Weihnachten in Neuseeland: Hully-Gully am Strand - DER SPIEGEL
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Weihnachten in Neuseeland Hully-Gully am Strand

Raus aus der Kälte, ab ins sommerliche Neuseeland. Christschmuck braucht man nicht für Weihnachten, die Bäume glänzen in ihrer eigenen Pracht. Und feiern können die Kiwis sowieso besser: einfach, lustig und in Badehose.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich liebe unsere deutsche Weihnacht: das hektische Geschenkesuchen, den Tannenbaum, den Braten, heisere Gesangseinlagen. Ich mag hysterische Familienmitglieder, schwitzige Kinderhändchen, die "Das Geschenk find ich aber doof"-Tränen.

Mein Mann Matthias schätzt weder Weihnachten noch den Rummelbummel drum herum. Ginge es nach ihm, könnten wir an den Festtagen immer verreisen. Weit weg, so weit, dass uns keiner folgen und einfangen kann. "Mein Schatz", sagte er deshalb sechs Monate vor dem 24. Dezember, "was hältst du von einer Reise nach Neuseeland?"

Über Weihnachten? "Au ja", antwortete ich tapfer. Inzwischen weiß ich: Neuseeland ist grüner als Spinat, hügeliger als Verona Feldbusch, stiller als der Dalai Lama. Mit Waldböden, die sich so anfühlen, als hätte der liebe Gott dort im Teppichverlegen seinen Meister gemacht. Mit Bäumen, die schon bei Christi Geburt auf der Welt waren. Mit Menschen, die im ständigen Wettstreit miteinander stehen, wer der Netteste von ihnen ist. Mit einer Nationalnachspeise, die fast nur aus Sahne, Zucker und Eischnee besteht: Pavlova, geliebte Pavlova.

Wohnen mit Ponys oder Rugbybällen?

Zwar haben wir für die erste Nacht ein Hotelzimmer reserviert, kaufen uns aber sofort das aktuelle B&B-Verzeichnis. Potenzielle Gastgeber stellen sich vor: "Wir haben drei Hunde, vier Katzen und ein kleines Pony, alle freuen sich, euch als Gäste zu begrüßen." - "Ich will nicht mit einem Pony Weihnachten feiern", sage ich. Anderes Angebot: "Es erwarten euch zwei Rugby-verrückte Globetrotter, die viele Sachen aus Übersee mitgebracht und damit ihr Heim liebevoll dekoriert haben." - "Ich will nicht über Rugbybälle und Schrumpfköpfe stolpern", sagt mein Mann. Selbst gebackene Waffeln zum Frühstück? Ein nahe gelegener See zum Angeln? Kinder oder Jugendliche zum Spielen?

Wir entscheiden uns für ein mit Porzellanenten dekoriertes Cottage in Devonport, nicht weit von Auckland entfernt. Mich überzeugt die Entendekoration, Matthias der Preis. Umgerechnet 50 Euro für ein Doppelzimmer für eine Nacht. Ein Rentnerehepaar empfängt uns mit einem Berg von Selbstgebackenem und wirklich vielen Enten: in Form von Türstoppern, Salz- und Pfefferstreuern, auf Bildern. Die Enten vor der Haustür tragen Weihnachtsmützen. Die Küche duftet nach Rosinen und Zimt.

"Wo feiert ihr denn Christmas?", fragt Gwenda, die Hausmutter. Matthias, der einen emotionalen Überfall befürchtet, sagt schnell: "Wissen wir noch nicht." - "Ihr könnt gerne wiederkommen", sagt Gwenda. Und bevor mein Mann "Ööh" sagen kann, rufe ich "Ja!". "Dann bekommt ihr schon jetzt den Hausschlüssel." Wildfremde Gäste erhalten einen Haustürschlüssel, den sie mitnehmen sollen. Wochenlang. Nur damit sie später unkompliziert ins Haus kommen können. Unglaublich.

Grünlippenmuschelsuchen mit Mandy

Mandy, unsere nächste B&B-Wirtin, lädt uns zum Grünlippenmuschelsuchen in der McLeod Bay ein. Die Bucht wirkt noch nicht ganz so gigantisch, umwerfend und atemraubend wie später der Ninety-Mile-Beach und der Waipoua Forest im Norden oder Lake Pukaki und die Pancake Rocks auf der Südinsel - aber für den Beginn der Reise ist die Landschaft genau richtig. Man wandert noch nicht von Demut gebeugt durch Schluchten und Täler, man traut sich sogar, eine Buschwindrose vom Straßenrand zu pflücken. "Kommt ihr?", ruft Mandy, "die Sonne könnt ihr noch lange genug angucken. Es ist Ebbe! Pflückzeit!"

Bei Niedrigwasser steigen wir gemeinsam mit vielen Neuseeländern in einen Kahn, fahren hinaus aufs Meer zu einer Sandbank, um dort im Schlamm nach den Muscheln zu suchen. Anschließend werden Nachbarn eingeladen, die Fundstücke auf dem Grill geräuchert. Wer jetzt nicht mit den Leuten plaudert, ist entweder Autist oder Pessimist.

