Vietnam Tricks der Sonnenflüchter
Es ist ein wolkiger Mittag in Hanoi. Als schließlich gegen 15 Uhr die Sonne hervorkommt, führt das zum kurzfristigen Verkehrschaos. Die Hälfte der Mopeds auf den Straßen stoppt. Die meisten mitten auf der Straße. Wie viele Fahrer neben ihr kramt auch Linh in ihrer Tasche und zieht ein großes Stück Stoff heraus. Ein langärmliges Hemd, sehr altbacken, mit Blümchen. Die 23-jährige Studentin streift es über ihre modisch-schicke Markenkleidung. Dann fährt sie weiter. Umgeben von anderen Fahrern, fast alle Frauen, die plötzlich in langen Hemden stecken, Hüte tragen oder Schals dreimal um das Gesicht gewickelt haben. Das Thermometer zeigt derweil über 30 Grad Celsius, es ist schwülwarm.
Wie kann es sein, dass ein ganzes Volk, dessen Haut von Geburt aus vorgebräunt ist, die Sonne scheut? Zugegeben, in Vietnam ist es heiß. Aber ein deutscher Hochsommertag kann ähnliche Temperaturen erreichen, und wochenlange Wolkentage oder der empfindlich feuchtkühler Winter müssten gerade in Nordvietnam schnell die Sehnsucht nach Sonne wecken. Doch nicht bei den Vietnamesen. Ein Tag ist in Vietnam dann schön, wenn er grau ist. Dieses richtig fiese Grau, das zu erkennen gibt: Es wird sich den ganzen Tag nicht ändern.
Braune Haut gilt als hässlich
"Um Hautkrebs geht es dabei nicht", sagt Linh. Unter ihrem Stoff-Mundschutz, der vor Abgasen aber auch vor der Sonne schützen soll, klingen ihre Worte ein wenig dumpf. Es geht auch nicht um Sonnenstich oder um Hitze. Es geht um das Aussehen.
Gebräunte Haut gilt als hässlich. So sehen Menschen vom Land aus. So wollen wollen die Städter nicht aussehen. Und dafür tun sie auch alles. Sonnenschirme sind nur deswegen selten, weil sich damit sehr unpraktisch Moped fahren lässt. Stattdessen gibt es extra geschneiderte, schürzenähnliche Kleidungsstücke, die den Oberkörper von den Augen bis zu den Händen bedecken. Wer zu Fuß unterwegs ist, wenn die Sonne herauskommt, der hält sich alles, was gerade greifbar ist, über den Kopf. Den Fächer, eine Zeitung, die Einkaufstüte.
Vor allem der Straßenverkehr mit seinen Millionen von Mopeds ist sehr anfällig für Störungen durch Sonnenstrahlen. Nicht nur, wenn sich die Frauen ihre Hemden überstreifen. Bei Sonnenschein entstehen auch eher Staus, weil alle Mopeds vor den Ampeln versuchen, im Schatten der Bäume auf Grün zu warten egal, wie weit sie von der Ampel entfernt sind. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Hanoi für eine asiatische Großstadt erstaunlich viele Bäume hat. In der Sonne halten sich nur die auf, die keine Wahl haben: Bauern, Bauarbeiter, arme Leute. Die Industriegesellschaft sitzt im Büro, und hilft im Notfall sogar kosmetisch nach.
"Whitening-Effect" heißt das Zauberwort. Haut-Bleicher. Die Supermärkte in den vietnamesischen Großstädten sind zwar modern und voller Drogerie-Artikel. Aber für Touristen gilt trotzdem: Hautcremes mitnehmen. Denn in den Geschäften finden sich keine Hautcreme, keine Lotion, auf der nicht stolz diese Bezeichnung prangen würde, selbst bei den Deo-Sticks. Deutsche Sonnenverrückte machen am Strand Verrenkungen, damit auch die Achseln braun werden, während Vietnamesen, deren Achseln unter zwei Schichten Kleidung nie mit der Sonne in Berührung kommen, nachbleichen.
