Vietnam Onkel Hos Vermächtnis
Hanoi - Frau Hang hat die Zeichen der Zeit erkannt. Während des Vietnamkrieges reiste sie mit einer Theatergruppe durch das Land, um den Kommunismus zu propagieren. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Staatsdienst aber schlüpfte sie vor kurzem in eine ganz andere Rolle: "Propaganda for Profit" ist die neue Parole der Pensionärin. In einer Galerie in der Altstadt von Hanoi verkauft sie vor allem großformatige Propagandaplakate. Und das Geschäft geht gut: Die kommunistischen Symbole beeindrucken vor allem westliche Touristen, die Vietnam besuchen, darunter viele Kriegsveteranen aus den USA.
Die Nachfrage ist so groß, dass sich mehrere Künstler auf die Herstellung von "Propaganda Art" spezialisiert haben. Im Angebot sind revolutionäre Motive zum Unabhängigkeitskampf des Landes, zu seiner Wiedervereinigung oder Kampagnen gegen Drogenmissbrauch. Was wohl Gründungsvater Ho Tschi minh zu dem am Profit orientierten Verkauf kommunistischer Symbole sagen würde? Frau Hang ist sich ganz sicher: "Würde Onkel Ho noch leben, er würde den Verkauf unterstützen."
Wie Frau Hang haben sich die meisten Vietnamesen schnell den neuen wirtschaftlichen Bedingungen angepasst. Die Reisbauern können ihre Überschüsse nun Gewinn bringend auf dem Markt verkaufen. Kein Wunder also, dass jeder Quadratmeter links und rechts der Straße von Hanoi nach Hong Gai intensiv genutzt wird.
Nach zwei Stunden Autofahrt weicht das Reisfelder-Mosaik einer wunderschönen Landschaft: In der von den Vietnamesen als "achtes Weltwunder" betrachteten Halong-Bucht recken sich insgesamt 1969 Kalksteinfelsen aus dem grün schimmernden Meer. Auf einem Holzboot gleiten die Besucher durch eine Welt mit bizarren Felsformationen und dunklen Grotten. In der schaurig-schönen Höhle "Himmelsplatz" können sie mit etwas Phantasie einen versteinerten Wasserfall, Orgelpfeifen, eine schlafende Fee oder einen Drachenkopf entdecken.
Ein Drache hat der Bucht auch ihren Namen gegeben: Der Legende nach hat sich ein Seedrache (ha long) einst ins Meer gestürzt, um den bedrohten Vietnamesen im Kampf gegen eine chinesische Invasionsflotte zu helfen. Dabei soll er mit seinem Schwanz wild um sich geschlagen und diese skurrile Landschaft geschaffen haben.
Hanois Grundriss stammt aus dem 15. Jahrhundert
Der Mittelpunkt von Hanoi ist der Ho-Hoan-Kiem-See, an dessen Ufern sich die Einheimischen jeden Morgen zum Tai Chi treffen und am Nachmittag Karten oder Schach spielen. Am südlichen Ufer erstreckt sich das alte Geschäfts- und Regierungsviertel der Franzosen mit Oper, Kirchen und Villen, von denen heute viele als Botschaften dienen. Nördlich des Sees liegt die Altstadt mit ihren engen Straßen und dunklen Gassen.
Ihr Grundriss geht auf das 15. Jahrhundert zurück, als Hanoi die "Stadt der 36 Straßen" war. Sie wurden nach den Waren benannt, die in ihnen produziert wurden. Zwar haben sich Namen wie Hut-, Zinn-, oder Papierfächermacher erhalten, aber ein geschlossenes Altstadtbild gibt es schon längst nicht mehr. Viele Läden verkaufen moderne Produkte oder billigen Touristenramsch. Einige der harmonisch wirkenden zweistöckigen Häuserzeilen mussten modernen Zweckbauten weichen.
Wer sich von der Hektik auf den überfüllten Straßen erholen will, kann im "Literaturtempel" zu innerer Einkehr finden. Die bedeutendste Sehenswürdigkeit Hanois wurde im Jahr 1070 zu Ehren des chinesischen Philosophen Konfuzius errichtet und diente später als erste höhere Bildungsanstalt des Landes zur Ausbildung der Mandarine. Die Beamten mussten eine schwere Abschlussprüfung bestehen. Die Absolventen-Namen sind auf steinernen Stelen im Garten des Tempels verewigt worden.
Von der jüngeren Geschichte zeugt das Ho-Tschi-minh-Mausoleum. "Das ist das letzte Geschenk der Sowjetunion", sagt der Stadtführer. Eigentlich hatte sich der Vater des modernen Vietnam gewünscht, dass seine Asche über das Land verstreut wird, doch die kommunistischen Funktionäre entschieden sich für ein bombastisches Mausoleum, in dem der Revolutionär einbalsamiert in einem Glassarg ruht. Besichtigt werden kann auch sein bescheidenes Wohnhaus in einem Park nebenan.
