US-50 Asphaltband ins große Nichts
Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, alles hinter sich zu lassen und einfach abzuhauen? Und zwar nicht irgendwohin, wo es ebenso aussieht wie zu Hause. Sondern nirgendwohin. Schon Hermann Melville kannte diese Lust aufs große Nichts: "Immer wenn mir der Missmut am Mundwinkel zieht und nieselnder November in die Seele einzieht, wenn ich unwillkürlich vor den Fenstern der Sargtischler stehen bleibe und hinter jedem Leichenzug hertrotte, der mir in die Quere kommt, ( .. ) dann ist's für mich die allerhöchste Zeit, zur See zu gehen."
So erzählt der Seemann Ismael in "Moby Dick". Heutzutage braucht man jedoch kein Schiff. Im US-Wüstenstaat Nevada genügt ein Auto. Hier gibt es genug Land, das keiner haben will. Und mitten durch dieses verdörrte, öde Nichts führt eine Straße. 1988 holte "Life Magazine" den quer durch Nevada gebauten Abschnitt der US-50 aus der Anonymität - unbeabsichtigt. Sie sei total leer, schrieb der "Life"-Reporter, es gebe keine Sehenswürdigkeiten. Sie sei Amerikas einsamste Straße und deshalb nicht zu empfehlen. Nur erfahrene Wüstenfüchse sollten sie unter die Reifen nehmen.
Das lasen natürlich nicht nur Wüstenfüchse. Die Aussicht auf das ultimative Fahrerlebnis zog auch Menschen auf der Flucht vor Mainstream-Amerika an. Für sie ist die Strecke von Ely bis zur 400 Kilometer entfernten Carson City bis heute ein Versprechen: keine McDonald's, keine Shopping Malls und keine schäbigen Motels mit leeren Pools. Stattdessen ein zweispuriges Asphaltband, das am Horizont in der Falte eines von neun zu überquerenden Gebirgen verschwindet. Kaum Gegenverkehr und Wolkenschatten, die über hitzeflimmernde Salbeibusch-Ebenen driften. Eine Hand voll alter Boomtowns, die in der Wüste backen. Und dramatische Geschichten, die diese kompromisslose Landschaft zu Hunderten hervorgebracht hat.
Von Osten kommend durchquert man 100 Kilometer vor dem Bergbaustädtchen Ely im Great Basin National Park alle Vegetationszonen Nevadas und endet auf einem Parkplatz in kühlen 3300 Metern über dem Meer. In Ely, wo Kupfer im Tagebau gewonnen wurde, kann man in die gigantischen "glory holes" hinabstarren und im Hotel Nevada in Himmelbetten schlafen, in denen einst die Kupferbarone nächtigten. Eureka, 100 Kilometer weiter ostwärts, entstand während des Silberbooms 1864 und ist heute ein schläfriges Frontierstädtchen, mit Opera House und Saloons. Dagegen kaputte Fensterscheiben und im heißen Wind flatternde Gardinen in Austin: Der Ort - mit rund 300 Einwohnern - stirbt langsam vor sich hin. In den 1870er Jahren wühlten hier 10.000 Menschen nach Silber. Bei Mountainbikern gilt das in die Steilhänge der 2700 Meter hohen Toiyabe Range montierte Nest - noch - als Single-Track-Geheimtipp.
Gelegenheit, das Tempolimit zu überschreiten, - en masse. Niemand da, schon gar keine Highway Patrol. Man sollte aber auch mal eine Stunde lang ganz langsam fahren. Am besten so um die 16 km/h. Bei diesem Tempo wird die Leistung der Postreiter des Pony Express wenigstens ansatzweise deutlich. Zwischen Austin und Carson City verkünden Schilder, wenn ihre Route, der Pony Express Trail, die US-50 kreuzt. Wer anhält, kann ihn noch sehen. Bis zum Horizont zieht er sich, oft überwachsen, aber immer noch klar und deutlich erkennbar. Der Pony Express existierte von 1860 bis 1861 - lang genug, um eine der spannendsten Legenden des Westens zu produzieren.
Die Pferde alle 30 bis 40 Kilometer wechselnd, transportierten die um die 20 Jahre alten Teenager Post in nur zehn Tagen von St. Joseph in Missouri ins kalifornische Sacramento. Nevada passierten sie während des Paiute-Aufstands. So mancher wurde da aus dem Sattel geschossen, darunter Billy Tate. Der 14-jährige Postreiter, erzählt eins dieser Schilder lustvoll, nahm ein halbes Dutzend Indianer mit, bevor er selbst ins Gras biss. Teilweise restaurierte Stationen des Pony Express stehen in Sand Springs und Cold Spring rund 80 Kilometer östlich von Fallon.
Ismael war bekanntlich heilfroh, als er das Nirgendwo hinter sich lassen durfte. Wer sich nach ein, zwei Tagen auf der US-50 Nevadas Hauptstadt Carson City nähert, hat ein anderes Problem. Zu viele Autos.