Bloß kein Licht ins Haus
Auch die Architektur vietnamesischer Häuser hat etwas mit der Sonne zu tun. Verblüffend schmal wirkt das typische Familienhaus: Hinter der sehr schmalen Front streckt sich das Haus lang nach hinten. Der Stil ist Jahrhunderte alt und hatte ursprünglich mit der Ladensteuer zu tun, die in den mittelalterlichen Innenstädten von der Größe der Ladenfront abhängig war. In den dicht gedrängten Großstädten ist das verständlich. Aber auf dem Land stehen die langen Schlauchhäuser manchmal auch frei herum - mit verputzter Fensterfront, aber grauen, fensterlosen Seiten. Als würden sie auf Nachbarreihenhäuser warten, die niemals gebaut werden. Dabei geht es weniger um Steuern als um Licht. Schmale Reihenhäuser sind praktisch sie brauchen nur an der Front Fenster. Mehr will man gar nicht.
Denn eigentlich will man gar kein Licht im Haus. Es ist sinnlos, einen Großstadt-Vietnamesen morgens nach dem Wetter zu fragen, wenn er noch nicht den Wetterbericht gesehen hat. Fenster öffnen wozu? Findet auch Tam Nguyen, eine Geschäftsfrau, die den Sonntag zu Hause verbringt. Sie liest. Die Fensterläden sind alle geschlossen. Draußen scheint schließlich die Sonne. Das Haus ist abgedunkelt, drinnen brennt nur das Neonlicht.
Die Neonröhre ist überall verbreitet, auch da, wo man sie als Deutscher nicht vermuten würde, nämlich vor allem in den Wohn- und Schlafzimmern. Andere Lampen hängen hier eher als Staffage. "Neonlicht ist schön", sagt Nguyen, "es wirkt angenehm kalt." Das gilt für die gesamte Einrichtung: Statt Polstermöbel (viel zu warm) setzt man auf Wohnzimmersofas aus Holz. Die fehlende Isolation sorgt dafür, dass einen im nordvietnamesischen Winter schon bei zehn Grad Celsius nur dicke Pullover und Daunendecken retten. Das Radio läuft. Ein Nachrichtensprecher sagt: "Morgen wird das Wetter besser. Wolkig und kalt."
Leere Schwimmbäder, solange die Sonne scheint
Wer eines letzten Beweises bedarf, dass Sommer, Sonne, Sonnenschein in Vietnam etwas anderes bedeuten als in Europa, der besuche ein Schwimmbad. Beispielsweise den Sao-Mai-Pool, ein großes modernes 50-Meter-Becken im Norden von Hanoi, nachmittags um 15 Uhr. Er ist leer. Im Wasser schwimmen drei Europäer. Fünf Bademeister sitzen arbeitslos im Schatten. "Tay", sagen sie nur. Das vietnamesische Wort für Ausländer, genauer: für Westler. Die meisten Schwimmer, die tagsüber kommen, sind Tay. Und so wie sie es aussprechen, klingt es ein wenig wie: Verrückte.
Erst wenn die Sonne schon hinter den Palmen rund um den Pool verschwunden ist, füllt sich das Bad. Dann ist selbst ein 50-Meter-Becken so voll, dass niemand mehr als zwei Meter geradeaus schwimmen kann. Fast pünktlich um 19 Uhr geht jeden Tag die Sonne unter; das Bad hat bis 20 Uhr geöffnet. Bis zum Schluss ist es voller Vietnamesen.
"Eines habt ihr Europäer uns aber voraus", sagt die Studentin Linh: "Ihr habt ganz viele Geheimrezepte gegen Sonnenbrand." Die vietnamesische Heilmedizin, die ansonsten für jedes Zipperlein die richtigen Kräuter, Mittelchen und großmütterlichen Weisheiten kennt, weiß jedenfalls keine Tipps gegen gerötete Haut. So etwas kommt hier einfach nicht vor.