Uruguay: Champagner zum Sunset - DER SPIEGEL
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Uruguay Champagner zum Sunset

Punta del Este bietet alle Attribute eines zweiten St. Tropez' oder Acapulcos. Die Umgebung ist herrlich, die Menschen vorwiegend schön und reich. Dazwischen Künstler mit einem Hang zum Philosophischen.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Morgens ist es still in Punta del Este, wenn die Sonne hinter den Wellen des Südatlantiks emporklettert und die Morgenkühle vertreibt: Die Strände in Südamerikas exklusivstem und teuersten Seebad sind um diese Uhrzeit noch verwaist.

Vor zwei, drei Stunden erst ist der Ort zur Ruhe gekommen und hatte eine von zahllosen rauschenden Partynächten des Südhalbkugel-Sommers ausklingen lassen. Was St. Tropez in seinen besten Tagen für Europa, was Acapulco für den Jet-Set der USA gewesen ist, das ist Punta del Este für Südamerika - eine Hochburg der Schönen und Reichen, der Stars und Sternchen.

Kein Ort der Welt unterscheidet krasser zwischen Saison und Verwaisung, keiner wechselt sein Gesicht radikaler. Im Süd-Sommer sind Brigitte Bardot, Robert de Niro, Silvester Stallone und Julio Iglesias Stammgäste im Nummer-eins-Badeort des Kontinents.

Aber auch der mutmaßliche Reemtsma-Entführer Thomas Drach residierte hier in einer gemieteten Villa. Die erbeuteten Millionen machten es offenbar möglich, denn Punta del Este ist ein teures Pflaster, ein Ort für die gut gefüllte Brieftasche oder die zumindest goldene Kreditkarte.

Die meisten der Urlauber residieren in eigenen Villen oder Appartements in den Hochhäusern der Innenstadt. Eine Zweitwohnung oder -villa in Punta zu besitzen, gehört in der High Society Argentiniens, Brasiliens und natürlich Uruguays selber zum guten Ton.

Um die eigene Sicherheit jedenfalls muss sich in Punta del Este niemand Sorgen machen. Kriminalität spielt speziell im südamerikanischen Vergleich keine Rolle. Selbst die prachtvollsten Villen sind nur von Pinien, von Hecken oder Sandwällen als Sichtschutz umgeben. Zäune haben Seltenheitswert. "Wer in São Paulo jeden Tag fürchtet, entführt zu werden, kann hier die Kinder alleine zum Spielen ans Meer schicken und selber unbesorgt surfen oder shoppen gehen", erzählt ein millionenschwerer Bewohner des Villenviertels, das in Punta del Este in Anlehnung an das kalifornische Vorbild Beverly Hills heißt.

In Punta ist man unter sich: Keine Favelas, keine Bettler, fast keine Ganoven - allenfalls welche, die sich hier mit ihrer Beute zur Ruhe setzen, es nicht aber auf die Schmuckschatulle der neuen Nachbarn abgesehen haben.

An diesem Morgen, wo das ausgebuchte Seebad so ausgestorben wirkt, weil die High Society ausschlafen muss, steht Carlos Paéz Vilaró auf seiner Terrasse in Punta Ballena am südlichen Ortseingang und blickt in den Sonnenaufgang: Der charismatische Künstler, Anthony Quinn nicht unähnlich, braucht den Sonnenaufgang ebenso wie ihren Untergang zur Inspiration. "Durch die Sonne", sagt er, "kann ich die Farben des Lebens sehen, wenn die Dunkelheit Platz macht für das Licht des neuen Tages. Und eine neue Welt ist geboren."

Paéz Vilaró ist einer der bekanntesten Künstler Südamerikas. Er hat Picasso kennen gelernt, bei Albert Schweitzer in Lambaréné Fresken im Hospital aufgetragen, hat großformatige Wandmalereien in allen fünf Kontinenten geschaffen und verkauft seine Bilder für viele tausend Dollar an Sammler vorwiegend in Nord- und Südamerika.

Der Künstler gehört zu den geistigen Gründervätern des heutigen Punta del Este. In seinem Haus gehen die Prominenten ein und aus. Vor über 30 Jahren begann er mit dem Bau einer Hütte auf den Felsen, ummauerte und erweiterte sie über Jahrzehnte und schuf im Laufe der Zeit sein wabenförmiges Phantasie-Haus "Casapueblo" - heute nachgerade ein in Stein gehauenes Synonym Uruguays.

Der südliche Flügel ist verpachtet und wird als Vier-Sterne-Ferienanlage betrieben. Als die Behörden irgendwann eine Baugenehmigung für den riesigen Komplex sehen wollten, beugten sie sich dem Argument des Künstlers: "Ich brauche keine Genehmigung, denn ich baue kein Haus, sondern eine begeh- und bewohnbare Skulptur."

Gegen Mittag sind sie dann plötzlich da: junge Frauen, die in neonfarbenen Miniröcken auf Rollerblades an den gestauten Cabrios auf der Carretera Interbalnearia vorbeirauschen. Fahrradfahrer ohne Hemd, aber mit Spiegelsonnenbrille. Menschen, die sich an den dünengesäumten Stränden rekeln. Jachten, die auf den Wellen schaukeln und Kurs auf die vorgelagerten Inseln Gorriti und Lobos nehmen.

Punta ist erwacht und beginnt, den neuen Tag zu feiern wie den alten. Mit einem rauschenden Fest. Mit Gelagen in den Asado-Grillrestaurants, wo tellergroße Steaks serviert werden. Mit Tanz auf den Straßen zwischen üppig bestückten Schaufenstern, wummernder Musik, blinkenden Leuchtschriften von Yves St. Laurent bis Rolex, von Chanel bis Gucci. Alles, was teuer ist, soll schon von weitem zu sehen sein.

Irgendwann in der Nacht werden sie sich wieder alle treffen: Die distinguierten Herrschaften beim Dinner im Jacht-Club oder beim Roulette im Casino, die jungen Leute beim Salsa-Tanzen in den Discos des In-Viertels La Barra. Punta del Este hat den Lebensrhythmus einer deutschen Autobahn - immer auf der Überholspur.

Und wenn die Sonne untergeht und in Punta die Partynacht beginnt, dann steht Carlos Paéz Vilaró wieder auf seiner Terrasse: "Wenn man hier in die untergehende Sonne schaut, ist es, als ob man ins Innere der Welt blickt" philosophiert er.