Wandersafari in Sambia: Dem Löwen auf der Spur
Wandersafari in Sambia Der Blues des Busches
Die Briten wussten, wie man Safari macht. Mit Stil. Stets im Modus der Überlegenheit. Über die Natur, über die Tiere, und selbst Staub und die Hitze schien ihnen nichts auszumachen, in ihren schnieken sandfarbenen Klamotten, mit ihren Ledertaschen und dem Safarigeschirr. Um fünf Uhr nachmittags tranken sie Tee.
Wir haben um fünf Uhr am Nachmittag zum wiederholten Male an diesem Tag barfüßig den Fluss durchquert. Kein großes Ding, der Mfolozi, ein Nebenfluss des Luangwa, führt im Frühjahr kaum Wasser, die Krokodile haben sich schon zu Beginn der Trockenzeit in die schlammigen Nebenarme zurückgezogen und das Schlimmste, was einem bei so einer Überquerung passieren kann, ist dies: Man versinkt in einer Fußspur, die zuvor ein Elefant in den weichen Sand gesetzt hat.
Der britische Safarist wüsste sicherlich, wie man stilgerecht wieder in Strumpf und Schuhe kommt. Wir nicht. Keiner von uns fünf, die wir zu Fuß das Buschland im South-Luangwa-Nationalpark von Sambia durchqueren, hat britisches Blut in den Adern. Selbst Jason, unser Führer über Ebenen und Hügel, durch Unterholz und Wasser, hat italienische Eltern. Immerhin hat er an Handtücher gedacht. Als wir endlich im Camp ankommen, ist die blaue Stunde vorüber und wir können nahtlos zum Gin Tonic übergehen.
Wir sind von Deutschland nach Lusaka, Sambias Hauptstadt, geflogen und dann in die kleine Stadt Mfuwe, wo beim Anflug einige Impala graziös über die Landebahn schritten, als sei das hier ihr Laufsteg. Dann eine Übernachtung im festen Camp, eine Fahrt nach Norden, immer schmalere Wege, kein Menschen mehr außer uns, keine Geräusche mehr außer denen des Busches.
Leave no trace
Es gibt ja Safaris, da macht es nichts, wenn man sich unbritisch benimmt. Da ist man unter anderen Touristen, und alle wollen die Big Five sehen und cruisen in ihren Jeeps von Wasserloch zu Wasserloch. Und dann gibt es Safaris, auf denen man sich fühlt, als sei man wieder in jenen Tagen, als der weiße Mann (selten die weiße Frau) den Busch eroberte. Auf solchen Safaris ist es fast ein Verstoß gegen das gute Benehmen, wenn man um fünf Uhr nachmittags am Flussufer eine lächerliche Figur abgibt, statt mit Fernglas und Hut im Nacken im klappbaren Safaristuhl zu sitzen.
In so einem, in dem auch schon Ernest Hemingway saß. Der war zwar US-Amerikaner, aber in Safaridingen benahm er sich sehr englisch. Es gibt Gerüchte, er sei es gewesen, der das Suaheli-Wort Safari, was Reise bedeutet, erst in die englische Sprache einführte. Fortan definierte man dieses als eine Expedition, um Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu jagen oder zu beobachten.
Unsere kleine Reisegruppe ist nicht in Sambia, um zu jagen, dergleichen Dinge gelten im South Luangwa Park, dem wichtigsten unter dem guten Dutzend Nationalparks, als verpönt. Wir sind für das Beobachten hier. Das spurlose. Unsere Expedition steht unter der Überschrift: Leave no trace, hinterlasse keine Spur. Um der Tiere, aber auch um der Menschen willen. Denn wo der Mensch ist, da will das Tier nicht sein und sucht sich andere Gebiete.
Deshalb reisen wir mit einem mobilen Camp, das auf- und wieder abgebaut wird, während wir wandern. Wenn wir zum Tee ankommen, dann stehen da schon unserer Zelte mit Betten und Solarlicht. Und davor ein Dreibein mit einer Waschschüssel und einer Kanne mit heißem Wasser. Dann gibt es noch eine Buschdusche, also einen Sack, der mit heißem Wasser gefüllt wird, und es gibt ein mobiles Klohäuschen mit Kloschüssel und einem Eimer mit Sand und einem Spaten, damit man wieder zuschaufelt, was man abgesondert hat.
