Wandern in Hongkong: Streit um das grüne Paradies
Wanderziel Hongkong Feng-Shui am Wegesrand
Auf einmal ist der schmale Wanderweg oberhalb der Sai-Wan-Bucht versperrt. Zwei Kühe überraschen uns: Eine grast seelenruhig am Wegesrand, die andere hat es sich auf dem Pfad gemütlich gemacht. Vorsichtig schieben wir uns vorbei. Und finden an der nächsten Wegbiegung gleich noch einmal acht braune und schwarze Rinder auf einem kleinen Zeltplatz.
Hongkong, das klingt nach Hochhaustürmen und Lichtermeer, nach Menschengewusel und Shopping-Malls. An Wandertouren oder gar freilaufende Kühe denken die wenigsten Besucher der Sieben-Millionen-Metropole am südchinesischen Meer. Ein Fehler, denn die Stadt hat wenige Minuten vom Zentrum entfernt reichlich Natur zu bieten. Gut 40 Prozent der Landesfläche, über 44.000 Hektar, sind als Naturpark geschützt.
Hongkong ist grün, sehr grün. Das zeigt schon ein Blick aus den höheren Bürofenstern im Geschäftsdistrikt Central. In den dicht bewachsenen, bis zu 1000 Meter hohen Bergen finden Tiere wie der Tigerpython, die Zibetkatze, der Muntjakhirsch und das Chinesische Schuppentier ein Zuhause. Festgeschrieben wurde diese grüne Lunge unter britischer Herrschaft im Jahr 1976 mit dem Ziel, den Anwohnern die Möglichkeit zu verschaffen, in der Freizeit in die Natur zu fliehen.
Doch die Institution des Schutzgebietes ist in Gefahr - und damit das grüne Paradies. Protest regt sich etwa in dem Dörfchen Sai Wan. Dort fallen uns Plakate am Straßenrand auf, auf denen Anwohner ihrem Ärger Luft machen. "Die Regierung versucht, unser Dorf zu zerstören, indem sie es mit Naturpark umgibt. Wie sollen wir wachsen und gedeihen ohne Straße, ohne öffentlichen Nahverkehr, ohne neue Gebäude?", erklärte Bürgermeister Lai Yan vor wenigen Wochen. Damals verweigerte das Dorf Wanderern den Zugang. Auch Teilnehmer des Oxfam Trailwalkers, eines wichtigen Langstreckenlaufs in der Stadt, wurden davon überrascht.
Zur Erfrischung frische Kokosnuss
Diese fehlende Infrastruktur ist es aber gerade, die die östliche Küste des Sai Kung Country Parks für Wanderer so attraktiv macht. Wir sind auf dem MacLehose-Trail unterwegs, einem der vier gut ausgebauten Fernwanderwege, die das Territorium Hongkongs durchziehen. Benannt nach dem einstigen britischen Gouverneur, führt er auf hundert Kilometern von Ost nach West durch die New Territories im Norden der Stadt.
Auf den ersten Kilometern des circa zehn Kilometer langen Trails haben wir das High Island Reservoir passiert, einen der Wasserspeicher der Stadt. Der Aufstieg zum Sattel Chui Tung Au wurde durch den Blick aufs Meer im Osten und eine Reihe vorgelagerter Felseninseln belohnt. Und in dem aufmüpfigen Dorf Sai Wan wartete nicht nur ein weißer Sandstrand, auf dem kleine zartrosa Krebse davonhuschten, sondern auch eine Reihe kleiner Cafés. Perfekte Stopps für eine frische Kokosnuss oder eine Portion gebratenen Reis zur Stärkung.
Lai Yan, Sai Wans Bürgermeister, kann mit seinem Anliegen auf mächtige Unterstützer zählen. Allen voran Paul Chan, Minister für Stadtentwicklung, der einen Teil der Parks gerne als Bauland ausweisen würde. 230.000 Einwohner warten in der Stadt, deren Wohnungsmieten zu den höchsten der Welt gehören, auf ein finanziell gefördertes Apartment. Und es werden immer mehr. "Die Country Parks wurden für Entwicklungsprojekte bisher nur sehr eingeschränkt betrachtet, gelten fast als tabu. Aber ist das Thema auch heute noch vollkommen unantastbar?", fragte Chan in einem Eintrag auf seinem Blog.
Zustimmung kommt vom Wohnungsbauberater der Stadt, Andy Kwan, der freimütig einräumt, seit 16 Jahren nicht mehr in einem der Parks gewesen zu sein. Vor zehn Jahren wäre Kwans Haltung nicht ungewöhnlich gewesen. Doch die tödliche Lungenkrankheit Sars, die die Stadt 2003 fast zum Stillstand brachte, hat die Einstellung verändert. Damals mussten die Einwohner aus Sorge vor Ansteckung von einem Tag auf den anderen auf Shopping, Kino- und Restaurantbesuche verzichten. Sie entdeckten die Natur für sich - und sind empört über Chans Vorstoß.
Verlassene Dörfer, streunende Kühe
Vorerst aber bleibt die Parkwelt, wie sie ist. Am nördlichen Ende von Sai Wan geht es für viele Höhenmeter direkt nach oben. Serpentinen sind in Hongkongs Wandernetz Fehlanzeige, ein Berg will direkt erobert sein. Wir laufen an einer Grabanlage aus weiß getünchtem Beton vorbei. Clans, die seit Generationen auf dem Parkgelände leben, dürfen ihre Toten hier begraben. Dabei profitieren sie von den perfekten Feng-Shui-Eigenschaften des Geländes. Nach der chinesischen Geomantie sollten Häuser idealerweise den Berg im Rücken haben und aufs Wasser blicken. Was für die Lebenden gut ist, ist für die Ahnen nur billig. Der Meerblick ist großartig.
Auch in Ham Tin sind Dorf und Strand ausschließlich zu Fuß und per Schiff erreichbar. Eine große Dschunke ankert in der Bucht, ein kleines Motorboot bringt Getränke und Nahrungsmittel für das Strandrestaurant und die Anwohner an Land. An Wochenenden können diese Boote auch für den Rücktransport zu einem Anleger genutzt werden. Von dort besteht Anschluss ans gut ausgebaute Verkehrsnetz der Stadt.
In Chek Keng stoßen wir noch einmal aufs Meer - in dieser geschützten Bucht liegt allerdings ein fast völlig verlassenes Dorf. Viele der schmalen Häuser haben keine Fenster mehr, teilweise sind die Dachstühle vollständig eingestürzt. Neben einem Herd steht ein Wok, auf dem Tisch warten vier Reisschalen und ein Tablett. Seit den Sechzigern haben die Bewohner - wie in vielen der entlegenen Bergsiedlungen im Norden - nach und nach ihre Häuser aufgegeben. Das Leben in der Stadt versprach bessere Einkünfte und mehr Komfort.
Wanderungen in Hongkong
Als sie sich aufmachten, ließen die Bauern ihre Tiere, vor allem Kühe und Schweine, frei. Über die Jahre sind sie ausgewildert und versperren heute schon mal den Wanderweg. An die 1300 streunende Kühe, vor allem in Sai Kung und Lantau, erinnern somit an die landwirtschaftliche Vergangenheit der Stadt - zumindest so lange die Country Parks noch nicht in Shopping-Malls umgewandelt sind.