WM-Spielort Rustenburg Platinstadt mit Disneyland
Rustenburg: 125.000 Einwohner, ein Riesenstadion
Vor dem Springbok Café hält Ingo Capraro an und strahlt. "Da haben wir damals zwei Monate lang gewohnt, bis wir ein Haus gefunden haben." Der 60-Jährige ist sichtlich aufgeregt. Vor 40 Jahren hat der gebürtige Schwabe, der mit seinen Eltern als Zehnjähriger nach Südafrika ausgewandert ist, in Rustenburg sein Abitur gemacht. Vor 22 Jahren war er zum letzten Mal in der kleinen Provinzstadt in Südafrikas Nordwesten, damals als Berichterstatter für eine südafrikanische Zeitung. "Ich weiß gar nicht, warum ich nie wieder hergekommen bin, denn ich habe mich hier immer wohlgefühlt," sagt Capraro, der es im mächtigen südafrikanischen Medienkonzern Naspers bis zum Chefredakteur gebracht hat.
Jetzt zieht es den Vollblutjournalisten wieder an den Ort, an dem er prägende Jugendjahre verbracht hat: Er will wissen, was aus der Kleinstadt geworden ist, die 2010 in den Fokus der großen Welt der Fußballfans rücken wird. "Es ist alles noch da", sagt er: die Bergsig-Schule, an der er die Reifeprüfung abgelegt hat, das Elternhaus in der Alameinstraße, und sogar das Haus, in dem seine erste Liebe gewohnt hat. "Es ist immer noch das alte, vertraute Dorf - obwohl es viel, viel größer geworden ist", sagt Capraro. "Die Straßen sind inzwischen asphaltiert. Damals waren es noch Sandwege - bis auf die Hauptstraße." Er blickt auf die Hügel, an denen sich die Stadt emporrankt. "Da war gar nichts. Das ist alles neu."
Schmucke Häuser mit gepflegten Vorgärten prägen das Bild der 125.000-Seelen-Stadt, einer der ältesten von Europäern gegründeten Ansiedlungen in Südafrika. Der kleine Stadtkern ist schnell erkundet: Das spätviktorianische Rathaus sowie die anglikanische und die niederländisch-reformierte Kirche, beide Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, sind die einzigen Sehenswürdigkeiten. Und vielleicht noch das Denkmal für das "Voortrekker-Mädchen" auf dem Hervormende-Kirchenplatz, Erinnerung an die ersten Siedler, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem legendären Treck der Buren hier ankamen und sich im Schatten der Magaliesberge niederließen. Rustenburg, "Ort der Ruhe", haben sie ihre Stadt getauft.
Platin brachte den Wohlstand
Rustenburg, um dessen kleinen Kern sich Neubaugebiete die Hügel heraufziehen, gilt als "Platinhauptstadt der Welt". Zwei der weltgrößten Platinminen haben für Wohlstand gesorgt und das Volk der Bafokeng zum reichsten Stamm Afrikas gemacht. In einem spektakulären Deal haben sich die seit Jahrhunderten in dieser Region angesiedelten Bafokeng 1999 gerichtlich einen 22-Prozent-Anteil an der Platinförderung gesichert.
Doch obwohl Rustenburg sich im Sog der Platinminen zur am schnellsten wachsenden Stadt Südafrikas entwickelt hat, ist in den mit Jacaranda-Bäumen gesäumten Straßen der kleinen Stadt von der Ruhe, vom In-Sich-Gekehrtsein der frühen Siedler und der Bafonkeng immer noch etwas zu spüren.
Aber der wahre Reiz dieses kleinen Städtchens mitten im südafrikanischen "Bushveld" liegt in seinem Umland. Drei große Naturreservate, die die Herzen von Wildlife-Fans höherschlagen lassen, sind von der Stadt aus schnell zu erreichen: das Kgaswane Game Reserve, das Madikwe Game Reserve und der Pilanesberg National Park.
Eine der Haupttouristenattraktionen dagegen hat mit Naturlandschaften wenig zu tun: Sun City, das glitzernde Retortenprodukt moderner Entertainment-Phantasien. Schnurgerade führt die vierspurige Straße von Rustenburg vorbei am WM-Stadion, das aussieht, als sei E.T. gerade "in the middle of nowhere" gelandet, in die Kunststadt, die für die einen die Erfüllung von Träumen, für die anderen ein Alptraum ist.
Hier bleiben keine Wünsche offen, hier ist Action pur angesagt. Vier Hotels erwarten die Besucher. Das größte, "The Palace", ist einem afrikanischen Königspalast nachempfunden. Mit 1,6 Millionen Bäumen wurde ein künstlicher Dschungel geschaffen. Ein künstlicher See gaukelt Atlantikwellen vor. Sogar Erdbeben und Vulkanausbrüche werden in diesem Plastikparadies simuliert.
Inspiration für den Literaten Bosman
Rustenburg hat auch weniger spektakuläre, dafür aber authentische Ecken und Winkel: Kroondal zum Beispiel, die beschauliche deutsche Missionsstation, die 1857 gegründet wurde und viel von ihrem alten Charme bewahrt hat. Oder Groot Marico, ebenso weit von Rustenburg entfernt wie Sun City, aber eine völlig andere Welt. Hermann Charles Bosman, einer der größten Erzähler Südafrikas, hat Groot Marico in seinen Kurzgeschichten unsterblich und zur bekanntesten Kleinstadt des Landes gemacht. "Bosman Country" nennen die Einwohner selber ihren Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die Telefonvermittlung erfolgt hier auf Wunsch der Bewohner immer noch per Hand.
Tief in die Vergangenheit können Besucher auch auf Boekenhoutfontein eintauchen. Auf dieser Farm mit ihren Häusern im holländischen Stil lebte der legendäre Paul Kruger, Schöpfer des nach ihm benannten Nationalparks, als "Ohm Kruger" geliebt und gehasst. Der Stolz der Farm ist eine original erhaltene Holzhütte, die 1841 erbaut worden und das älteste erhaltene Bauwerk der Region ist.
Eigentlich wollte Ingo Capraro, den die Naspers-Spitze zur Rettung einer kränkelnden Sonntagszeitung nach Johannesburg geschickt hat, mit seinem Abstecher nach Rustenburg nur kontrollieren, ob für seine Zeitung genügend Werbeplakate aufgestellt wurden. Unversehens ist der Trip für ihn aber zur Reise in die Vergangenheit geworden. Der 60-Jährige blickt noch einmal zurück auf die Stadt seiner Jugend, die ihr Gesicht so sehr verändert, aber ihren Kern bewahrt hat. "Schön," sagt er mit ein wenig Wehmut. "Wirklich schön ist es hier."