Weltumsegler in Polynesien: Pfeife im Ohrloch - DER SPIEGEL
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Weltumsegler in Polynesien Pfeife im Ohrloch

Gastfreundschaft, Ursprünglichkeit und faszinierende Bootsbaukunst: Die Polynesier haben es dem Weltumsegler Klaus Hympendahl angetan. Mit nach historischem Vorbild gebauten Katamaranen will er eine Jahrtausende alte Route nachsegeln - Ziel ist die entlegene Insel Tikopia.
Von Reinhild Haacker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der Weltumsegler Klaus Hympendahl vor 20 Jahren zum ersten Mal vor der Insel Tikopia seinen Anker ins türkisblaue Wasser fallen ließ, bereiteten die Bewohner eilig die Begrüßung vor. Mit Bananen und Kokosnüssen an Bord ruderten sie dem Gast entgegen. "Wer immer diese Insel erreicht, muss eine weite Reise gehabt haben. Deshalb bringen sie Früchte gegen Hunger und Durst", sagt Hympendahl, der 1986 seinen Job als Werbetexter aufgab, um auf Entdeckungsreise in den Pazifik zu gehen.

Von Neuseeland aus hatte sich Hympendahl auf die Spuren der polynesischen Kultur begeben. Auf der östlichsten Insel der Salomonen, einer Inselgruppe östlich von Neuguinea, traf er auf eine nahezu unberührte Kultur. Auf den Überresten eines erloschenen Vulkans werden die Regeln einer polynesischen Reinkultur auch heute noch gelebt - Gastfreundschaft gehört dazu.

Bei seiner Ankunft vor der Insel kramte auch Hympendahl schnell nach einem Gastgeschenk und landete einen Treffer, wie er sich erinnert. "Ich habe dem Häuptling eine Pfeife gegeben. Sie lieben sie, weil sie selbst kein Wurzelholz haben und sie nicht herstellen können. Tabak hingegen gibt es genug." Nicht aus Stolz tragen viele Bewohner die Pfeifen in ihren Ohrlöchern, wie der 68-Jährige berichtet. "Sie haben ja schließlich keine Hosentaschen", denn sie tragen lediglich eine Art Wickelrock. Fünfmal war der gebürtige Hamburger inzwischen auf der Insel Tikopia.

Die nächstgelegene Insel Ndendi der Santa-Cruz-Gruppe ist etwa 400 Kilometer entfernt und hat eine vergleichsweise gute Infrastruktur. "Einmal in der Woche kommt ein Flugzeug dorthin und versorgt die Krankenstation", sagt Hympendahl, "nach Tikopia kommt lediglich zweimal im Jahr ein marodes Schiff, um das Notwendigste zu bringen, wie Petroleum oder Angelzeug."

Die Menschen auf Tikopia leben in stabilen Hütten mit geflochtenen Sagopalmdächern, die von Hurrikans regelmäßig auf die Belastbarkeit getestet werden. "Die Häuser halten den meisten Wirbelstürmen stand, weil die Pfähle mehrere Meter in den Boden gegraben werden", erzählt Hympendahl. Zuletzt hatte allerdings der Zyklon "Zoe" im Jahr 2002 eine Spur der Verwüstung hinterlassen - die Bewohner suchten jedoch rechtzeitig Zuflucht in Höhlen.

Für die Bewohner Tikopias war die Ankunft Hympendahls ein Großereignis. Mit Tanz und Gesang begrüßten sie den Fremden, an Land drängten sie sich um die Digitalkamera. "Sie lieben es, fotografiert zu werden", sagt Hympendahl.

Es war eine Frage der Ehre, dass der exotische Gast in eine Hütte eingeladen wurde. Gesprochen wird Pidgin-Englisch. Brennend interessieren sich die Menschen für das Wetter und für Neuigkeiten aus der fernen Welt. Und für die Lieder, die der Gast in seiner Heimat singt. "Ich fing an mit 'Die Gedanken sind frei'. Als ich merkte, dass sie langsam eindösten, habe ich sie dann mit 'Auf der Mauer auf der Lauer sitzt 'ne kleine Wanze' wieder wach bekommen", erzählt Hympendahl lachend.

