Winzer am Kap Wellness-Bad im Wein
Jean-Vincent Ridon hat ein Zeichen gesetzt: In seinem gerade mal 1500 Quadratmeter großen Weinberg mitten in Kapstadt hat er die französische Flagge mit dem gallischen Hahn und seinem Motto "Vive la différence" aufgepflanzt. Blau-weiß-rot wie der blaue Himmel mit den weißen Wölkchen über dem Tafelberg und die rote afrikanische Erde, auf der er große Weine wachsen lässt. "Hier hat alles angefangen", sagt der junge Franzose selbstbewusst, "mitten in Kapstadt, nicht in Stellenbosch oder Groot Constantia."
Ridon ist Weltenbummler. Er studierte Politologie, war Investmentbanker, DJ, Galerist in Paris und hat in Belgien, der Türkei und den USA gelebt. "Aber Wein war immer meine Leidenschaft", sagt er. 1996 kam Jean-Vincent Ridon nach Kapstadt, verliebte sich in die Stadt mit dem mediterranen Flair - und setzte sich ein großes Ziel: Er will die Tradition des Weinbaus in Südafrikas "Mutterstadt" wieder wecken.
Genau 350 Jahre ist es her, seit in der damals noch kleinen holländischen Versorgungsstation die erste Ernte eingebracht wurde. Am 2. Februar 1659 notierte Kapstadts Gründer Jan van Riebeeck in seinem Tagebuch: "Heute - Gott sei gepriesen - wurde zum ersten Mal Wein aus Trauben vom Kap gepresst."
Aus Deutschland, Frankreich und Spanien hatten die holländischen Siedler Mitte des 17. Jahrhunderts im Bauch ihrer Handelsschiffe Weinstöcke in die Kapkolonie gebracht, sorgfältig verpackt in mit Erde gefüllten Leinenbeuteln. An den Hängen des Tafelbergs, am Signal Hill, aber auch mitten im heutigen Stadtzentrum versuchten sie, Wein anzubauen. Selbst dort, wo in Green Point heute das neue Stadion für die Fußball-WM 2010 emporwächst, pflanzten die Siedler - allerdings erfolglos - Reben. Und in Oranjezicht, heute ein nobles Wohnviertel unterhalb des Tafelbergs.
Dort hisste Ridon vor acht Jahren seine Flagge auf einem alten, vergessenen Weinfeld. Im Jahr 2005 brachte er unter dem Label "Signal Hill" die erste Ernte ein: 600 Flaschen Clos d'Oranje, ein Shiraz, dem Südafrikas Weinpapst John Platter schon 2006 fünf Sterne verlieh, die höchste Auszeichnung. "Ich habe viel experimentiert", gibt Ridon zu, "denn vieles von der alten Tradition ist verlorengegangen."
Nationalheiligtum des Weins
Vieles lebt allerdings auch heute noch - bis hin zu den klangvollen Namen der alten Weingüter von "Allesverloren" bis "Vergelegen". "Allesverloren" an der Swartland-Weinstraße ist in der fünften Generation in Familienbesitz. Vergelegen mit seinen Fünf-Sterne-Weinen besteht seit 1700. "Groot Constantia" vor den Toren Kapstadts ist sogar zu einer Art Nationalheiligtum geworden: 1685 von Gouverneur Simon van der Stel gegründet, gilt das sorgfältig restaurierte Anwesen als "Mutter" der Weingüter Südafrikas - und ist das Zentrum der 350-Jahr-Feiern des südafrikanischen Weinbaus.
Die Deutschen waren von Anfang an dabei: Die abgewirtschaftete Weinfarm, die das fränkische Unternehmerehepaar Elke und Friedrich-Wilhelm Dauphin 1999 gekauft hat, war schon 1690 von Gouverneur van der Stel einem deutschen Siedler zugesprochen worden. Die Dauphins tauften das historische Gut nach der knapp einen Kilometer langen Allee aus hundertjährigen Eukalyptus-Bäumen "Allée Bleue". Dann ließen sie es vom Künstlerehepaar Gundel und Emil Sogor zu einem Gesamtkunstwerk durchstylen und gewannen für den Pinotage ihrer Kellermeisterin Gerda Willers schon bei der ersten Ernte das Veritas-Doppelgold, die höchste Auszeichnung für Südafrikas Qualitätsweine.