Handtuchträger und Vogelbuch-Blätterer
Wandersafari, das bedeutet: viele Kilometer mit heißen Füßen in dicken Schuhen, Tonnen von Staub in allen Poren, Dornenäste im Gesicht, nervige Moskitos, aufdringliche Fliegen. Löwe und Leopard hören uns immer so rechtzeitig, dass sie abhauen - nix mit Aug in Aug mit dem Raubtier. Dafür sammelt man so viele Erlebnisse, dass sie erst durcheinanderpurzeln wie ein Kaleidoskop und sich dann fügen zu einem Bild der Ganzheitlichkeit. Alles ist eins, das ist die größte Weisheit, die wir am Ende mit nach Hause nehmen.
Doch nie sind wir zum Tee zurück. Schuld sind die Elefanten, die so possierlich im Fluss baden, dass wir sie nicht stören wollen und weiter flussabwärts kreuzen. Schuld ist Jason, der an keinem Vogelnest und keinem Kothaufen, an keinem herumliegenden Knochen, ja, nicht einmal an einem Termitenhügel oder Blatt vorbeigehen kann, ohne uns um sich zu scharen und zu erklären, was, warum und wie all dieses sei. Jason ist alles. GPS- und Handtuchträger, Lunch-Picknick-Bereiter und Vogelbuch-Blätterer.
Vor allem aber ist er rundum gebildet, nicht nur, was die Fragen der Ökologie, Geographie, Ornithologie und viele weitere -ies angeht, sondern auch in Geschichte, Safarilatein und Tier- wie auch Menschenkenntnis. Jason kann reden und ein Tier in der Nähe atmen hören. Er sieht Dinge, die unseren Augen nicht nur entgehen, nein, meist stolpern wir direkt darüber. Wir sind blind, zivilisationsblind, und Jason lehrt uns sehen.
Safari, sagt Jason einmal zu uns, bringt das Beste im Menschen hervor. Wandersafari, ergänzen wir diesen Spruch später, bringt das Allerbeste im Menschen hervor.
Der Löwe ist immer einige Schritte voraus
Der Vater aller Wandersafaris im südlichen Afrika ist ein Mann namens Norman Carr. Er wurde in Sambia geboren, hatte eine Leidenschaft für Busch und Tiere, stieg in den Vierzigern in das Safarigeschäft ein. Damals bedeutete Safari: jagen. Weder die Tiere noch die einheimische Bevölkerung hatten Rechte. Carr wollte das ändern. Wenn Jagd, dann höchstens mit dem Fotoapparat. Als Carr 1968 seine Walking Safaris begann, war er seiner Zeit weit voraus.
In der Safariwelt werden Leute wie Carr und Jason Alfonsi mit Respekt genannt. Hemingway, Roosevelt, ja, selbst der unerschrockene David Livingstone waren auf die Expertise ihrer Guides angewiesen. Mit diesen stand und fiel jede Expedition, jede Safari. In die Geschichtsbücher gehen die Guides selten ein, auch wenn sie es sind, die Gefahren abwenden, die großen Tiere aufspüren.
Auch Jason findet die Büffel, die einsamen Elefantenbullen, die scheuen Kudu. Dass der Löwe uns immer einige Schritte voraus ist, wir zwar seine Spuren sehen, mehr aber auch nicht, macht uns nichts aus, weil wir auch ohne Löwe den ganzen Tag über alles staunen.
Abends schlemmen wir. Wie es unter den Umständen - alle zwei Tage zieht das gesamte Camp um - möglich ist, Drei-Gänge-Menüs zu kochen, Brot und Kuchen zu backen, erfahren wir, als wir uns hinter die Kulissen, also hinter eine dichte Buschreihe, begeben. Dort finden wir Feuerstellen, Grillroste, Räucherofen, Erdofen. Und sogar einen Angestellten mit einem Kohlebügeleisen.
Und dann endlich machen wir auf Hemingway. Sitzen in Safaristühlen um das Feuer, Whiskeyglas in der Hand, die schmerzenden Füße von uns gestreckt, lauschen den Tönen aus der Dunkelheit und Jasons großartigen Geschichten über großartige Wandertage. Nur die Großwildtrophäe, die sich Hemingway gerne um die Schultern legte, die ersetzen wir durch warme Schals.