Wir fahren durch Städte wie Kawakawa, Paihia, Awanui und Kaitaia. Sie sind festlich geschmückt, nur kann man in der Hitze den Kerzen beim Schmelzen zusehen. Für dezemberkalte Länder sind Weihnachtsbräuche eindeutig besser geeignet. Hier dagegen tragen die Weihnachtsmänner oben Bart und unten Badehose. Auf Schildern steht: "Jesus is the reason for the season" oder "The best offer of the season: Jesus Christ". Dass hier mit Gottes Sohn so umkompliziert umgegangen wird, als sei er ein Bungee-Springer, ist für mich skurril, steigert aber mein Heimweh.

Kerzen im Wald

Am nächsten Morgen entspricht das Wetter meinem Zustand: Der Himmel weint. Matthias tut alles, um mich zu trösten und mir ein alternatives Rührfest zu bereiten. Vier rote Kerzen werden angezündet, und da Schmuck leicht zu transportieren ist, gibt es ein Überraschungspäckchen für mich. Danach gestalten wir unseren ganz privaten Gottesdienst im Waipoua Forest. Obwohl es gießt, schüttet, plästert: Wir stapfen durch den Regenwald. Seit 2000 Jahren steht in diesem Wald der älteste Kauribaum Neuseelands. So alt wie das Christentum, älter als das Weihnachtsfest, das im Jahre 354 zum ersten Mal gefeiert wurde. Sein Name: Te Matua Ngahere, Vater des Waldes. Mein Christbaum in diesem Jahr: majestätisch, erhaben, autoritär. Ich davor: klein, nass und tief beeindruckt. Uns überkommt ein tiefer Frieden. Das ist das Großartige an Neuseeland: Die Landschaft in ihrer Schönheit ist so ursprünglich, dass man meint, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren, die heilende Wirkung einer respektvollen Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur zu erleben und zu verstehen. Um das bei seinen Patienten zu erreichen, braucht ein durchschnittlich begabter Diplom-Psychologe Jahre. Ein Aufenthalt in Neuseeland kann als Therapie für Leiden wie Nervosität, Unzufriedenheit und Seelenverklemmungen aller Art gar nicht nachdrücklich genug empfohlen werden.

Wir fühlen uns reich beschenkt, und in festlicher Stimmung fahren wir zu Gwenda und ihrer Familie in Devonport zurück. Unser Zimmer ist gerichtet, Plätzchen und frische Blumen sind bereitgestellt. Wir helfen beim Einpacken der Geschenke für die Enkel und erleben eine ganz entspannte Weihnacht.

Beruhigender als ein Dinkelkernkissen

Alle melancholisch stimmende Symbolik sucht man vergebens. Nach britischer Sitte feiert man am 25. Dezember die Bescherung in der Familie, am 26. Dezember trifft man sich zum munteren Hully-Gully. Jeder bringt irgendetwas Essbares mit, man fährt ans Meer, zum Campen, zum Grillen. "Herbei, oh ihr Gläubigen" oder "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" hört man eher selten. Wenn schon Musik, dann schmissige. Wenn schon Essen, dann unaufwendiges. Wenn schon Geschenke, dann nur kleine. Und wenn schon Fest der Freude, dann auch mit vielen Freunden. Alles läuft locker ab, ohne dass im Vorfeld Massen an Energie verpulvert werden.

Als wir am 26. Dezember weiter in Richtung Süden fahren, haben wir eine leichte, aber nicht minder eindrucksvolle Weihnacht als zu Hause verbracht. In kurzer Zeit gewöhnt man sich an den unkomplizierten Umgang mit Neuseeländern. Man nennt den Verkehrspolizisten beim Vornamen, weil er selbst es unnötig findet, seinen Nachnamen zu nennen. Man herzt nach einem Flug seinen Drachen-Fluglehrer, weil er einen ebenso vergnügt umarmt. Vielleicht liegt es an der vielen Natur, die auf Dauer beruhigender wirkt als ein Dinkelkernkissen im Nacken.

Zu Silvester - dank der Zeitzone starten die Neuseeländer als Erste auf der Welt ins neue Jahr - fühlen wir uns wie bekifft vor Leichtigkeit und Natürlichkeit. Wir stehen in Wellington am Hafen und suchen während eines Open-Air-Konzerts den klaren Himmel nach Sternschnuppen ab. Umgeben von lauter friedlichen, fröhlichen Kiwis. Alle halten um Mitternacht Leuchtstäbchen in die warme Luft, die weich ist wie ein Soufflé. "Woran denkst du gerade?", fragt mich Matthias. "An Pavlova", sage ich.

Aus dem "GEO Saison"-Heft 10/2004, "Rom, Florenz, Neapel"