USA: Die Wiege des amerikanischen Karnevals - DER SPIEGEL
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USA Die Wiege des amerikanischen Karnevals

New Orleans ist die Hochburg des Mardi Gras, doch die Wiege des amerikanischen Karnevals stand etwas weiter östlich: in Mobile im Bundesstaat Alabama - so behaupten es zumindest die örtlichen Stadtväter.
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Mobile - Angeblich wurde der erste Mardi Gras in Mobile kurz nach der Gründung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1703 oder 1704 gefeiert. Über das genaue Datum streiten sich die Experten. Zuerst hieß der Tag "Boeuf Gras", zu Deutsch: "Fettes Rind", weil er der letzte Tag vor Aschermittwoch und dem Beginn der Fastenzeit war. Später wurde der Tag in "Fetter Dienstag" oder Mardi Gras umgetauft.

Damals konzentrierte sich das Leben der französischen Kolonie auf Mobile, das 1711 zur Hauptstadt von Louisiana erklärt wurde. Sogar das 1703 nördlich des Ortes erbaute Fort wurde damals in die Stadt verlegt. Von hier aus beherrschte die französische Krone ein großes Gebiet, das sich vom Golf von Mexiko bis zu den Großen Seen im Norden und vom Mississippi bis hin zu den Rocky Mountains erstreckte.

1763 eroberten die Engländer Mobile und das Gebiet östlich des Mississippis und jagten die Franzosen in die Flucht. Diese verlegten Louisianas Hauptstadt nach New Orleans - eine strategische Entscheidung, denn die Stadt beherrschte die Mississippi-Mündung. Die Franzosen führten nun den Mardi Gras auch in New Orleans ein, und der "fette Dienstag" wurde dort 1766 erstmalig gefeiert - damals noch ohne große Umzüge, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts dazukamen.

Der erste Mardi-Gras-Umzug in Mobile fand erst 1830 statt. Damals plünderte eine Gruppe von Zechbrüdern übermütig Mobiles Geschäfte und zog mit ihrer Beute - Kuhglocken, Rechen und Hacken - unter lautem Gegröle durch die Stadt. Somit war der erste Faschingsorden - die "Cowbellion de Raking Society" - geboren.

Die historischen Faschingsorden sind heute noch aktiv. Sie treten als Sponsoren und Organisatoren der Umzüge, Festwagen und großen Bälle auf, die jedes Jahr von Anfang Januar bis zum "fetten Dienstag" stattfinden. Bei den Paraden, wie die Umzüge in Amerika genannt werden, werfen kostümierte Narren haufenweise bunte Plastikketten, Bonbons, spanische "Doubloons" (falsche Goldstücke) und "Moonpies" (Mondkuchen) von den Festwagen aus in die jauchzende Menge.

Bei der Verzierung der Festwagen kennen die Menschen in Mobile keine Grenzen. In einer lila-silbernen Muschel fährt etwa Miss Octopus vorbei: Im lila Ornat mit einer Krake auf dem Kopf, schenkt sie den Zuschauern das typisch amerikanische strahlend weiße Pepsodentlächeln. Dann rollen die Mardi-Gras-Königin und ihr Begleiter heran, beide in weißen, mit Gold bestickten Gewändern mit weißen Federmänteln. Sie werfen goldene und silberne Ketten vom Festwagen in die Menge und swingen anmutig zum Takt der Musik.

Am schönsten sind jedoch die prunkvollen Kostüme der "Mardi Gras Indians" beim schwarzen Mardi Gras. Die vielen Jahre der Rassentrennung haben in den Südstaaten zu weißen und schwarzen Mardi-Gras-Veranstaltungen geführt. Die "Indians" sind dabei Afro-Amerikaner, die sich zu Ehren von Amerikas Ureinwohnern als Indianer verkleiden. Die schwarze Bevölkerung hat nicht vergessen, dass die Indianer ihnen einst in der Not oft Unterschlupf gewährten.

Die "Indians" sind wie exotische Vögel herausgeputzt und wetteifern in der Pracht ihrer Kostüme. Pailletten und Straußenfedern schillern in allen Farben, die die Palette hergibt: pink, weiß, blau, gelb und schwarz. Die Hüften schwingend und im Boogieschritt bewegen sich die "Indianer" zu Klängen, die an die Musik in schwarzen Baptistenkirchen, Nachtclubs in der Karibik oder im Chicago Blues Club erinnern und das bunte Völkergemisch der Gegend repräsentieren.

Die reich verzierten Kostüme der "Indians" reflektieren auch ein afrikanisch-karibisches Erbe. Ähnlich wie in Rio de Janeiro arbeiten die Narren in Mobile mit Hilfe ihrer Familien oftmals ein ganzes Jahr lang an der Fertigstellung ihrer Kostüme, die oft zwischen 5000 und 8000 US-Dollar (10.600 bis 16.950 Mark) kosten - ein großer Batzen, vor allem, wenn man bedenkt, dass die schwarze Bevölkerung und ihre Faschingsorden wesentlich weniger Geld haben als die weißen Nachbarn.

Mobiles Mardi-Gras-Geschichte kann in mehreren Museen in der Stadt nachvollzogen werden. Das Museum of Mobile zeigt Kostüme der Mardi-Gras-Königinnen sowie Zeichnungen von Festwagen und Kostümen. Andere Erinnerungsstücke sind ausgestellt im Oakleigh Periods House Museum und im Bellingrath Gardens and Home Museum. Kostüme des schwarzen Mardi Gras zeigt das National African American Archives Museum.