West Virginia Farbrausch in Rot-Gold
Harpers Ferry - Das Einzige, was viele in Deutschland mit West Virginia in Verbindung bringen, beruht auf einem Irrtum: Jenes "West Virginia", das Country-Barde John Denver im Evergreen "Take me home country roads" besang, ist tatsächlich der Westen des Nachbarstaats Virginia - sagen zumindest die Einheimischen, die ihren Fast-Namensvettern in einer Art Hassliebe verbunden zu sein scheinen. Eine Reise in die zerklüftete und meist bewaldete Landschaft des unbekannteren der beiden US-Bundesstaaten lohnt sich dennoch - vor allem im Herbst, wenn sich die Blätter an den Bäumen färben.
Zu den sehenswerten Orten zählt Harpers Ferry im äußersten Osten des Staates. Hier liegt eine Schnittstelle des alten Südens und des Nordens der USA. Bis heute bestehen zwischen beiden kulturelle Unterschiede. Im 19. Jahrhundert wurde der Konflikt zwischen den damals noch Sklaven haltenden Südstaatlern und dem Norden auf Leben und Tod ausgetragen - auch in Harpers Ferry. Achtmal wechselte der Ort von 1861 bis 1865 nach blutigen Kämpfen den Besitzer. Heute befassen sich drei Museen im Ort mit den Auseinandersetzungen.
Die volle Schönheit seiner Landschaft spielt der mit 1,8 Millionen Menschen sehr dünn besiedelte Staat aber erst etwa drei Autostunden weiter westlich aus. Dort ragen die Gipfel zahlreicher Berge, die zum Appalachen-Gebirge gehören, deutlich höher als im so genannten Eastern Panhandle, in dem Harpers Ferry liegt. Doch obwohl der Beiname "Mountain State" anderes verheißen mag: Selbst Spruce Knob, der höchst gelegene Punkt West Virginias, erreicht mit seinen knapp 1500 Metern über dem Meeresspiegel nicht annähernd das Niveau der gewaltigen Berge im Westen der USA.
Nur eine einzige Ampel
In den letzten Wochen des Septembers beginnt an den Hängen ein faszinierendes Naturphänomen, das vor allem in den weiter nördlich gelegenen Neuengland-Staaten als "Indian Summer" bekannt ist. In West Virginia heißt diese Phase des Jahres, während der sich die Blätter an den Bäumen zunächst nur leicht verfärben und schließlich rot-golden mit der Herbstsonne um die Wette strahlen, "Fall Foliage".
Bis etwa Ende Oktober hält das Spektakel an. Viele der meist gemütlich-überschaubaren Orte laden während der Fall-Foliage-Wochen zu Festen ein, teilweise in den "barns", den ausgebauten Heuschober. Zugleich sind die Temperaturen in der Regel noch hoch genug, um die herbstlich-bunten Wälder bei Wanderungen oder eben bei Touren mit dem Mountainbike zu genießen.
Einer dieser etwas verschlafen wirkenden, aber reizvollen Orte in den Bergen West Virginias heißt Davis. Die meisten der wenigen hundert Einwohner leben in weißen Holzhäusern. Auf den Straßen im umliegenden Tucker County müssen sie nur auf eine einzige Ampel Acht geben. Konzentration verlangen die Verkehrswege den Autofahrern trotzdem ab, weil sie sich bergauf, bergab und mit unzähligen Kurven durch die Wälder schlängeln. Abends trifft man sich im rustikalen Pizza-Restaurant und lässt den zurückliegenden Tag Revue passieren.
