Washington State Cabernet Sauvignon aus Walla Walla
Richland - Am Ende bleibt die Erinnerung an dieses enorme Wandgemälde in einem Hotel der Kleinstadt Walla Walla: Weinberge in herbstlich warmen Rot- und Ockertönen unter einem drohenden Gewitterhimmel. Als sollte jeder Gast mit Nachdruck daran erinnert werden, dass er in einer Weinregion Halt gemacht hat. Schließlich gilt der US-Bundesstaat Washington als zweitgrößtes Weinanbaugebiet des Landes nach Kalifornien. Nur nimmt das kaum jemand wahr. Von den Weinen der "Neuen Welt" kennt man Wein aus Australien, Chile und Kalifornien - aber Wein aus Washington State?
Zugegeben, in Kalifornien werden jährlich rund 173.000 Hektar Wein angebaut, in Washington State sind es gerade einmal 12.000 - zu wenig, um selbst den Reisenden aufzufallen. In Kalifornien spricht man von rund 900 Weingütern, hier sollen es höchstens 150 sein. Alle zwei Wochen aber, so hat jemand errechnet, entsteht derzeit ein neues Weingut. Und das US-amerikanische Fachmagazin "Wine Enthusiast" hat Washington State 2001 sogar als Weinanbauregion des Jahres ausgezeichnet. Im Jahr davor war es noch Australien.
Das günstige Klima macht es, sagen die Winzer. Die Tage sind heiß, die Nächte kühl. So halten die Temperaturwechsel den Säuregehalt der Beeren, auch wenn der Zuckeranteil steigt. Bis zu zwei Stunden pro Tag scheint die Sonne länger als im südlichen Kalifornien. Und starken Herbstregen muss niemand fürchten: Die Weinanbaugebiete liegen auf der niederschlagsarmen Ostseite der Cascade Range. Das benötigte Wasser kommt je nach Bedarf durch künstliche Bewässerung.
Nach Walla Walla geht es von Seattle mit dem Wagen knapp vier Stunden über den Interstate-Highway an die Grenze zum Bundesstaat Oregon. Rund 30 Weingüter zählt man heute im Walla Walla Valley. Vor drei Jahren waren es noch zehn. Sie heißen "Waterbrook" und "Whitman Cellars" oder "Three Rivers Winery".
"Sie müssen verstehen, das sind unsere ersten Beziehungen, die wir knüpfen", entschuldigt sich der Manager der "Three Rivers Winery" bei den ausländischen Besuchern. Doch man versteht nicht, weshalb er sich entschuldigen möchte. Vielleicht weil die "Three Rivers Winery" gar nicht den europäischen Vorstellungen von Weinkellereien entspricht? Man steigt nicht in feuchte Weinkeller mit alten Eichenfässern, wo die Zeit die Decken des Gewölbes schwarz verfärbt hat. In weiß getünchten hohen Hallen lagern die Fässer beinahe aseptisch unter dem gleißenden Licht der Neonlampen. Die Merlots, Cabernet Sauvignons, Syrahs und Sangioveses wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.
Im Columbia Valley, wieder etwas westlich Richtung Seattle, findet sich die "Tri-Cities-Region" der drei Städte Pasco, Kennewick und Richland. Hier liegt das größte Weinanbaugebiet der Region. In rund 60 Weinkeltereien werden die Trauben zu Wein gemacht. Kannte man vor 20 Jahren gerade die Weißweine wie Riesling und Chenin Blanc, so schwärmen Kenner heute auch von den ausgezeichneten Rotweinen Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah. In Kennewick findet man etwa die erste biologische Weinkelterei Washingtons "Badger Mountain". Die "Preston Winery" in Pasco aus dem Jahr 1972 gilt hingegen als das älteste Weingut in Familienbesitz.
Einzig Richland, wo der Yakima River in den Columbia River fließt, muss nicht mehr um Bekanntheit buhlen. Einst war die Stadt Teil der Hanford-Site, bekannter als Manhattan-Atombombenprojekt. In der Plutoniumfabrik wurde die Ende des Zweiten Weltkrieges über Nagasaki abgeworfene Atombombe entwickelt. Das Rüstungsprojekt ließ den Ort wachsen. Aus dem 250-Seelen-Dorf wurde in knapp zwei Jahren eine Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern.
Der letzte Reaktor wurde 1988 abgeschaltet. Auch wenn Umweltschutzorganisationen immer wieder auf die verseuchte Gegend aufmerksam machen - die Einwohner Richlands sehen ihre Geschichte mit Ironie oder Stolz. So wird in der "Atomic Brewery" "Plutonium-Porter-Bier" getrunken. Süßigkeiten wie "B-Reactor-Brownies" sind zu haben. Eine Plattenfirma nennt sich "Atomic Records", ein Lebensmittelhändler "Atomic Speciality Foods".
Weiter geht es ins Yakima Valley, an den Yakima River zu Shirley Puryear, die als Weinpionierin der Region gilt. In den siebziger Jahren wollte sie nach einem Spanisch- und Russischstudium eigentlich für die CIA arbeiten. Dann habe ihr aber der Vietnam-Krieg die Lust am Dienst unter dem Sternenbanner vergrätzt. Puryear wurde Winzerin.
24 Weingüter und rund 2800 Hektar Land werden im Yakima Valley mit Rebstöcken bebaut. "Wir arbeiten hier alle zusammen und wollen einzig den Wein nach vorne bringen", sagt Puryear. Wer nicht genügend Fässer besitzt oder wer Hilfe bei der Ernte benötigt, könne auf seine Kollegen setzen. Das klingt fast ein wenig zu schön, als dass man es glauben könnte. Aber Puryear, die Pionierin, erzählt es selbst. "Haben Sie noch eine Frage, sonst erzähle ich einfach", sagt sie.
Dann steckt sie schon mitten in ihren Geschichten: Wie die Bauern des Apfellandes Washington merkten, dass mit Äpfeln kaum mehr Geld zu verdienen war, sich aber das Weingeschäft zu rentieren schien. Und so verschwanden Jonagold und Golden Delicious, und die Weinreben kamen. Oder wie sie noch die Weintrauben bei Freunden pressen ließ, weil sie sich keine Kelter leisten konnte. Natürlich sind es Berichte von Geld und Geschäft. Aber aus dem Mund von Puryear klingt es, als spräche sie von Literatur und Kunst - oder einfach von der Liebe zum Wein.
Von Dietmar Telser, gms