Westgrönland: Per Hundeschlitten in die Eiszeit - DER SPIEGEL
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Westgrönland Per Hundeschlitten in die Eiszeit

Grönland ist eine weiße Welt für sich. Am besten lässt sie sich mit dem Hundeschlitten entdecken. Allerdings sollte man einen erfahrenen Inuk an seiner Seite haben. Und man sollte wissen, wo man ein ordentliches Walfleisch-Steak bekommt. Dann ist kein Weg im ewigen Eis zu lang.
Von Rainer Heubeck
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

50 Hunde auf dem Startplatz des härtesten Langlauf-Rennens der Welt, und keiner davon bellt. Grönländische Schlittenhunde sind eine eigene Spezies – ruhig und beherrscht, und wenn sie wirklich mal Töne von sich geben, dann ein lang gezogenes Jaulen, das eher an Wölfe als an Hunde erinnert. So wie in Deutschland viele Familien ein Auto vor dem Haus stehen haben, so selbstverständlich halten sich viele grönländische Familien ihre Schlittenhunde.

Etwa der 52-jährige Julias Jeremiasson. Bis vor gut zwei Jahren fuhr der Grönländer mit seinen Hunden lediglich auf die Jagd oder zum Fischen, doch nun bietet er auch Hundeschlittenfahrten für Touristen an. Mit der Verständigung freilich ist es schwierig, denn der 52-jährige Inuk, der beleidigt ist, wenn man ihn einen Eskimo nennt, spricht nur Grönländisch. Selbst des Dänischen, das in Grönland als zweite Sprache an allen Schulen gelehrt wird, ist er nicht mächtig.

Dafür beherrscht er eine andere Kunst: Er kann die gelben, grünen und blauen Leinen, mit denen seine zwölf Schlittenhunde an seinem Holzschlitten, auf dem gut und gerne drei Personen Platz finden, befestigt sind, scheinbar mühelos sortieren und entwirren. Hat sich doch mal ein Hund verheddert, befreit ihn Jeremiasson meist sogar während der Fahrt. Dazu zieht er sämtliche Hunde, die aufgefächert vor den Schlitten gespannt sind, ein Stück an den Holzschlitten heran, bevor er das jeweilige Tier aus der Gruppe herausholt.

Die Peitsche kommt nur selten zum Einsatz

Schon wenige Minuten, nachdem Jeremiasson mit seinem Gespann die Stadt Sisimiut verlassen haben, scheint die Zivilisation vergessen. Statt Holz- und Steinhäusern, darunter auch etliche recht unansehnliche Plattenbauten, sind nur noch schneebedeckte Hänge zu sehen. Die Hundeschlittenspur zieht sich durch das unbewohnte Nivarfik-Tal, in dem sich nur erahnen lässt, ob sich unter der Eisschicht eine Wiese oder ein kleiner See befindet.

"Iu", ruft Jeremiasson mehrmals, als die Hunde zu weit nach rechts ausscheren. "Iu" steht für links, "ili" steht für rechts, und "unigiit" bedeutet stehen bleiben. Eigentlich recht einfach – dennoch kann es bei Gegenverkehr durchaus zu Komplikationen kommen. Wenn die Tiere schneller laufen sollen, kommt zuweilen auch die Peitsche zum Einsatz – doch damit schlägt Jeremiasson seine Hunde nicht wirklich, er wirbelt den Lederriemen lediglich gekonnt durch die Luft. Zwei Gäste aus Deutschland, die Jacken und Hosen aus flauschigem Robbenfell übergezogen haben, genießen die flotte Fahrt auf Jeremiassons Hundeschlitten. Nach gut einer Stunde ist ein Pausenplatz erreicht. Mit hängender Zunge hecheln die zwölf Hunde etliche Minuten lang, bevor sie sich langsam abgekühlt haben und sich gemütlich in den Schnee kuscheln.

Der Brunnen dient als Christbaumständer

Sisimiut, der Ausgangspunkt der abenteuerlichen Fahrt durch die Schnee- und Eislandschaft Westgrönlands, ist mit rund 6000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Grönland. Eine Stadt, in der sich die älteste Kirche des Landes befindet, aber auch die hässlichste Plattenbausiedlung. Keine Frage, in Sisimiut, was übersetzt soviel heißt wie "die Siedlung an den Fuchslöchern", ist die Zivilisation längst angekommen.

Es gibt ein modernes Krankenhaus und ein Chinarestaurant, viele der Bewohner arbeiten in einer Garnelen- und Krabbenfabrik, die zu den modernsten Fischfabriken der Welt gehört. Blaue Linienbusse fahren in verschiedene Ortsteile - und als Beitrag zur Kunst am Bau hat die Gemeindeverwaltung einen kleinen Springbrunnen aufstellen lassen. In den Wintermonaten wird dieser allerdings abgestellt, damit er nicht einfriert. Doch die Grönländer sind praktisch veranlagt – während der Brunnen verwaist ist, nutzt ihn die Gemeinde kurzerhand als Christbaumständer.

Das ursprünglichere Grönland findet sich in kleineren Siedlungen, etwa in dem ehemaligen Walfängerdorf Rodebay, in dem weniger als fünfzig Menschen leben. Hier gibt es weder Autos noch Plattenbauten, und die wenigen öffentlichen Gebäude werden allesamt mehrfach genutzt. Die Kirche dient an den Werktagen als Schule, und im Wohnhaus der örtlichen Krankenschwester findet sich auch gleich noch der Waschsalon des Ortes – denn fließend Wasser in sämtliche Häuser zu legen wäre bei winterlichen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad so einfach nicht.