Auch der Hamburger Reeder Roland Seidel hat eins der alten Schmuckstücke, die van der Stel einst einem Deutschen übergab, zu neuem Leben erweckt. Er kaufte 1997 das Weingut "De Leuwen Jagt" am Paarl Mountain mit dem weiten Blick bis zum Tafelberg. Der alte Name hatte viel an Glanz verloren. Seidel baute es unter dem neuen Namen "Seidelberg" zu einem der Spitzenweingüter Südafrikas aus, einem Erlebnisgut mit Bronzegießerei, Glasbläserei und einer Kunstgalerie.
Am ärgsten hatte der Verfall der traditionellen südafrikanischen Weinindustrie das 250 Jahre alte "Buitenverwachting" in Constantia getroffen. 1980 sollte es parzelliert und als Anlageobjekt verkauft werden. Der Hamburger Unternehmer Richard Müller erwarb das historische Anwesen, ohne es gesehen zu haben. Ursprünglich war es als Immobilieninvestment gedacht. Doch die Familie verliebte sich in das Stück Erde, Sohn Lars Maack rekultivierte es behutsam und baute es zum Mustergut aus, zu dem auch ein Nobelrestaurant gehört, das seit Jahren zu den Gourmettempeln Kapstadts zählt.
Den ersten großen Boom erlebte die deutsche Winzertradition am Kap schon nach dem Zweiten Weltkrieg. "In den fünfziger und sechziger Jahren war der gesamte Weinbau in Südafrika deutsch dominiert", sagt Hildegard von Arnim. Das war auch die Zeit, in der ihr Mann, Achim von Arnim, sein Herz für den Wein entdeckte. Eigentlich wollte der Spross der alten preußischen Offiziersfamilie Brauer werden.
Doch es kam anders: Er lernte den Weinbau von der Pike auf, studierte in Geisenheim und baute 1982 das Wein- und Sektgut "Cabrière" hoch über Franschhoek auf. Samstags können Besucher ihn bei einer Tour durch den Weinkeller in seinem Element erleben: Dann köpft der Baron die Sektflaschen mit dem Säbel. Von Besucherinnen lässt der 64-jährige Karate-Fan und Träger des schwarzen Gürtels sich dann gerne mit einem Kuss belohnen.
Rang neun unter den Weinproduzenten weltweit
Doch erst seit dem Ende der Apartheid blühen Weinindustrie und zunehmend auch der Weintourismus. Die großen Weinstraßen von Stellenbosch, Franschhoek, Paarl und - weniger bekannt, aber genauso lohnenswert - Swartland ziehen Weinliebhaber aus der ganzen Welt an. Wein ist zum Exportschlager und einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren für Südafrika geworden: Das Land am Kap ist der neuntgrößte Weinproduzent der Welt. 250.000 Arbeitsplätze sind in der Weinindustrie des Landes entstanden. Im vergangenen Jahr wurden 400 Millionen Liter exportiert.
Es gibt mehr als 500 Weingüter. Einige der schönsten gehören Deutschen, die nach dem Ende der Apartheid ins Land kamen - Aussteigern, Umsteigern, Abenteuerlustigen, die sich hier einen Lebenstraum erfüllen und - wie Ridon - Tradition mit Moderne verbinden.
Ernest Bürgin ist einer von ihnen. Sein Geld hat der 58-Jährige bei BASF und Mercedes sowie als selbständiger Unternehmer im Recycling-Sektor gemacht. Aber Wein hat den Baden-Württemberger schon immer fasziniert. 1996 kaufte er sich mit seiner südafrikanischen Frau Samantha kurzerhand ein Weingut in Paarl und konzentrierte sich nach einigen Irrwegen und dem Neubau einer Kellerei mit avantgardistischer Architektur erfolgreich auf drei Weinsorten. "Es ist das härteste Geschäft, das ich je gemacht habe", sagt Bürgin. Bereut habe er es aber nie.
