Zeltsafari auf Olchon: Kaviar am Lagerfeuer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zeltsafari auf Olchon Kaviar am Lagerfeuer

Die Baikalinsel Olchon und das Dorf Chuschir ist den Burjaten heilig. Noch heute kommen auf dem spitzen Felsen des Kap Burchan Schamanen zu Beschwörungen und rituellen Tänzen zusammen. Eine Zeltsafari auf der "Sternflüstern"-Insel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irkutsk - Wenn die Reisenden morgens fröstelnd die Nase aus dem Zelt stecken, hockt Wolodja schon am Baikal-Ufer und putzt Fische. Der große See in Sibirien hat über Nacht wieder einen kleinen Teil seines Reichtums ins Netz gegeben: sechs Pfund der örtlichen Fischarten Omul und Charius. Mit schnellen Messerschnitten nimmt Wolodja den Fang aus. Er legt die Filets in Salzlake ein, die Reste wirft er in hohem Bogen aufs Wasser hinaus. Möwen stürzen sich auf die Fischköpfe. Ihr Geschrei ist das einzige Geräusch weit und breit. Sonst liegt Stille über dem See. Die Berge drüben auf dem Festland sind weit weg und wirken in der klaren Luft doch zum Greifen nah.

Kap Drei Brüder: Heller Marmor überzögen mit tiefroten Flechten

Kap Drei Brüder: Heller Marmor überzögen mit tiefroten Flechten

Foto: GMS

Die Feriengäste recken sich in der Sonne, die sie langsam wärmt. Trotz Hochsommers war die Nacht auf der Insel Olchon wieder kalt. Bei zwölf Grad Celsius Wassertemperatur im Baikal reduziert sich die Morgentoilette auf eine Katzenwäsche. "Frühstück ist fertig", verkündet der Koch und Fremdenführer Gennadi. Es gibt Tee vom Lagerfeuer, mitgebrachte Schokocreme und frischen Omul-Kaviar aufs Weißbrot. Eine Zeltsafari auf Olchon hat raue wie bequeme Seiten und macht der ganzen Familie Spaß.

Der Baikal, die "Perle Sibiriens", liegt 7000 Kilometer östlich von Deutschland und ist das größte Süßwasser-Reservoir der Welt. Langsam erschließt er sich für Touristen. Die größte Baikal-Insel Olchon ist durch die ZDF-Sendung "Sternflüstern" bekannt geworden über das abenteuerliche Überleben deutscher Familien im sibirischen Alltag. Olchon ist 72 Kilometer lang und bis zu 13 Kilometer breit. Im Südwesten herrscht hügelige, baumlose Steppe vor. Der gebirgige und bewaldete Nordostteil fällt in steilen Klippen zum klaren Wasser des Sees ab. Dicht an der Insel liegt die tiefste Stelle, 1642 Meter unter dem Wasser. Bei Wind wird der See leicht zum gefährlichen Meer.

Campen in der Steppe, im Wald und Strand

Die meisten Touristen auf Olchon kommen im Hauptort Chuschir unter. Auch "Sternflüstern" wurde hier gedreht. Schön ist das 1300 Seelen zählende staubige Dorf nicht. Aber es lohnt sich, im Heimatmuseum neben der Schule die Geschichte der Insel zu erkunden. Der eingeborenen Bevölkerung am Baikal, den Burjaten, gelten Olchon und speziell Chuschir als heilig. Die atheistische Sowjetmacht baute in den dreißiger Jahren hier eigens eine Fischfabrik, um den Ort zu entweihen. Auf dem spitzen Felsen des Kap Burchan kommen heute noch Schamanen zu Beschwörungen und rituellen Tänzen zusammen.

Die Camper können ihre Plätze frei aussuchen - in der Steppe, im Wald oder am weißen Strand des verlassenen Dörfchens Peschtschannaja. Wolodja, der nicht nur für die Fische zuständig ist, schaukelt sie als Fahrer eines geländegängigen russischen UAZ-Kleinbusses überall hin. Gennadi arbeitet sonst als Ingenieur in einer Aluminiumfabrik in Irkutsk. "Aber ich bin viel lieber draußen in der freien Natur", sagt er. Also nimmt er Urlaub für den Nebenjob als Reisebetreuer.

Außerdem hat Gennadi seinen Sohn Dima mitgebracht. Der 13-Jährige hackt begeistert Holz, spielt mit dem zehnjährigen Frederik aus Deutschland Fußball und pumpt das Schlauchboot auf. Die achtjährige Gabriele, die ebenfalls zu den Campingurlaubern zählt, macht sich ein anderes Vergnügen: Sie verjagt die Kühe, die in der Steppe wie aus dem Nichts auftauchen, um das Zeltlager nach Essbarem zu durchsuchen. Es ist erstaunlich, was die Steppe alles in ihren Falten verbirgt: Kühe, Menschen, Autos, ja ganze Dörfer werden darin unsichtbar.

Fischsuppe Ucha mit Wodka

"Am Baikal werdet ihr dreimal am Tag Fisch essen müssen", sind die Camper vor der Reise gewarnt worden. Gennadi bringt aber seinen Bratfisch nur selten auf den Tisch, was schade ist. Der frische Fang, nur leicht in Mehl und Salz gewendet, ist köstlich. Genauso lecker ist seine Fischsuppe Ucha mit Kartoffeln, Gemüse und Lorbeer. "Es ist der Schuss Wodka, der den besonderem Geschmack bringt", sagt er schalkhaft. Dabei trinken Gennadi und Wolodja für russische Männer ausgesprochen wenig, was die Reise angenehm macht. Es gibt nur "Tschut-tschutj" (ein bisschen) jeweils für sie und für die Gäste.

An der geologischen Forschungsstation Usury treibt abends der Schafhirte Mirom Bartuchanow seine Herde an den See. Tausende Hufe klappern über die Steine am Ufer, ein Hütehund mit viel zu kurzen Beinen hält die Schafe beisammen. Auch Miroms Pferd darf trinken. Er kommt nur im Sommer nach Olchon. "Im Winter arbeite ich bei einem Beerdigungsinstitut in Irkutsk", sagt der 22-Jährige. Nur noch seine Mutter spreche Burjatisch, "ich bin ein russifizierter Burjate."

Die schönste Stelle von Olchon sind die Klippen am Nordende der Insel. Das "Kap Drei Brüder" besteht ganz aus hellen Marmor, der mit tiefrote Flechten überzogen ist. Am steilen Kap Choboj ist das Wasser so blau wie in Italien, darüber spannt sich ein nordischer Himmel, still und majestätisch weit. Mit einer gewissen Sehnsucht schauen die Feriengäste hinüber auf die Halbinsel Swjatoj Nos am anderen Baikalufer. Dort leben die einzigartigen Baikalrobben, die sie auch gern einmal sehen würden. Aber das ist schon eine andere Reise.

Von Friedemann Kohler, gms

Mehr lesen über