Virginia Der Multikulti-Muslim von Charlottesville
Bashir ist Muslim, ein Berber aus Algerien. Seine Frau Katharina ist katholisch und gebürtige Ungarin. Sie haben sich in New York kennen gelernt, geheiratet und sind 1996 nach Charlottesville in Virginia gezogen, wo ihre Tochter Andrea die Uni besuchte.
"Sie war unser einziges Kind, und wir wollten nahe bei ihr sein." Inzwischen hat Andrea selbst fünf Kinder, ihr ältester Sohn Alex Asher ist 17 Jahre alt und spielt auf der Western Albemarle High School bei den "Warriors" American Football. "Er hat jetzt schon Anfragen von Profi-Mannschaften", sagt Bashir voller Stolz.
Als Bashir und Katharina vor zehn Jahren in Charlottesville ankamen, "gab es hier überhaupt keine Kultur und nur einen einzigen Coffeeshop, in den man gehen konnte", der hieß "The Jewish Mother", und war schon überfüllt, wenn fünf Gäste drin saßen.
Bashir und Katharina beschlossen, die Stadt aufzumischen. Sie organisierten ein Festival jüdischer Musik, ein Flamenco-Fest und Bauchtanz-Events. "Plötzlich gab es Leute, die so etwas machen konnten, und solche, die so etwas hören und sehen wollten."
Bashir fand "a small hole in the wall" in der Main Street und machte dort "Bashir's Gourmet Take Out" auf. Der Laden lief so gut, dass er genug zurücklegen und im September 2001, nur ein paar Tage nach 9/11, ein richtiges Restaurant aufmachen konnte. Im Erdgeschoss der neuen City Hall werden jetzt Gerichte aus Griechenland, der Türkei, Algerien, Marokko und Spanien serviert, alles was das Mittelmeer kulinarisch hergibt. Bashir steht in der Küche, er serviert und er unterhält seine Gäste. Sein Name ist Programm. "Bashir" bedeutet: "Überbringer guter Nachrichten."
Vom Hilfsarbeiter zum Lehrer zum Gastwirt
Dabei hat er etwas ganz anderes gelernt. Im Revolutionsjahr 1950 in Algerien geboren und mit Arabisch und Französisch als Muttersprachen aufgewachsen, studierte er Englisch an der Uni von Algier und schaffte es, ein Stipendium für die New York University zu bekommen, wo er in nur zwei Jahren seinen Master in "Education" machte. "Ich habe wie ein Zombie gearbeitet."
1979 ging er kurz nach Algerien zurück, um ein paar Monate später wieder in New York zu landen. Neun Jahre arbeitete er für große Drugstores wie CVS und Rite Aid, stand jeden Morgen um 6 Uhr auf und ging um Mitternacht schlafen. Dazwischen machte er "einfach alles", vom Entladen der Lastwagen bis zum Auffüllen der Regale.
1989 kam der Quantensprung. Er bewarb sich als Englischlehrer an der City University of New York (CUNY), deren Studenten meistens aus Familien kommen, die sich die teuren Privat-Unis nicht leisten können, und bekam den Job. Bis 1996 brachte er Jugendlichen mit Migrationshintergrund "English as Second Language" bei.
Seit zehn Jahren lebt er nun in Charlottesville, "glücklich und zufrieden". Er serviert Couscous und führt mit seinen Gästen Gespräche über Literatur und Linguistik, von Montaigne von Chomsky. Und wenn ihm nach mehr zumute ist, besucht er die Kirche der Presbyterianer. "Ich bin ein säkularer Muslim, Gott ist überall."
Mit dem US-Pass nach China
Bashir bietet auch Gerichte mit Schinken an, den er selbst präpariert. Hat er keine Angst, dafür in der Hölle zu enden? "Ich werde dort nicht allein sein, eine Menge interessanter Leute wird mir Gesellschaft leisten."
Freilich, als Caterer kann Bashir auch anders. Wenn er die "Bnei Israel"-Synagoge beliefert, dann ist das Buffet "koscher". Und wenn es eine Feier in einer muslimischen Gemeinde ist, sind die Speisen "halal".
Seit 1980 ist Bashir ein "legal resident". Seine alte Heimat hat er seitdem nicht besucht. Jetzt überlegt er, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Er möchte dieses Jahr mit seiner Frau nach China fahren. "Mit einem US-Pass kommt man überall hin."