Zentralamerika Gackerndes Huhn
San José/Managua - Bislang ist die schmale Landbrücke, die Nord- und Südamerika verbindet, in Deutschland vor allem bei Individualreisenden beliebt. Dabei ist die Region mit ihren 35 Millionen Einwohnern und einer Größe, die etwa der Frankreichs entspricht, reich an Naturschönheiten und kulturellen Attraktionen.
Das wissen aber nur wenige außerhalb der Region. Selbst in das beliebte Costa Rica zog es 1999 gerade mal 25.000 Gäste aus Deutschland. Insgesamt wurden hier im selben Jahr rund eine Million Urlauber aus aller Welt gezählt, der Tourismus stellt die zweitwichtigste Devisenquelle des Landes dar, so die Welttourismusorganisation WTO in Madrid. Costa Rica mit seinen Stränden und Naturparks ist gemeinsam mit Guatemala seit langem das touristische Zugpferd Zentralamerikas.
Die zahlreichen Vulkane und die exotische Tierwelt sind Teil der Naturschönheiten, die die sieben kleinen Länder zwischen Mexiko im Norden und Kolumbien im Süden zu bieten haben - nicht selten ohne nennenswertes Publikum. Der Blick in den Masaya Krater in Nicaragua beispielsweise ist Atem beraubend, der Schwefelgeruch kräftig, das Papageiengekreisch enorm - doch der Parkplatz am Rand des Vulkans ist fast leer. Und im Brüllaffenreservat in Belize sind die "Baboons", wie die Affen hier heißen, meist klarer Sieger im spielerischen Schreiwettbewerb Tier gegen Mensch. Denn oft hat die Horde in den Baumwipfeln nur wenige Touristen als "Gegner".
Des einen Freud, des anderen Leid: Individualurlauber sind entzückt über solche Naturattraktionen ohne ausgetretene touristische Trampelpfade. Die Regierungen der meist armen Länder brauchen aber größere Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr, und neue Hotels, Restaurants und Souvenirshops schaffen wichtige Arbeitsplätze.
Besonders im nachhaltigen, also umwelt-, sozial- und kulturverträglichen Tourismus, sieht Mittelamerika für die Zukunft gute Chancen. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn bei Frankfurt hilft dabei und arbeitet mit Regierungen, Umwelt- und Tourismusgruppen sowie der SICA (Sistema de la Integracion Centroamericana) in Nicaraguas Hauptstadt Managua zusammen. Die Integrationsbehörde orientiert sich unter anderem am Vorbild der EU-Staaten. "An einem positiven Markenzeichen für Mittelamerika arbeiten wir gemeinsam", sagt Klaus Lengefeld vom GTZ-Büro in Managua. "Wir orientieren uns an Naturschätzen und Mayakultur, an unberührten Regenwäldern, Vulkanen, Ureinwohnern, aufgeschlossenen Menschen, Gastfreundschaft und Umweltschutz."
Statt Wein- und Schlösserstraßen wie in Europa gibt es in El Salvador eine "Ruta de Flores", also eine Blumenstraße. Nicaragua verbindet die historischen Kleinode der Kolonialzeit zu einer "Ruta de los Pueblos Blancos" (Weiße Dörfer). In Honduras ist eine "Ruta Verde y Etnica" am Atlantik im Aufbau. Sie führt von Tela mit seinen Gemeinden der Garifuna - Nachfahren eines Völkergemisches aus Schwarzen und indianischen Ureinwohnern - bis in den Dschungel der Moskitia-Indios.
Auch eine Vulkanstraße wäre in Zentralamerika denkbar. Denn hier gibt es auf recht kleinem Raum eine große Vielfalt der feuerspeienden Berge: Manche haben einen perfekten Konus und einen stets qualmenden Krater an der Spitze. Etliche sind leicht zugänglich. Am Masaya in Nicaragua fährt der Bus bis an den Rand des nur 500 Meter hohen, aktiven Kraters.
Vor einer Vulkanbesteigung allerdings sollte jeder Reisende zur Sicherheit Informationen bei der Touristenbehörde vor Ort einholen. Der Arenal im Norden Costa Ricas, seit Jahren große Attraktion mit nächtlichem Feuerschein, versetzte im August 2000 Bewohner und Touristen in Angst und Schrecken, als er heiße Gase und Asche ausstieß. Und bei den Vulkanen nahe der historischen Stadt Antigua in Guatemala hat es Raubüberfälle auf Touristen gegeben.
Generell muss mit Kriminalität vor allem in den Hauptstädten der Länder gerechnet werden. Nach Ende der Bürgerkriegszeit in Guatemala, Nicaragua, El Salvador und Honduras hat sich das Image der ganzen Region aber gebessert. Erkundungen auf eigene Faust sind einfach. In Fernbussen, die alle Länder verbinden, reist man recht komfortabel mit Klimaanlage und TV. Wer über die Dörfer in einem klapprigen Kleinbus fährt, findet schnell Anschluss bei Mensch und Tier. Auf engstem Raum kann ihm auch schon mal ein gackerndes Huhn oder ein fröhlich kreischendes Kleinkind auf den Schoß gelegt werden.
Bernd Kubisch, gms