Vancouver Island: Klimpern der Silberlöffel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Vancouver Island Klimpern der Silberlöffel

Tief im Westen, wo die Sonne versinkt, befindet sich aus kanadischer Perspektive Vancouver Island. An deren Westküste liegt der kleine Ort Tofino, der äußerste Vorposten des kanadischen "Way of Life".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dreizehn Tonnen Austern hat Dave geladen. Die Bordwände seines Trucks beulen sich unter der Last wie eine Jeans, die einen Schmierbauch halten soll. Der Dieselmotor ächzt, als Dave den Laster die steile Hafenausfahrt hinaufsteuert.

Dreizehn Tonnen Austern - hier in Tofino wie auf ganz Vancouver Island gehört die feine Muschel fast schon zu den Grundnahrungsmitteln. In der "Sea Shanty Bar" zum Beispiel, von der die Gäste einen weiten Blick hinaus auf den von zahllosen Inseln gesprenkelten Clayoquot Sound haben, wird für acht Dollar fünfzig ein "Oyster Burger" serviert: Frittierte Austern mit reichlich Ketchup, Mayonnaise, Salatblatt und Zwiebelringen zwischen die Hälften eines mächtigen Sesambrötchens geschichtet.

Vancouver Island, die vor der Westküste Kanadas hingestreckte Insel, bietet gleichermaßen Leckerbissen für Naturliebhaber, Outdoor-Aktivisten und Gourmets: Grandiose Regenwälder mit Baumriesen, die 600 Jahre und älter sind; ein Labyrinth aus Fjorden, Inseln und Buchten, die auf der Landkarte wirken, als versuchten sich die Pazifikwellen nach Tausenden von Kilometern endlich an Land festzukrallen; und einige exzellente Hotels mit ausgezeichneten Restaurants.

Das touristische Leben an der Pazifikküste spielt sich rund um Tofino ab. Der Ort mit rund 1200 Einwohnern, der erst seit 1959 auf einer Straße erreichbar ist, lebt, seit der Fang von Lachs, Hering und Heilbutt stark eingeschränkt wurde, vor allem vom Fremdenverkehr.

"Die Heringssaison dauert nur noch eine halbe Stunde", sagt Randy und legt den Gashebel um. Er fischt jetzt nach Gästen - und das mit großem Erfolg. Seine Idee: ein schwimmendes Hotel. Mit dem 225 PS starken Speedboot holt er Urlauber am Kai in Tofino ab, eine halbe Stunde dauert die erfrischende Fahrt über das stahlblaue Wasser, das von der Brise gerippt wird wie eine riesiges Stück Cordstoff, bis in die stille Quait Bay, wo das "Clayoquot Wilderness Resort" festgemacht ist.

16 Doppelzimmer mit allen Annehmlichkeiten gibt es hier - außer einem Fernseher. Satt Seifenopern stehen grandiose Sonnenuntergänge auf dem Programm, statt Talkshows ein Plausch vor dem Kaminfeuer und statt Tierfilmen werden Schwarzbären, Seehunde und sogar Wale live gezeigt - ein Blick aus dem Fenster genügt.

Die Ausschau macht Lust auf eigene Entdeckungen, und so bieten Randy und sein Personal geführte Kajaktouren und Wanderungen, Bootstrips, Wal-Beobachtungen, Angelausflüge, Ausritte in die Berge oder Rundflüge mit dem Wasserflugzeug an.

Manchmal schwebt Dave Jacques von "Tofino Air" mit seiner De Havilland Beaver, Baujahr 1953, ein, um Gäste zu einer großen Schleife über die Küste, die Fjorde und die Berge abzuholen. Das weiß-blaue Fluggerät ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber der Pilot tätschelt anerkennend auf das Cockpit. "Die Mühle ist wirklich o.k." Der neben dem Drehzahlmesser aufgeklebte Zettel - "Anzeige defekt, immer 100 Umdrehungen abziehen" - sei kein Grund zur Besorgnis. Dann zieht Dave am Steuerknüppel, und das Wasserflugzeug hebt sich in die Luft. "Am besten", schwärmt der 44-Jährige, "ist ein Rundflug kurz nach Tagesanbruch. Da kann man Schwarzbären sehen, häufig auch Wale und wenn man großes Glück hat, auch einen Weißkopfadler."

Wen es nicht ganz so weit in die Einsamkeit von Wasser, Wald und Bergen zieht, kann auch in Tofino erstklassig unterkommen. Etwa im "Wickaninnish Inn", einem Hotel, das am Rande eines halbmondförmigen Strandes auf den Klippen steht. Das Restaurant des Hauses heißt "The Pointe" und gilt als eines der besten in ganz Kanada. Küchenchef Rodney Butters ist berühmt für seine betörenden Rezepte, etwa wenn er fangfrische Krebse in einer Capuccino-Suppe serviert. Der Clou des Lokals ist aber nicht nur das Essen. Auch das Ambiente ist exquisit.

Während drinnen getafelt wird, kracht draußen der Pazifik gegen die Felsen. Während des Winters sind die Fenstertische von "Storm-Watchers" reserviert. Ein Außenmikrofon überträgt dann das Tosen von Wind und Wellen in die gute Stube des Restaurants, wo den Orkan-Touristen eiskalte Schauer über den Rücken laufen.

Vancouver Island ist rauh, herb, malerisch. Auf jeden Fall aber ist die Insel außergewöhnlich. Besucher spüren dies immer wieder. Bei einem Spaziergang entlang des "Long Beach" bei Tofino zum Beispiel, einem 21 Kilometer langen Sandstrand, der so breit ist, dass zwei Jumbo-Jets gleichzeitig nebeneinander landen könnten.

Oder beim Bad in den heißen Quellen von Hot Springs Cove, die zischend in die Pazifik-Brandung plätschern. Oder auf dem "Big Tree Trail" auf Meares Island im Clayoquot Sound, wo die vermutlich ältesten Bäume der Welt stehen: 1500 Jahre alte Red Cedars.

Doch nicht nur die Natur, auch Victoria, größte Stadt der Insel und zugleich Hauptstadt der Provinz British Columbia, hält diverse Überraschungen bereit. Etwa an der von Kirschbäumen gesäumten Fishgard Street die erste China-Town Kanadas, ebenso den ältesten Golfclub Kanadas, direkt an der Küste von Oak Bay gelegen oder das Empress Hotel.

Das Haus steht direkt gegenüber dem Parlamentsgebäude am Yachthafen und ist nicht nur architektonisch very british. Täglich punkt fünf Uhr treffen sich anglophile oder einfach neugierige Gäste im holzgetäfelten Tearoom, um die Einnahme des englischen Nationalgetränks sowie etwas mürbem Gebäck zu zelebrieren (Five-o'-clock-tea, Gedeck 30 Mark). Vor den Fenstern kreischen Möwen, Gitarrenakkorde von einigen Hippies auf der Hafenmauer und das Tuckern eines auslaufenden Bootes mischen sich ins Klimpern der Silberlöffel auf den Untertassen. Der Taxifahrer, der uns hierher brachte, hatte recht. Diese Insel ist außergewöhnlich - "it's a strange island".