Lebensretter für den Häuptling

Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ der Weltumsegler mit seinem Antrittsbesuch beim Oberhaupt der rund 1400 Einwohner zählenden Insel. Der Häuptling lag krank in seiner Hütte, um ihn herum beteten die Bewohner um Linderung und legten Blätter auf den nass geschwitzten Körper. "Er hatte hohes Fieber und Atembeschwerden." Aus seiner Bordapotheke gab Hympendahl ihm Antibiotika und ließ die Waden mit feuchten Tüchern umwickeln. "Nach ein paar Tagen habe ich mich gewundert, dass die Tabletten nicht wirkten – bis herauskam, dass er sie mit seinem Bruder geteilt hat. Schließlich teilte er alles mit seinem Bruder."

Einige Erklärungen waren nötig, bis sich der Inselhäuptling dann doch an die Dosis hielt und wieder gesund wurde. Zu Ehren des weißen Mannes schlachtete die Häuptlingsfamilie ein Schwein, räumte die größte Hütte und gab ein großes Fest. "Das war unglaublich, alle haben vor Rührung geweint - auch ich." Noch heute ist Hympendahl bewegt von dem Ereignis.

Rund 1500 Jahre vor Christus wurde die Inselregion nach Ansicht von Archäologen durch die Polynesier besiedelt. Seefahrer, die ursprünglich aus Taiwan kamen, hätten sich über die Philippinen kommend über die pazifische Inselwelt ausgebreitet, lautet die Theorie. Mit ihrer Bootsbaukunst waren sie nach Ansicht Hympendahls ihrer Zeit weit voraus: "Die Polynesier haben als erstes die Bootsrümpfe in V-Form gebaut, mit denen sie dann hoch am Wind segeln konnten. Damit waren sie in der Lage, von Asien aus gegen die vorherrschenden Ostwinde zu segeln. Und sie waren unheimlich schnell."

Dass die Jahrtausende alte Bootskunst aussterben konnte, liege in der Übermacht der pazifischen Kolonialmächte wie das Deutsche Reich und Großbritannien und Missionare, die ab Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Salomonen die Kontrolle übernahmen. "Sie hatten ihren Untertanen Hochseereisen in ihren Booten verboten, um somit bessere Kontrolle über sie zu haben", sagt Hympendahl. Heute befahren die Inselbewohner mit Booten aus Einbäumen das Meer.

Name auf dem Oberarm

Nach seinen häufigen Besuchen ist Hympendahl inzwischen in die Gemeinschaft aufgenommen worden, trägt einen polynesischen Namen und eine Tätowierung, die mit Zähnen eines Fregattvogels und geriebenen Nüssen in seinen Oberarm gehämmert wurde. "Pa Terauola" lautet sein Name – der Mann, der im Haus am Meer wohnt.

Und der Mann kommt wieder: Ab November will Hympendahl gemeinsam mit dem britischen Konstrukteur James Wharram von den Philippinen nach Tikopia segeln, in zwei eigens dafür angefertigten Schiffen. Wharram konstruiert die beiden Katamarane nach den Grundsätzen des polynesischen Bootsbaus, als Material soll Epoxy-Kunststoff dem Rumpf eine höhere Haltbarkeit garantieren. Um im Wind das Material zu schonen, setzen die Bootsbauer wie ihre Vorbilder auf Flexibilität: Die Querbalken, die die beiden Rümpfe verbinden, sind mit Seilen festgelascht.

Nach der Reise wollen sie den Inselbewohnern die Schiffe schenken. "Die Männer können damit dann wieder zum Fischen auf die hohe See fahren und ihre Kinder in die Schule schicken." Die Boote, die die Bewohner jetzt benutzen, seien für die Hochsee nicht geeignet.

Vier Monate lang soll die "Lapita Voyage" dauern, aufgeteilt in sechs Törns von bis zu 800 Seemeilen. Zwei Kojen sind für Mitsegler reserviert, die sich allerdings auf minimalen Komfort gefasst machen müssen. Denn nicht nur die Navigation soll komplett ohne GPS und Sextant erfolgen – auch das Leben an Bord wird auf das Notwendigste reduziert. "Toiletten brauchen wir nicht, ein Eimer reicht", sagt Hympendahl. Geschlafen wird trotzdem in einer Einzelkabine.

Während der Tour soll auch das Essen der Kultur jener Menschen entsprechen, die er auf Tikopia kennen gelernt hat. Frisch gefangene Fische und tropische Früchte bestimmen den Speiseplan. "Auch die Inselbewohner entnehmen der Natur nur das, was sie konkret benötigen", sagt Hympendahl. "Alles dreht sich nur um Ernährung, Freude, Tanzen, Singen und Fortpflanzen." Stress gebe es dort ebenfalls nicht, betont der Weltumsegler. "Das ganze Leben hat eine andere Dynamik – nämlich gar keine."