USA Schwerelos nach Westen
Das Sandia-Gebirge in New Mexico liegt noch im Morgengrauen und die Wüstenluft ist kühl, als rund zwei Dutzend bunter Heißluftballons mit je acht Passagieren langsam über Albuquerque aufsteigen. "Zwei Stunden nach Sonnenaufgang, wenn sich der Wind aufmacht, ist die beste Zeit für Ballonfahrten", sagt Mike Collins. Er ist erfahrener Pilot und stolzer Besitzer von zwei Ballons. Meist fährt er mit ihnen in einer Höhe von 1700 bis 2000 Meter.
Die Auslöser von Kameras klicken, als sich die ersten Sonnenstrahlen über das Gebirge stehlen und den höchsten Ballon erleuchten. Die Seilbahn, die im Sommer Wanderer und im Winter Skiläufer auf den 3460 Meter hohen Sandiagipfel befördert, liegt noch im Schatten. Hier und da wirft das Wasser des Rio Grande das Morgenlicht zurück. Die Flussufer sind von Cottonwood-Bäumen gesäumt. Unten erwacht Albuquerque, die mit 700.000 Einwohnern größte Stadt New Mexicos.
Im Westen nehmen erloschene Vulkane die Farbe der Wüste an. Langsam zeichnen sich auch die Felsen des Petroglyph National Monument ab, auf denen Indianer vor langer Zeit Zeichen in Stein ritzten. Aus der Nähe offenbart sich auf dem Fels die Sprache aus der Vorzeit: schlangenförmige Linien, helle Kreise, Sterne, Stockmännchen, die in indianischen Legenden verehrten Flötenspieler sowie Wild und Vögel.
An diesem Morgen schweben 25 Ballons über Albuquerque. Das ist nur eine kleine Flotte im Vergleich zu den 700 bis 800 Ballons, die während der "Balloon Fiesta" im Oktober aufsteigen. Vor 34 Jahren organisierten Ben Abruzzo und Max Anderson die erste Fiesta im Feld neben der Winzerei Anderson. Acht Jahre später unternahmen die beiden Ballonisten eine Atlantiküberquerung von Maine an der Ostküste der USA nach Frankreich. Heute starten die Luftfahrzeuge im "Balloon Fiesta Park" - und kommen häufig in den Straßen und Gärten neuer Siedlungen herunter.
Während der "Ballon Fiesta" gibt es immer wieder kitzelige Situationen. Beim heutigen Flug geht fast alles glatt. Nur bei der Landung schleift die aus einem Korbgeflecht bestehende Gondola eines Ballons fast waagerecht über den Boden. Das ist kein Spaß für die Passagiere, die sich im unteren Teil des Korbs auf Tuchfühlung mit dem Erdboden befinden.
Bei einem anschließenden Bummel durch die Museen Albuquerques zeigt sich das multikulturelle Erbe der Stadt: Die Vorgeschichte der indianischen Ureinwohner spiegelt sich in Funden des Maxwell Museum of Anthropology wieder, das Teil der Universität von New Mexico ist. Gegenstände aus dem Leben der heutigen Pueblostämme wie Silberschmuck und Handarbeiten findet man im Indian Pueblo Cultural Center, wo täglich indianische Tänze vorgeführt werden.
Das neue National Hispanic Cultural Center zeigt hispanische Kunst, Tanz und Theater. Es ist dem Kulturgut der Hispanier gewidmet, den Nachfahren der ersten Kolonialisten, die 1598 aus Mexiko und Spanien kommend "Nuevo Mexico" besiedelten. Wie man echte von falschen Türkisen unterscheidet, zeigt schließlich das Turquoise-Museum. Diese Fähigkeit können viele Besucher gebrauchen, da Türkisschmuck zu den Attraktionen der Region gehört.
Weiter geht es mit dem Ballon: Während der Turquoise Mountain, wie Mount Taylor von den Ureinwohnern genannt wird, am Horizont verschwindet, kommt zwei Stunden südöstlich von Albuquerque das "Tal des Feuers" in Sicht. Wie ein Schokoladenpudding hat sich die mittlerweile erloschene Lava 15 Kilometer durchs Tal ergossen. Nach einem kühlen Bier in einer urigen Biker-Bar in Carrizozo geht es weiter südlich zu den hohen weißen Sanddünen des White Sands National Parks, wo 1945 die erste Atombombe gezündet wurde.
Hier landete 1982 der Space Shuttle in der White Sands Missile Range. Es war eine Notlandung, wie Mike Smith vom Museum of Space History in Alamogordo hervorhebt. Der NASA gefiel der feine Gipssand überhaupt nicht, weil er in alle Ritzen des Shuttles drang und wie superfeines Schmirgelpapier wirkte. Im Space Museum nehmen außerdem Raumsonden, Weltraumanzüge, Raketen, die "rocket men" aus Deutschland - Wernher von Braun, Hermann Oberth und Ernst Stuhlinger - sowie weitere Pioniere des Weltraumflugs breiten Raum ein.
Auf der Fahrt nach Ruidoso machen die Ballons in Lincoln Halt. Dort soll einst der gefürchtete Billy the Kid geschnappt worden sein. Der Geächtete brach aber aus dem Gefängnis wieder aus, wobei er zwei Hilfssheriffs tötete. Seine Verfolger holten ihn kurze Zeit später ein und erschossen Billy the Kid am 14. Juli 1881. So weit die Legende. Eine Erbgut-Analyse soll bald zeigen, ob hier wirklich Billy the Kid oder jemand anders getötet worden ist.
Die Temperaturen in Ruidoso, das sich in der 4000 Meter hohen Sierra Blanca befindet, bieten Erfrischung nach der Wüstenhitze. Ruidoso ist ein Gemisch aus Cowboystädtchen, Ferienkommune und Skiort. Boutiquen, Andenkenläden und Galerien verkaufen den Western Look, und die Restaurants servieren texanisch-mexikanische Küche.
Neben dem Spielkasino und der Pferderennbahn bietet das Hubbard Museum of the American West Abwechslung: Vor dem Eingang des Museums, das die Rolle des Pferdes bei der Eroberungen des Westens veranschaulicht, galoppiert eine Gruppe lebensgroßer Pferdeskulpturen. Im Museum selbst vergegenwärtigen Cowboy-Hüte, Colts, Sporen, Sattel und Planwagen die Pionierzeit des Westens - ganz ohne Ballon.
Von Frauke de Looper, gms