Schlagzeilen macht der "Müll-Mogul", wie ihn südafrikanische Zeitungen nennen, allerdings mit einem Valentinstags-Geschenk, das er seiner Frau Samantha vor einigen Jahren gemacht hat: ein Bad in Pinotage. Die Nachfrage nach dem Freiluft-Bad mitten im Weinberg wuchs ständig und gehört mittlerweile für rund 125 Euro zum Standardangebot auf Bürgins Gut "Mont Destin": 15 Flaschen Pinotage mit warmem Wasser gemischt, dazu ein Pavillon mit einem breiten Bett. "Es wirkt wie ein Jungbrunnen," versichert Ernest Bürgin, "Ein Paar hat uns erzählt, es sei seit 35 Jahren verheiratet, aber eine solche Nacht habe es noch nie miteinander verbracht."
Lampen in China, Wein in Afrika
Auch Markus und Christiane Rahmann gehören zu den Deutschen, die sich in der jungen südafrikanischen Demokratie ihren Lebenstraum erfüllt haben. "Ich habe überall auf der Welt gearbeitet", sagt Markus Rahmann. 15 Jahre lang hat er sein Geld in China mit der Produktion von Wohnraumleuchten verdient. Dann kaufte er in Stellenbosch zunächst ein kleines Weinfeld, denn er habe "immer davon geträumt, ein eigenes Stück Land zu bebauen".
Bei dem Weinfeld blieb es nicht. "Heute hat 'Asara' wieder die alte Größe von 110 Hektar, die es bei seiner Gründung 1690 hatte", erzählt Rahmann stolz. Ein Fünf-Sterne-Hotel kam dazu. "Ich bin der größte Investor in den Winelands", sagt der 45-Jährige, dem seine Leidenschaft für gutes Essen und Trinken anzusehen ist. 300 Arbeitsplätze hat er auf dem Gut geschaffen. "Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich kein Vertrauen in dieses Land und seine Zukunft hätte", sagt Rahmann.
Einen ganz anderen Weg ist Johst Weber gegangen. Der Bergbauingenieur aus dem Ruhrgebiet suchte immer nach einem Betätigungsfeld, "bei dem die Natur und die menschliche Kreativität sich verbinden". Der Weinbau faszinierte ihn, "weil Sonne, Wasser, Boden und der Mensch jedes Jahr wieder etwas Einzigartiges hervorbringen können". Bei einem Zwischenstopp auf dem Londoner Flughafen Heathrow stieß er dann zufällig auf eine Zeitungsanzeige: In der Walkers Bay bei Hermanus wurde ein Grundstück angeboten. Dort war noch nie Wein angebaut worden. Alle Fachleute vor Ort rieten ihm ab: "Hier können Sie höchstens einen guten Essig machen."
Weber ließ sich nicht beirren. Er untersuchte den Boden, analysierte die klimatischen Verhältnisse und überzeugte - weil er allein die notwendige Investitionssumme nicht aufbringen konnte - schließlich die Paten seiner Kinder, in die künftige Weinfarm zu investieren. 1995 kaufte er das Land und taufte es "Springfontein". Das Experiment gelang: Das gemeinsame Ziel schmiedete die Investoren zu einer Art Familie zusammen, die Farm wuchs, vier Ferienhäuser kamen hinzu - und der Wein gedieh entgegen allen Voraussagen der Experten.
Im Jahr 2002 hielt der Essener die erste Flasche Shiraz vom eigenen Weingut in der Hand. "Das war ein ungeheures Glücksgefühl", erinnert sich Weber. Der Wein sei zwar nicht besonders gut gewesen. "Aber da wusste ich, dass ein Lebenstraum wahr geworden war." Zwei Jahre später stimmte dann auch die Qualität: Webers Jil's Dune Chenin Blanc 2004 schrammte bei John Platter mit 4,5 Sternen nur knapp an der Höchstauszeichnung vorbei. "Ein wahrhaft aufregendes Debüt", schwärmte der Weinpapst.