Angst wächst
Berlin - Manche haben Angst, viele zumindest kein gutes Gefühl: Die Zeiten für Reisen in islamische Länder waren schon einmal besser, die Buchungszahlen gehen nach unten. "Touristen machen ihre Entscheidung für ein bestimmtes Ziel davon abhängig, ob sie dort angenehmen Urlaub erwarten", sagte Eberhard Schanze vom Auswärtigen Amt - und dazu zähle eben auch "die Abwesenheit von Angst". In dieser Hinsicht sieht es für Reisen in islamische Länder nicht gut aus. "Für die Tourismusbranche steht fest: Die Reisegäste sind verunsichert", lautet die Einschätzung von Studiosus.
"Bei der Entscheidung für ein Reiseland ist das Gefühl, willkommen zu sein, wichtig", sagte Peter-Mario Kubsch, Geschäftsführer des Studienreise-Spezialisten bei der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin. Wie die aktuelle Reiseanalyse ergab, messen deutsche Urlauber Aspekten wie "persönliche Sicherheit" und "gastfreundliche Bevölkerung" mit Werten von jeweils mehr als 80 Prozent erhebliche Bedeutung bei.
Entsprechend düster ist die Entwicklung der Touristenzahlen in islamischen Ländern: Bei Studiosus sind sie im Vergleich zum Jahr 2000 insgesamt deutlich schlechter. Für Ägypten, Syrien und Jordanien waren sie 2005 niedriger als im Jahr davor. Anders allerdings sieht es für die - als sicher wahrgenommene - arabische Halbinsel aus: Dort steigen die Besucherzahlen. Für den Iran dagegen erwartet der Veranstalter wegen der aktuellen politischen Spannungen für dieses Jahr sogar einen Rückgang um 60 Prozent.
Tourismus für beide Seiten wichtig
"Dabei sind ausländische Touristen ohne Zweifel willkommen", sagte Mohsen Emami, ehemaliger Tourismusminister und heute Vizepräsident der größten iranischen Incoming-Agentur. "Wir haben aber seit Jahren nicht viel getan, den Menschen den Iran näher zu bringen. Manchmal befürchten einzelne Touristen, in unserem Land gebe es nichts zu essen und zu wenig zu sehen." Tourismus sei für beide Seiten wichtig: "Er kann helfen, den Iran besser zu verstehen", sagte Emami. "Und er kann den Iranern helfen, die Welt besser zu verstehen."
Unwissenheit ist das eine. Vieles sei aber auch eine Frage der Wahrnehmung, sagte Aiman A. Mayzek, Generalsekretär der Muslime in Deutschland: So sei etwa der jüngste Anschlag im Badeort Sharm-el- Sheikh am Roten Meer anders als in den deutschen Medien dargestellt keiner auf "westliche Touristen" gewesen. "Dabei sind vor allem Ägypter gestorben". Rolf Tophoven vom Institut für Terrorismusforschung in Essen bestätigt dies: "Sowohl der Anschlag in Luxor 1997 als auch der in Sharm-el-Sheikh richteten sich gegen die ägyptische Regierung."
Auch von Seiten der Palästinenser habe es noch nie Anschläge auf europäische Touristen gegeben, sagte Majed Ishaq, Sprecher des palästinensischen Tourismusministeriums. "Besucher in meiner Heimatstadt Bethlehem sind immer überrascht, wie sicher und problemlos es ist, abends noch im Dunkeln in den Straßen spazieren zu gehen."
Unabhängig von den politischen Entwicklungen seien Touristen bei den Palästinensern immer willkommen gewesen. Auch die Hamas wisse, welch wichtige Rolle der Tourismus wirtschaftlich für die Palästinenser spiele. Zudem werde der neue Tourismusminister nach der Regierungsbildung ein Christ sein - auch ein Signal gegen die Fronstellung bei den Diskussionen, die gegenwärtig geführt werden.
Nach Anschlägen ist es am sichersten
Die politischen Konflikte lassen den Tourismus jedoch nicht unbehelligt: "Es gibt einfach seit Jahrzehnten ungeklärte Fragen wie zwischen Israel und Palästina", sagte Aiman A. Mayzek. "Und die Hardliner auf beiden Seiten haben auch kein Interesse an der Lösung dieser Fragen, sondern haben schon immer versucht, den Austausch zwischen der westlichen und der islamischen Welt zu torpedieren."
Terrorismusexperte Ralf Tophoven empfahl Touristen, unbedingt die Situation in den Ländern, in die sie eventuell reisen möchten, genau zu beobachten - über die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes hinaus. "Wenn es dort innenpolitische Konflikte gibt, ist zu überlegen, ob man hinfährt." Die Gefahr bestehe, als Tourist "zwischen die Fronten" zu geraten.
Paradox ist nach Tophovens Einschätzung das Verhältnis von tatsächlichem und wahrgenommenem Risiko: "Wenn es in einem Land einen Anschlag gab, gilt es plötzlich als gefährlich." Dabei sei es dann eher vergleichsweise sicher, zum Beispiel weil die Kontrollen erheblich verschärft werden. Allein diesen Gesichtspunkt zugrunde gelegt, müsse Veranstaltern eigentlich empfohlen werden, gerade unmittelbar nach einem Anschlag Reisen in solche Länder anzubieten. Allerdings dürften die Ängste der Urlauber aber gerade dann am größten sein.
Von Andreas Heimann, gms