WM-Stadt Pretoria Weihestätte der Burensiege
Pretoria: Blüte der Jakaranda
Von hier oben sieht alles sehr klein aus: die Stadt mit ihren über eine Million Einwohnern, mit dem Church Square, den modernen Bürogebäuden, der grün schillernden, hoch aufragenden Zentrale der Staatsbank. Selbst das 275 Meter lange Union-Building, in dem 1994 Nelson Mandela vereidigt wurde und in dem heute Staatspräsident Jacob Zuma residiert, wirkt winzig für den, der vom Voortrekker-Denkmal auf Südafrikas Hauptstadt Pretoria herunterblickt.
Mitten in einem Naturpark ragt das Denkmal auf. Trotzig und trutzig steht der massive, 41 Meter hohe Granitbau auf seinem Hügel, eine Weihestätte burischer Geschichte, monströs und monumental. Jedes Jahr am 16. Dezember - so wollten es seine Erbauer - fällt um Punkt zwölf Uhr mittags ein Sonnenstrahl durch eine Öffnung in der Kuppel auf den leeren Sarkophag in der Heldenhalle. Zum Gedenken an die Schlacht am Blood River, in der die Buren 1838 die Zulus vernichtend geschlagen haben.
"Ons vir jou, Suid-Afrika" steht auf dem Sarkophag - "Wir für dich, Süd-Afrika". Eine ewige Flamme symbolisiert das "Licht der Zivilisation", das die Voortrekker nach ihrer Selbsteinschätzung im Land am Kap entzündet haben. 1937 wurde der Grundstein zu diesem Monument gelegt. 1949 wurde es von dem Premierminister eröffnet, der die Apartheid in Südafrika zur offiziellen Politik gemacht hat: Daniel F. Malan.
Pretoria ist eine Stadt, die ihre Geschichte ungebrochen zelebriert und glorifiziert, eine Geschichte der Weißen, der Buren, in der die der schwarzen Mehrheit des Landes nicht vorkommt. Auch am Unions-Buildings stehen Standbilder der Premierminister James Hertzog und Louis Botha, aber keins von Nelson Mandela oder einem der anderen Freiheitskämpfer, denen die junge Republik am Kap ihre innere Identität verdankt.
"Hier findest du die Geschichte unseres Landes auf einem kleinen Fleck", sagt Zacharia. Der Student ist 21 Jahre alt, lernt an der Universität von Pretoria Betriebswirtschaft und hofft auf eine Karriere in der IT-Industrie. "Aber wo sind die Statuen eurer Helden?" Zacharia stutzt. "Na ja, wir haben den Freedom-Park", sagt er zögernd. Dort hat die Regierung Thabo Mbekis zaghaft mit der Aufarbeitung der "schwarzen" Geschichte Südafrikas begonnen. Er fährt fort: "Aber es stimmt. Die fehlen. Da musst du in ein paar Jahren wiederkommen."
"Wichtig ist die Gegenwart"
Noch lenken die Sehenswürdigkeiten Pretorias den Blick zurück. Auf dem Church Square, dem historischen Kern der 1855 gegründeten und nach dem Buren-General Andries Pretorius benannten Stadt, erhebt sich das Denkmal für Paul Kruger. Er war nicht nur der Gründer des weltberühmten Kruger-Parks, sondern auch ein Buren-General. Im nur wenige Schritte entfernten Justizpalast wurde Nelson Mandela 1963/1964 im berühmt-berüchtigten Rivonia-Prozess mit seinen mitangeklagten Genossen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das viktorianische Melrose-House erinnert an die Unterzeichnung des Friedensvertrages nach dem zweiten britisch-burischen Krieg 1902.
Dann gilt im Stadtzentrum noch das "Oom Paul's Place" als Highlight, das Haus, in dem Paul Kruger mit seiner Familie in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gelebt hat, vom Schlafzimmer bis zur Küche originalgetreu wieder hergerichtet. Nicht in den Reiseführern, aber am Voortrekker-Monument wird noch auf eine weitere "Sehenswürdigkeit" hingewiesen: das Konzentrationslager Irene, in dem die Briten im zweiten britisch-burischen Krieg burische Frauen, Kinder und Greise interniert haben. Irene wird - wie die anderen Internierungslager der Briten im damaligen Südafrika - von den Ewig-Gestrigen am Kap wie in Europa in völliger Verkennung der Geschichte gern als Alibi für die Verharmlosung der Nazi-KZs benutzt.
