WM-Hotel der Nationalmannschaft: Kick im Kitschpalast - DER SPIEGEL
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Südafrika: Hier wohnt die Nationalmannschaft

Foto: A9999 DB Klaus Bergmann/ dpa

WM-Hotel der Nationalmannschaft Kick im Kitschpalast

Römerschick dominiert die Architektur, die Zimmer haben den Charme einer Dunkelkammer, der Service ist bescheiden: Das Teamhotel der DFB-Elf in Südafrika offenbart noch einige Schwächen. SPIEGEL ONLINE hat das Fünf-Sterne-Haus getestet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Ballack? Lukas Podolski? Philipp Lahm? Heinz Mulder schüttelt dreimal den Kopf und lächelt verlegen. Nein, diese Namen hat er noch nie gehört. Aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff - die kennt der Manager des Hotels Velmore Grande. Schließlich waren der Bundestrainer und der Manager der Nationalmannschaft schon mehrfach bei ihm. Die beiden DFB-Oberen haben das südafrikanische Luxushotel in der Nähe der Hauptstadt Pretoria mit deutscher Gründlichkeit inspiziert und schließlich für gut genug befunden, um der Nationalmannschaft während der WM als Herberge zu dienen.

Deshalb werden die Nationalspieler und ihre Entourage ab dem 7. Juni dort logieren, wo sonst vor allem südafrikanische Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse auf Konferenzen vorbeischauen und am Wochenende lokale Stars und Sternchen ihre Hochzeit zelebrieren. Die Zimmerpreise liegen, je nachdem, ob man im Vier- oder Fünf-Sterne-Trakt übernachtet, zwischen 200 und 700 Euro pro Nacht. Was der DFB für sein All-inclusive-Paket bezahlt, ist streng geheim.

"Die Deutschen haben sich gegen die Engländer durchgesetzt, die wollten auch unbedingt ihr Quartier bei uns einrichten", sagt Mulder, während er im Morast steht. Genau dort, wo bald ein Trainingsfeld sein soll.

Nationalspieler-Fotos als Gedächtnisstütze

Der 32-Jährige, der - bei Männern darf man das ja sagen - gut zehn Jahre älter aussieht, könnte jetzt einen auf super-lockeren PR-Profi machen: Er würde dann etwas wie "späte Rache für Wembley" sagen, über seinen eigenen Witz lachen und darauf warten, dass die Gäste schmunzeln. Dass er den Hotel-Sieg der Deutschen gegen die Engländer nicht kommentiert, liegt allerdings weniger an seinen mangelnden Verkäuferqualitäten.

Nein, der Mann vom Hotelfach kann mit dem Wembley-Tor und dem zur ewigen Schlacht stilisierten Duell Deutschland gegen England einfach nichts anfangen. Er interessiert sich nicht für Fußball - obwohl er sich als Halbdeutschen bezeichnet. Was wiederum eine geografisch durchaus pikante Selbstverortung ist, stammt sein Vater doch aus Tirol. Für seine wahre Heimat hat er sportlich allerdings nur Spott übrig: "Die Österreicher können ja nichts außer Skifahren." Tu infelix Austria!

Mit seinem Desinteresse für Fußball ist Mulder in Südafrika nicht allein, denn das 22-Mann-Spiel gilt im WM-Gastgeberland noch immer als Sport der armen, vorwiegend schwarzen Bevölkerung, die in den Townships lebt. Wer Teil der Mittelschicht ist und etwas auf sich hält, fiebert eher bei Rugby und Cricket mit.

"Aber wenn die deutsche Nationalmannschaft zu uns kommt, werde ich natürlich alle Nationalspieler mit Namen kennen - genau wie die anderen Mitarbeiter des Hotels auch", sagt Mulder. Vielleicht, hat er sich überlegt, hängt er bald einfach überall Fotos von Löws Truppe auf. Panini Grande im Hotel Velmore Grande.

Es wirkt alles etwas unwirklich

Jetzt will Mulder den deutschen Gästen aber endlich mal sein Acht-Hektar-Reich zeigen. Und weil er so schwitzt in seinem zu großen Anzug, dem rosa Hemd und der dazu passenden Krawatte, hat er eine Rundfahrt im elektrogetriebenen Golf Car vorbereitet. Doch dann bleibt das blöde Ding schon nach wenigen Metern stehen - die Batterie ist leer. Es steckt allerdings zu viel südafrikanisches Blut in dem halbdeutschen Semi-Tiroler, um sich darüber auch nur ansatzweise aufzuregen.

Was Mulder zu zeigen hat, strapaziert aber dann doch den ein oder anderen Nerv - wenn auch eher in geschmacklicher Hinsicht. Die Gebäude sind außen vorwiegend in hellrot und ockerfarben gehalten. Die gute alte römische Säule erlebt hier - ein paar Kilometer von der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria entfernt - als schlechtes Imitat eine Renaissance. Und wer das Gelände betreten will, muss einen stolzen Torbogen durchqueren.