Als einer der am häufigsten fotografierten Orte im ganzen Bundesstaat gelten die Blackwater Falls. Der mächtige Wasserfall ergießt sich in der Nähe von Davis wie im Wildwest-Bilderbuch in die Tiefe und erfüllt die Luft mit feinem Tröpfchennebel. Ein wenig länger als dorthin dauert die Fahrt von Davis zu den Dolly Sods, einer ausgedehnten Hochebene, die Besucher weit über das bergige Land blicken lässt. Falken und andere Vögel kreisen in stoischer Ruhe durch die Luft. Wanderer können auf markierten Wegen spazieren. Allerdings trägt die Tatsache, dass neben Rehen vereinzelt auch Bären und Raubkatzen durch die unbewohnten Wälder streifen, möglicherweise nicht unbedingt zur Beruhigung bei. Angriffe auf Menschen seien jedoch nicht bekannt, heißt es.
Weltgrößtes voll steuerbares Radioteleskop
Etwa zwei Autostunden südwestlich von Davis in dem Örtchen Green Bank ragt einer der Superlative, mit denen West Virginia aufwarten kann, in den wolkenlosen Herbsthimmel: das mit einem Durchmesser von 100 Metern größte voll steuerbare Radioteleskop der Welt. Unterwegs lohnt sich ein kurzer Stopp bei den Seneca Rocks, einer faszinierend anzuschauenden Gesteinsformation, an denen sich das gleißende Sonnenlicht bricht. Bei Fahrten durch die engen Täler wird auch deutlich, dass West Virginia zu den eher strukturschwachen US-Staaten zählt. Zahlreiche zum Teil primitive Holzhäuschen säumen die Straßen. Vor der Mehrzahl von ihnen stehen aber jeweils ein monströser Pick-up-Truck und eine Satellitenanlage.
Mit der erst vor wenigen Jahren errichteten Anlage von Green Bank können die Forscher selbst minimalste Signale aus dem All empfangen. Dafür müssen sich die Anwohner jedoch mit dem Radiohören zurückhalten, weil dies den Betrieb der "Schüssel" stören könnte. Seine Existenz verdankt der schneeweiß getünchte Koloss einer dramatischen "Ermüdungserscheinung" seines Vorgängers: Dieser brach Ende der Achtziger nach Jahrzehnten des Betriebs plötzlich in sich zusammen. Einige Trümmerteile können heute bei kostenlosen Bustouren ebenso besichtigt werden wie das aktuelle Teleskop. Der Besuch einer Vorlesung im kürzlich eröffneten "Science Center" ist jedoch nur für physikalisch Vorgebildete mit besten Englischkenntnissen ratsam.
Wintersport ohne Rummel
Ein Abstecher zu dem Teleskop bietet sich auch für Urlauber an, die West Virginia im Winter besuchen: Mit dem Snowshoe River Creek Ski Resort liegt eines der Skigebiete des "Mountain State" nur wenige Meilen entfernt. Hier kann die verschneiten Hänge hinuntergejagt werden, ohne den Rummel größerer und bekannterer Wintersportregionen wie zum Beispiel in Colorado in Kauf nehmen zu müssen. Gleiches gilt auch für das Canaan Valley Ski Resort in der Nähe von Davis.
Für Gäste, die weniger am Pistenvergnügen als an Panoramablicken interessiert sind, dürfte vor allem die Fahrt zum Skiort Snowshoe eine Freude sein: In engen Serpentinen geht es den Berg hinauf. Und da sich das Verkehrsaufkommen zumindest außerhalb der Skisaison in Grenzen hält, kann fast jederzeit am Straßenrand angehalten und die Aussicht genossen werden. Auch der Genuss, über den nahe gelegenen Highland Scenic Highway zu "cruisen" und in die Täler hinabzublicken, muss nicht mit allzu vielen anderen Autofahrern geteilt werden.
Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges holt Besucher dann spätestens im Städtchen Lewisburg im Süden West Virginias wieder ein. Auch dort prallten die Nord- und die Südstaatler im 19. Jahrhundert mit voller Wucht aufeinander. Noch heute erinnert ein kleiner Friedhof an die getöteten Soldaten aus dem Süden, der letztlich das Nachsehen hatte. Autofahrer können an der Gedenkstätte ein wenig entspannen, ehe es zurück geht auf die "country roads" - durch welches der beiden Virginias diese auch immer führen mögen.
Von Alexander Lueck, gms