Kotau in der Kaiserstadt Hue
Eine Flugstunde südlich von Hanoi liegt Hue. "Wissen Sie, dass Sie hier auf kaiserlichen Spuren wandeln?", fragt Lom, der durch die chinesisch geprägte Palastanlage führt. "Der Weg durch das mittlere Tor und über die Brücke des künstlichen Sees war früher dem Kaiser vorbehalten. Alle anderen mussten um den Teich herumgehen." Die religiösen Zeremonien fanden vor der Halle der Höchsten Harmonie statt: Hunderte von Mandarinen mit ihren prächtigen Seidenroben und den viereckigen Kopfbedeckungen nahmen dann dort Aufstellung. "Alle mussten auf den Steinfliesen vor dem Kaiser den Kotau ausführen: sich lang ausgestreckt auf den Boden werfen", erläutert Lom.
Heute gehört die Kaiserstadt Hue zum Weltkulturerbe der Unesco und steht auf dem Programm fast jeden Vietnamreise. Auch ein Besuch der Kaisergräber in der Umgebung und eine Bootsfahrt auf dem Parfümfluss zum Wahrzeichen der Stadt - der Thien Mu-Pagode - gehören meist dazu. Die Pagode thront auf einem Hügel und besteht aus sieben übereinander geschichteten Achtecken. Jedes symbolisiert eine Wiedergeburt Buddhas. Auf dem Klosterhof steht in einer Garage ein alter Austin: Mit diesem Auto ließ sich im Jahr 1963 einer der Mönche ins damalige Saigon fahren, um sich aus Protest gegen die Buddhistenverfolgung des katholischen Diktators Ngo Dinh Diem selbst zu verbrennen.
Kilometerlange Sandstrände locken auf der Fahrt in Richtung Süden immer wieder zu einer Badepause. Landschaftlicher Höhepunkt der Fahrt ist der Wolkenpass, der auch die Trennlinie zwischen dem Norden und dem Süden Vietnams markiert. Im Schneckentempo kriechen die zumeist überladenen Lastwagen auf der kurvenreichen Strecke bis auf die Passhöhe von 496 Metern. Riskante Überholmanöver sind an der Tagesordnung. Oben weht ein kühler Wind, der zumeist faszinierend anzusehende Wolkengebirge vor sich hertreibt, die über die kahlen, mehr als 1000 Meter hohen Berge, grünen Reisfelder, den türkis schimmernden Ozean und den tropischen Urwald ziehen.
Hoi An im Dornröschenschlaf
Die Fahrt geht weiter nach Hoi An: Die alte Hafenstadt war Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Seehäfen Südostasiens. Im Thu-Bon-Fluss ankerten Segelschiffe aus China, Japan, Indien und Europa. Chinesische und japanische Händler siedelten sich an und ließen Tempel und Pagoden errichten. Doch der Fluss versandete im späten 18. Jahrhundert, und Hoi An versank im Dornröschenschlaf. Heute ist die Stadt ein Stück unzerstörter Geschichte in einem Land, in dem der Krieg so viel vernichtete.
Die zumeist einstöckigen Altstadthäuser mit bröckelnden Fassaden verströmen einen morbiden Charme. Viele Häuser sind schon renoviert. In ihnen sind kleine Läden, Galerien und Werkstätten eingezogen, die vor allem Kunsthandwerk und Bilder anbieten. Fast mediterran wirkt Hoi An in der Abenddämmerung. Die Touristen nehmen in den einfachen Straßenrestaurants Platz und lassen sich gegrillten Fisch schmecken. Dazu gibt es "Saigon", ein vietnamesisches Bier. Typische Gerichte sind Huhn in Zitronenblättern oder Cao Lau, eine Suppe mit Croutons und Gemüse, garniert mit Schweinefleisch und zerbröseltem Reispapier.
Einen vollen Tag sollten Besucher für einen Ausflug nach My Son einplanen. Versunken im Dschungel liegen die Ruinen der ehemaligen Cham-Hauptstadt. Von den noch rund 20 erhaltenen Ziegelsteinbauten schauen hinduistische Gottheiten, Tänzerinnen und Teufelsfratzen auf die Touristen herab, die sich bei brütender Hitze auf Trampelwegen durch die Reste der Tempel bewegen. So viel Kultur strengt an - und es wird höchste Zeit für ein paar entspannende Strandtage. "Viele Touristen lassen in Nha Trang ihre Rundreise ausklingen, bevor sie wieder in die Heimat fliegen", sagt T.J. Grundl-Hong, der in Deutschland aufgewachsene Chef eines Luxushotels. "Aber auch die vorgelagerten Inseln sind exzellente Bade- und Tauchreviere."
Von Detlef Berg, gms