Es wirkt alles etwas unwirklich - so wie eine nicht optimal verlaufene Kreuzung aus Dubai und Disneyland. Was aber nur bedingt bei der Einordnung der architektonischen Richtung weiterhilft. Denn laut Mulder ist das Exterieur im provenzalischen Stil gehalten - er sagt sogar "French Provencale". Entsprechend frankophil ist auch die Namensgebung der Gebäude, in denen sich während der WM das Pressezentrum der deutschen Mannschaft und ihr Fitnessstudio befinden werden: "Bastille", "Très Sage" und "Devoir Maison".

Schwarzes Bett, silberner Teppich

Und was erwartet die Crème de la crème der deutschen Fußballer in ihren Zimmern? Ein eher düsteres Ensemble: Couch, Bett und Vorhänge sind vorwiegend in schwarz gehalten, der Teppich glänzt silbrig. Für so etwas wie Farbtupfer im Raum sorgen vorwiegend lila Kissenrollen. Es sieht ein bisschen so aus, als hätte Manager Mulder bei einem Deutschland-Besuch die Abteilung "Junges Wohnen" in einem dieser Möbelhäuser am Rande der Stadt besucht. Er nennt den Stil seiner "Kitsch as Kitsch can"-Interpretation "Manhattan Slick". Nun denn.

Auf die Frage, was denn das Besondere an den Zimmern sei, antwortet er: "Man kann aus der Badewanne Fernsehen gucken." Der Selbstversuch scheitert zwar an der Position des Türrahmens - aber vielleicht fällt den deutschen Fußballern etwas ein, wie sie das Problem lösen können. Im Fernsehen werden Poldi und Schweini den Premiere-Nachfolger Sky und RTL gucken können. Ihre Playstation müssen sie sich allerdings selbst mitbringen. Mulder hat keine auf Lager.

Es wäre in der Tat auch das kleinste Problem, das der Manager bis zur Ankunft der Nationalmannschaft noch beheben muss. Denn wenige Wochen bevor die Deutschen hier den Großteil der 99 Zimmer belegen werden, läuft der Betrieb noch, nun ja, latent suboptimal. Zumindest dann, wenn man die Kriterien der stets peniblen Teutonen anlegt.

Aus den Duschen kommt zur Besuchszeit nur heißes Wasser, in dem ein oder anderen Zimmer liegt auch mal eine Kakerlake in der Ecke, die Wände sind so dünn, dass sich die Gespräche im Nebenzimmer problemlos protokollieren lassen - und wenn es so etwas wie Internet gibt, dann ist es schrecklich W-lahm. Auch der Service ist eher mau: Zwischen Bestellen und Servieren des Abendessens vergehen mehr als zwei Stunden.

Mulder sagt Finale Deutschland-Spanien voraus

Werden Ballack & Co. also ausgehungert, verspätet und mit Brandflecken zu den Spielen kommen? Beim DFB ist man bemüht, diese nicht ganz ernst gemeinte Frage extra seriös und politisch äußerst korrekt zu beantworten.

"Die WM ist eben dieses Jahr in Afrika, da müssen wir uns darauf einstellen, dass nicht alles so ist wie bei uns. Meine Güte, was soll's!", sagt ein DFB-Sprecher. Und weiter: "Hätten wir uns einen Mörder-Luxusschuppen genommen, in dem alles perfekt ist, hätten doch alle gemault, die Nationalmannschaft fahre nach Afrika, wolle den Kontinent aber gar nicht richtig kennenlernen." Und überhaupt: Das Hotel habe von allen besichtigten Objekten den besten Gesamteindruck gemacht. Zudem - und das sei dem DFB besonders wichtig - sei die Anlage gut zu sichern.

Auch Manager Mulder sieht es gelassen, dass an der ein oder anderen Stelle beim ausgewiesenen Fünf-Sterne-Standard noch Luft nach oben ist: "Entspannt Euch, die WM ist erst im Juni." Dann sendet er noch die Botschaft aus, die man derzeit oft in Südafrika hört: "Wir werden der Welt schon beweisen, dass wir so ein Event stemmen können."

Hat der Nicht-Fußball-Experte denn noch einen Tipp für's Finale, das nicht einmal 50 Kilometer von seinem Hotel entfernt, im Stadion "Soccer City" in Johannesburg, ausgetragen wird? "Deutschland gegen Spanien", sagt Mulder. Der Geschäftsmann will eben, dass seine Gäste möglichst lange bleiben. Dann dürfte auch sichergestellt sein, dass er wirklich alle Nationalspieler mit Namen kennt.