WM in Katar: Achterbahn im Wüstensand - DER SPIEGEL
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Katar: Emirat mit Kickerpotential

Foto: Qatar Tourism

WM in Katar Achterbahn im Wüstensand

Keine Ahnung, wo Katar liegt? So ging es fast allen, bis die Fifa beschlossen hat, die Fußball-WM 2022 in das Emirat am Persischen Golf zu vergeben. Die Spiele werden das kleine Land verändern - doch die Moderne hat längst Einzug gehalten.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Achterbahn kommt in Katar ganz ohne Schienen aus. Sie ist aus Sand, von der Natur geformt, vom Wind modelliert. Die Abfahrten sind enorm steil - und manche Passagiere kreischen auf ihren Sitzen, wenn der Wagen sich erst im Schritttempo steil bergan gequält hat, über die Spitze kippt und im Affenzahn talwärts rauscht. Dann durch die nächste Senke, mit Schwung nach oben, danach gleich noch mal dasselbe.

Ahmed Abbas kennt das, und er liebt das. Und Ahmed Abbas macht das ein paar Dutzend Mal am Tag: Der junge Araber kurvt Urlauber für ein, zwei Stunden im Geländewagen durchs Dünenmeer der Wüste von Katar. Immer rauf und runter - von oben mit Weitblick bis hinüber nach Saudi-Arabien. Von unten ist das Meer zu sehen, sind die Strände des Persischen Golf greifbar nah. Für die Fahrgäste ist das ein Riesenspaß mit Achterbahn-Feeling in der Magengegend - und mehr noch für Ahmed.

Er wird bald noch mehr zu tun bekommen. Denn seit die Fifa die Fußball-WM 2022 völlig überraschend nach Katar vergeben hat, ist das kleine, unbekannte Land plötzlich in aller Munde. Und viele wollen hin, nachschauen, dem Fußball vorausreisen: in ein Emirat ungefähr halb so groß wie Hessen. Mit Wüste, Dünen, Strand, der Wolkenkratzer-Hauptstadt Doha. Alles in allem 1,7 Millionen Einwohner stark, steinreich wegen der gewaltigen Gas- und Öl-Reserven unter Meeres- und Wüstenboden.

Platz 113 für die Katar-Elf

Jetzt im Winter ist es auch in der Wüste angenehm - nicht zu heiß, nicht drückend schwül wie im Sommer, wenn das Thermometer 50 Grad Celsius anzeigen kann. Einheimische Familien kommen an den Wochenenden zum Picknicken hierher in den Sand. An den Ufern kleiner Lagunen breiten sie ihre Decken aus, grillen mit Meerblick im Schatten ihrer Geländewagen. Die Kinder holen Bälle aus dem Auto, stecken Pflöcke in den Sand als Tor-Markierung - und kicken.

Genau wie zurzeit in der Hauptstadt Doha, wo noch bis Ende Januar der Asian Cup 2011 ausgetragen wird. Und wo die Kataris selber auch auf den Höfen bolzen oder auf Brachland - sogar in Sichtweite des Wahrzeichens, eines kantigen und dennoch eleganten Klotzes am alten Hafen. Hier hat der Star-Architekt I. M. Pei das Museum für Islamische Kunst errichtet. Es soll schon bald neue Nachbarn bekommen.

In Sichtweite wird eines von neun geplanten Fußballstadien der Superlative entstehen - das "Doha Port Stadium". Entworfen hat es ein Frankfurter Architektenbüro. Ahmed Abbas will hingehen, unbedingt Karten fürs Eröffnungsspiel ergattern - obwohl all das noch elfeinhalb Jahre hin ist, noch niemand die Tickets verkauft und keiner weiß, wer dann gegen wen antreten wird.

Abbas liebt Fußball - wie die meisten Menschen in Katar, obwohl die eigene Nationalmannschaft derzeit nur auf Platz 113 der Fifa-Weltrangliste herumeiert. Deutschland steht dort auf Platz vier. Wenn Begegnungen der heimischen Liga dort ausgetragen werden, sind die Ränge nur selten wirklich gut besetzt. Daraus jedoch mangelnde Fußballbegeisterung zu folgern, ist ein Fehler.

Qataris und mehr noch die Gastarbeiter gerade aus Ägypten, den palästinensischen Gebieten, aus Libanon und Jordanien, auch viele europäische Ex-Pats sind enorm fußballinteressiert - aber verfolgen viel lieber die im Satelliten- oder Pay-TV übertragenen hochklassigen Spiele der deutschen, der spanischen, italienischen oder englischen Erstliga, bei denen die Weltstars auflaufen.

Geld spielt keine Rolle

Noch wichtiger als das runde Leder ist den Kataris die Falknerei, seit jeher so etwas wie ihr Nationalsport. Das geht so weit, dass die edlen Jagdvögel sogar im Basar verkauft werden: "Für einen jungen, unausgebildeten Vogel zahlst du umgerechnet knapp über 1000, für einen Champion über 40.000 Euro", erzählt Fereidoun Arbabi. Ihn mit einem Falken auf dem Handschuh vor seinem Laden im Souk Waqif fotografieren zu dürfen, ist weit preiswerter: Für 50 Cent Trinkgeld ist er dabei, für einen Euro darf man selber den Falken halten - und wundert sich, wie viel schwerer als erwartet so ein Vogel ist.

Ein paar Schritte weiter verkauft Katars letzter Perlentaucher Saad al-Jassim polierte Muschelgehäuse - und echte Austernperlen. Am liebsten erzählt er von damals, als Katar noch ganz verschlafen war, Doha noch ohne sechsspurige Schnellstraßen, ohne Wolkenkratzer-Skyline, ganz ohne Luxushotels auskam und die Zeit langsamer verging. "Alles hat seine Epoche", philosophiert er. "Die Gegenwart ist immer am schönsten." Er sagt es - und schaut dabei doch ein bisschen traurig.

Obwohl die Vergangenheit gerade im Souk Waqif am besten festgehalten ist: winzige Geschäfte, Berge von Gewürzen, Auslagen bis hinein in die Gassen, dazu Cafés mit Wasserpfeifen-Rauchern, Restaurants mit Dachterrassen. Dabei hat Herrscher Hamad bin Khalifa al-Thani den Souk Waqif erst vor ein paar Jahren ganz neu errichten und lediglich auf alt trimmen lassen. Aufgabe an die Architekten: Sie sollten hier die Kindheitserinnerungen des Emirs nachbauen.

Geld hat keine Rolle gespielt. Wie immer. Wie bei der Fußball-WM 2022. Sie wird das Gesicht des Landes verändern.

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Katar: Wüstenstaat mit sportlicher Zukunft

Foto: Stringer/ dpa