Yukon: Schwimmender Männerzeh - DER SPIEGEL
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Yukon Schwimmender Männerzeh

Die Provinz im Nordwesten Kanadas zehrt noch immer vom legendären Goldrausch. Die touristischen Nuggets des Landes sind seine Geschichte, seine Natur und seine manchmal recht skurrilen Bewohner.
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"Gold, Gold, Gold, Gold!" schmetterte die Schlagzeile des "Seattle Post Intelligencer" vom 17. Juli 1897 ihren Lesern entgegen. Am Vormittag hatte das Dampfschiff "Portland" im Hafen der Stadt festgemacht - an Bord waren Nuggets im Wert von mehr als einer Million Dollar.

Das glänzende Edelmetall war in einer Gegend gefunden worden, von der die Leute bis dahin nur wussten, dass es dort lausig kalt und verdammt einsam ist. Doch auf einen Schlag wollten alle dorthin. Feuerwehrleute, Polizisten, Dockarbeiter und sogar Seattles Bürgermeister W.D. Wood quittierten ihre Jobs, um in das Land der sagenhaften Reichtümer zu reisen: Yukon.

Der Goldrausch euphorisiert das Territorium im äußersten Nordwesten Kanadas noch heute. Rund drei Tonnen beträgt die jährliche Gold-Ausbeute, und zudem kommen nun auch die Touristen, um vom Glanz der Goldrausch-Tage wenigstens noch einen Schimmer zu erhaschen. In großen Überlandbussen werden Hunderte von Kreuzfahrt-Passagieren über staubige Highways herangekarrt, während ihr Schiff vor Skagway in Alaska vor Anker liegt. Beliebt sind auch Wohnmobil- oder Kanu-Touren durch die Wildnis - inklusive "So-ähnlich-muss-es-damals-gewesen-sein"-Effekt.

Damals meint im Yukon das Jahr 1896. Am 17. August dieses Jahres klaubten George Carmack, Skookum Jim und Dawson Charlie die ersten Goldbrocken aus dem Kiesbett des Bonanza Creek, in dem sie eigentlich nur ihre Bratpfanne abspülen wollten. Bis die Kunde vom sagenhaften Goldfund die US-Westküste erreichte, verstrich beinahe ein Jahr. Und wieder einen Sommer später war Dawson City, das 1896 noch gar nicht existierte, eine Stadt mit 30.000 Bewohnern, einem Theater, einem Casino und Dutzenden von Saloons.

Heute leben in dem Ort an der Mündung des Klondike in den Yukon 1400 Menschen. Einer von ihnen ist Bill Holmes. Tagsüber wartet er im "Sourdough Saloon" auf "Cheechakos" (Grünschnäbel), die "Sourdoughs" (echte Yukoner) werden wollen.

Das geht so: Der Neuling, meist ein Tourist, muss einer Legende folgend ein Glas Schnaps leeren, in dem ein Männerzeh schwimmt. Akribisch achtet Mister Holmes darauf, dass der Zeh beim Trinken auch wirklich die Lippen berührt. Wer seine Hemmschwelle überwindet, wird mit einem Schulterklopfen von Holmes und einer Urkunde belohnt. Dem Club der "Sourtoes", wie sich die Trinker des bizarren Cocktails nennen dürfen, gehören inzwischen rund 12.000 Weltenbummler an.

Leben kann Bill Holmes von dem Ritual natürlich nicht. Zum Arbeiten geht er jeden Abend zu "Diamond Tooth Gerties". Dort beaufsichtigt er die Spieltische. Der legendäre Schuppen war das erste Casino Kanadas und ist noch immer das einzige, in dem Alkohol ausgeschenkt und eine Bühnenshow geboten werden. Hier amüsiert sich jeden Abend halb Dawson. Fünf Dollar kostet der Eintritt, aber die meisten haben ein 100-Dollar-Ticket, das ihnen Eintritt auf Lebenszeit gewährt.

Poker, Black Jack, Roulette oder Spielautomaten - ein Teil dessen, was die Goldsucher tagsüber aus dem Kies des Bonanza-, Eldorado- oder Hunker-Creek waschen, rinnt ihnen noch am selben Abend wieder durch die Finger. Manche stecken auch den Can-Can-Tänzerinnen ein Nugget zu. Das Gold bestimmt noch immer den Alltag Dawson Citys.

Mit Baggern, halb so groß wie Einfamilienhäuser, wird nach den oft nur stecknadelkopfgroßen Goldstücken gebuddelt. Möglich ist das allerdings nur in den drei Yukon-Sommer-Monaten Juni, Juli und August, wenn der Permafrost-Boden auftaut. 14-Stunden-Schichten sind dann normal auf den Claims. Wer halbwegs erfolgreich ist, schürft rund eine halbe Tonne Gold während eines Arbeitslebens.

Besucher stehen zunächst ein wenig hilflos vor den Extremen dieses Landes. Erst allmählich erschließen sich die Schönheiten der Natur und die Eigenheiten der Bewohner. Größer als Deutschland, Holland und Dänemark zusammen, leben in Yukon nur 30.000 Menschen. Wer wirklich Natur pur erleben möchte, wer zum Beispiel Kanutouren auf ungezähmten Flüssen liebt oder ausgedehnte Wanderungen in weglosem Gelände, findet kaum eine geeignetere Region.

Yukon, so wirbt ein Reiseführer, biete eine einzigartige Kombination aus Wildnis und Komfort. Das ist kaum übertrieben, denn die elf Highways mit so klangvollen Namen wie "Klondike Highway" oder "Silver Trail" sind bestens ausgebaut, alle 100 bis 150 Kilometer gibt es Benzin, Betten, Bier und Burger. In der Hauptstadt Whitehorse und in Dawson City können Rundflüge gebucht werden. Auch Golfplätze, kleine Museen und feine Restaurants finden sich inzwischen in diesem rauhen Land.

Die eindrucksvollsten Erlebnisse in Yukon aber sind die Begegnungen mit den Menschen dort. Stets wird der Besucher neugierig befragt, stets geben die Yukoner freudig Auskunft. Wie Mike T. Ellis, der Goldaufkäufer, der gern beschreibt, wie er Goldbarren für den Export in seinem kleinen Verschlag gießt. Wie Arleigh Wong, die Tänzerin aus dem Casino, die sich freut, wenn sie nach der Show zu einem Softdrink eingeladen wird. Wie Merlin Grade, die Textildesignerin, die vor 18 Jahren aus Heidelberg nach Dawson City kam und hier selbst gestaltete T-Shirts verkauft.

Doch direkt nach der letzten Blockhütte des Städtchens herrschen wieder grenzenlose Wildnis und Menschenleere. Jack London, der in den Goldrausch-Tagen nach Dawson kam, nicht einen Nugget fand und seine Erlebnisse später im Roman "Lockruf des Goldes" niederschrieb, notierte 1899 lakonisch: "In jenen Tagen war Yukon ein einsames Land." Das gilt noch heute.