Trip zu den Eisbergen

Walfleisch statt Bratwurst

In Rodebay haben Uta und Ingo Wolff vor knapp zehn Jahren das einzige Gasthaus des Ortes eröffnet. Das Ehepaar aus Thüringen, das lange Zeit das Ausflugsrestaurant Hammermichel-Baude im Elstertal betrieb, war fasziniert von der Arktis – und nutzte die Gelegenheit, hier eine Existenz aufzubauen. "Die meisten unserer Bekannten haben uns anfangs für verrückt erklärt", beteuert der 52-jährige Ingo Wolff, der in seiner Gaststätte "H8" statt Thüringer Bratwürsten nun Robben- und Walfleisch sowie Heilbutt und Dorschleber anbietet. Doch das hat sich mittlerweile geändert. "Mein Schwiegervater war hier, und es hat ihm so gut gefallen, dass er gesagt hat, wenn er noch 20 Jahre jünger wäre, würde er auch hierher auswandern", berichtet Ingo Wolff schmunzelnd.

Mit dem Namen seiner Gaststätte hat es eine eigene Bewandnis – denn nachdem Nazideutschland Dänemark besetzt hatte, wandte sich Grönland zeitweise von Kopenhagen ab und stand unter US-amerikanischem Schutz. Um das Land aus der Luft versorgen zu können, wurde das Land in Planquadrate eingeteilt – und damit die Piloten sehen konnten, wo sie sich befanden, prangte am Dach des roten Holzhauses, in dem Uta und Ingo Wolff mittlerweile ihr Restaurant betreiben, in großen Lettern die Bezeichnung H 8.

Mittlerweile versorgt sich Rodebay wieder ohne US-Hilfe – zum Einkaufen fährt Ingo Wolff meist nach Ilulissat, entweder per Boot oder mit dem Schneemobil. "Damit brauche ich manchmal 45 Minuten, manchmal aber auch drei Stunden – je nach Witterung und Schneelage", berichtet Ingo Wolff. Ilulissat ist so etwas wie die Tourismus-Hochburg Grönlands. Zwar ist der Kanga-Gletscher, der in den Kanga-Eisfjord kalbt, mittlerweile kleiner geworden, und er wirft spürbar weniger Eisberge ab als früher. Dafür steht der Eisfjord, der die touristische Hauptattraktion des 4000-Einwohner-Ortes darstellt, seit dem Jahr 2004 auf der Unesco-Liste des Weltnaturerbes.

Das macht Ilulissat nicht nur für Besucher, die sich längere Zeit in Grönland aufhalten, zu einer Muss-Station, sondern lockt auch zahlreiche Kreuzfahrt-Passagiere. Diese können in gut einer Stunde vom Ort aus zum Eisfjord wandern, um dort einen Blick auf die majestätischen Eisberge zu werfen. Elke Meissner, die seit Jahren als deutsche Honorarkonsulin und als Reiserveranstalterin in Ilulissat lebt, kann und will sich ein Leben ohne Eisberge gar nicht mehr vorstellen. "Eisberge gehören hier einfach dazu, so wie in Deutschland der Wald und die Mittelgebirge." Gerade wer in Ilulissat lebt, hat Respekt vor den gigantischen, oft 200.000 bis 300.0000 Tonnen schweren Eisbergen, die, wenn sie von der Sonne beschienen werden, in den unterschiedlichsten Weiß- und Blautönen schimmern.

"Kein Einheimischer würde auf die Idee kommen, auf einen Eisberg zu klettern, denn die Menschen hier wissen ganz genau, wie schnell sie kippen können", erläutert Elke Meissner, die ein Privatvideo besitzt, das zeigt, wie ein zusammenfallender Eisberg einen regelrechten Mini-Tsunami auslöste. Dennoch gehören Bootsfahrten in die Nähe der Eisberge zu den Attraktionen eines Besuchs in Ilulissat. Da der Eisfjord vor der Mündung in das offene Meer besonders seicht ist, stauen sich die Eisberge regelrecht in der Bucht – ein imposanter Anblick, den kein Grönland-Besucher wohl je wieder vergessen wird.

Tipps: Nach Grönland reisen

Nach Grönland reisen

Informationen zu Grönland erteilt das Grönländische Fremdenverkehrsamt in Kopenhagen. Telefon: 0045/32833880, info@greenland.com , www.greenland.com 

Hundeschlittentouren und Bootsausflüge zum Eisfjord und nach Rodebay organisiert "Greenland Tours Elke Meissner". Telefon: 00299/944411, greenland.tours@greennet.gl , www.greenland-guide.com/gtem 

Anreise: Air Greenland fliegt fünf- bis achtmal pro Woche von Kopenhagen nach Grönland, der Flugpreis liegt bei etwa 1000 Euro. Ab Kangerlussuaq besteht Anschluss in verschiedene grönländische Städte. Kontakt: Air Greenland, Copenhagen Airport , Terminal 2, DK-2770 Kastrup, Telefon: 0045/32462240, glcopenhagen@airgreenland.gl , www.airgreenland.gl 

Beste Reisezeit für Hundeschlittenfahrten sind die Monate März und April. Die Temperaturen in Westgrönland bewegen sich in dieser Zeit meist zwischen minus 5 und minus 25 Grad Celsius.