"Für uns hat das heute alles keine große Bedeutung mehr", sagt Zacharia. Auch der Aids-Aktivist Josef findet: "Die Buren haben ihre Geschichte, wir haben unsere. Wichtig ist die Gegenwart. Da haben wir genug Probleme." Beide hoffen auf die Fußball-WM 2010. "Die bringt Arbeitsplätze," sagt der 36-jährige Josef unter beifälligem Nicken von Zacharia. "Unsere Wirtschaft boomt trotz globaler Krise."
Sie zeigen auf den Fernsehturm, der von fast jedem Platz der Innenstadt aus zu sehen ist. Der gigantische Fußball an seiner Spitze hat es als "größte Fußball-Skulptur der Welt" sogar ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht. 50 Tonnen wiegt das Ungetüm aus Fiberglas und Stahl mit seinen 24 Meter Durchmesser, hoch wie ein achtstöckiges Haus. Zacharia und Josef lachen und sagen: "Das ist unsere Zukunft."
"In Pretoria gibt es einfach nicht genug Arbeitsplätze"
Auch Brendan ist zuversichtlich: "Der Cup wird den größten Wirtschaftsboom für uns bringen, den wir je erlebt haben", sagt der Transportunternehmer, der seine kleine Fahrzeugflotte bereits um drei japanische Kleinbusse aufgestockt hat. "Aber es werden nur wenige profitieren", fürchtet Brendan. "Viele werden hinterher enttäuscht sein, weil die Arbeitsplätze wieder verloren gehen." Zu jenen, die sich keine Illusionen machen, gehört Emily. Mit zehn Kolleginnen steht sie vor dem Loftus-Versfeld-Stadion, Heimstatt der Rugby-Mannschaft Blue Bulls und des Fußballvereins Supersport United, und demonstriert gegen ihren Arbeitgeber.
Emily ist 62 Jahre alt. Sie hat sieben Kinder, ist Alleinerziehende und muss ihre Familie mit 2000 Rand (circa 180 Euro) im Monat durchbringen. "Wir haben es satt, mit wenig Geld abgespeist zu werden", wettert sie unter dem Beifall ihrer Kolleginnen. Das Stadion ist für die WM 2010 modernisiert und vergrößert worden, der Betreiber profitiert vom Meisterschaftsboom: Er produziert T-Shirts, Fahnen und anderen WM-Schnickschnack. Die resolute 62-Jährige und ihre Kolleginnen kämpfen für bessere Löhne: "Unser Boss bekommt mehr Aufträge. Sein Verdienst steigt. Es wäre nur gerecht, wenn wir davon was abbekommen."
Annelie sitzt am Informationsschalter des Stadions. Sie ist zehn Jahre jünger als Emily. Aber auch sie macht sich keine Illusionen: "Ich habe jahrelang bei einer Bank gearbeitet. Den Job habe ich wegen der Finanzkrise verloren. Das hier ist nur ein Aushilfsjob. Was dann werden soll, weiß ich nicht. In Pretoria gibt es einfach nicht genug Arbeitsplätze."
Die Stadt, die schon immer im Schatten des südafrikanischen Wirtschaftszentrums Johannesburg steht, erinnert ein wenig an das alte Bonn, als es noch Bundeshauptstadt war: beschaulich, ruhig, eine Beamtenstadt. Im Frühjahr verwandeln rund 70.000 Jacaranda-Bäume viele Straßen in ein lila Blütenmeer. 2005 verlieh die Internationale Vereinigung der Gartenbauamtsleiter Pretoria als erster und bisher einziger südafrikanischer Stadt den LivCom-Avard als "lebenswerteste Stadt der Welt".
Dennoch ist Pretoria keine Stadt, die neugierig darauf macht, sie zu entdecken. Sie will mit dem Reiseführer in der Hand abgearbeitet werden, Punkt für Punkt. "Wer nicht täglich um sein Überleben kämpfen muss, kann sich hier wohlfühlen," sagt Josef, der ebenso wie Zacharia, Annelie und Emily mit ihren Kolleginnen abends wieder zurückkehrt in die Armenviertel.