Australien: Mit dem Ghan durchs Outback
Zugreise durch Australien Schampus, Krokos, Kängurus
Darwin - Der "Ghan" kriecht in Darwin aus dem Bahnhof, rollt im Schritttempo über Bahnübergänge und an ein paar Gärten vorbei. Der wuchtige Zug wirkt in der städtischen Enge fehl am Platz. Seine Welt ist das Outback, das australische Hinterland, in dem die Landschaft weit ist und die Bebauung spärlich. Dort gewinnt der Ghan an Fahrt und beschleunigt auf 115 km/h. Der Zug rast aber nicht - er reist. Nichts muss so schnell wie möglich gehen, keiner ist gehetzt. Denn für die Passagiere ist der Weg das Ziel. Wer es eilig hat, fliegt lieber.
800 Meter ist der Ghan lang, mit zwei Lokomotiven bewältigt er die 2979 Kilometer Schienen: Die Bahnreise führt einmal längs durch Australien. In zweieinhalb Tagen soll der Zug durch den trockensten Kontinent der Welt zuckeln, vom tropischen Norden bis nach Adelaide an der Südküste. Rotes Niemandsland und Wüste liegen vor den Reisenden - und je nach gebuchter Klasse Champagner-Begrüßung, Gourmet-Menüs und Federbetten. In jedem Fall sind die Naturspektakel vor den Fenstern inklusive.
Kaum sind die letzten Häuser von Darwin passiert, beginnt die zunächst noch grüne Weite. Aber das tropische Küstenklima verliert sich schnell; die üppig grünen Büsche und Bäume werden schon auf den ersten 100 Kilometern immer spärlicher. Stahlblauer Himmel und weiße Wölkchen hängen über der berühmten rostroten Erde des Landes.
Pilzragout und Lachssalat im Zugrestaurant
Eine Riesenstaubwolke am Horizont verrät Leben - hier muss eine der teils mehrere tausend Quadratkilometer großen Rinderfarmen sein. Im Ghan ist gerade Lunch angesagt: Gold- und Platinum-Gäste werden für den stolzen Preis, den sie für die Fahrt bezahlt haben, im Restaurant "Queen Adelaide" verwöhnt. Pilzragout und Lachssalat stehen auf der Speisekarte.
Der Zug stoppt in Katherine, rund 320 Kilometer südlich von Darwin. In der spektakulären Schlucht können die Passagiere die Felsmalereien der "Jawoyn" betrachten, eines der mehr als 500 Ureinwohnerstämme Australiens.
In der Schlucht leben auch "Freshies", wie die Süßwasserkrokodile liebevoll genannt werden. Selbst "Salties", ihre Verwandten aus dem Meer und aus den Brackwasserzonen Nord-Australiens, verirren sich manchmal dorthin. Wenn eines der Tiere gesichtet wird, sind Paddelausflüge verboten. Die Salzwasserkrokodile sind größer und wesentlich aggressiver als ihre Artgenossen.
Die gesamte Fahrtstrecke verläuft fast schnurgerade. Nach dem Halt in Katherine richtet sich die Zuggesellschaft langsam auf den Abend ein. Die untergehende Sonne überzieht die Landschaft mit glutrotem Schimmer. Auf der östlichen Seite wirft der Zug lange Schatten auf die Steppe. Wer rechts sitzt, sieht den Sonnenuntergang. Die Gäste auf der linken Seite müssen auf "ihr" Naturspektakel, den Sonnenaufgang, bis zum Morgen warten.
Känguru-Steak und Schaumwein
Eine gerade Straße mit einem Stoppschild vor dem Bahnübergang passiert die Strecke. Wer in dieser Einöde wohl leben mag? Menschen lassen sich jedenfalls nirgendwo blicken.
Es ist stockfinster draußen. Im Salon des Ghan wird Schaumwein kredenzt, im Restaurant gibt es Känguru-Steak und Schweinerippchen. Das Personal klappt in den Abteilen die Betten herunter. Zwei Reisende teilen sich in der Goldklasse ein Abteil mit Etagenbetten, die Platinum-Kabinen locken mit ausgeklappten Doppelbetten.
Unter der Oberaufsicht von Dean Duka ruckelt der Zug sanft über die Schienen. Der Zugchef hält Kontakt mit den Lokomotivführern. "Ein Alarmknopf im Führerstand blinkt alle 90 Sekunden. Wenn der Fahrer nicht draufdrückt, bleibt der Zug stehen", erklärt Duka. Die Fahrer müssen die Weichen teils von Hand umstellen, die Strecke ist weitgehend eingleisig. Immer wieder bleibt der Zug stehen, um einen Frachtzug oder den Ghan in der Gegenrichtung passieren zu lassen.
Nächster Halt: Adelaide
Am 4. August 1929 ging der Zug auf Jungfernfahrt. Damals wurde ein Teilstück im Süden eröffnet: von Adelaide bis nach Alice Springs im Zentrum Australiens. Es sollte 75 Jahre dauern, bis die Gleise im Jahr 2004 auch Darwin erreichten. Seinen Namen bekam der Zug von Kameltreibern aus Afghanistan, die im 19. Jahrhundert halfen, den Kontinent zu erschließen.
Dukas Albtraum in den gut 55 Stunden bis Adelaide sind Verspätungen durch Überschwemmungen, Frachtzüge oder technische Probleme. "Wer lange auf diese Reise gespart hat und in Katherine oder Alice Springs nicht genug Zeit für Ausflüge hat, wird zurecht stinksauer", sagt er.
An diesem Tag ist Aufseher Duka entspannt. Auf die Minute pünktlich rollt der Zug in Alice Springs ein. Viele Reisende unterbrechen die Fahrt hier für ein paar Tage. Es gibt jede Menge Ausflugsziele, darunter die spektakuläre Sandsteinformation Uluru, früher Ayers Rock genannt, und Hermannsburg. An diesem Ort begannen deutschstämmige Missionare im 19. Jahrhundert, Ureinwohner zu christianisieren.
"Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren" steht auf Deutsch noch heute über dem Kircheneingang. Hier wurde im Jahr 1902 der Aborigine-Maler Albert Namatjira geboren, der durch Aquarelle mit weißen Gummibäumen weltbekannt wurde. Als seine Werke gefragt und somit teuer wurden, ernannten die Briten ihn als ersten Ureinwohner zum Bürger Australiens - um Steuern eintreiben zu können.
Wanderung für die Sinne
Von Hermannsburg zwei Stunden entfernt liegt das Palm Valley, das bei den Aborigines "Mpulungkinya" heißt. Hier sind die letzten Überreste der üppigen Tropenlandschaft zu sehen, die Australien einst nicht nur im Norden bedeckte. 12.300 Palmen stehen in der Schlucht zwischen den roten Felsen, sie sind teilweise über 30 Meter hoch und 100 bis zu 300 Jahre alt.
Das Tal kann nach einer Fahrt in einem Bus mit Allradantrieb nur zu Fuß erkundet werden - die Wanderung ist ein Genuss für Ohren und Augen: Vögel singen, Zikaden zirpen und Bienen summen - rote Kerzenblumen, gelbe und grüne Büsche sowie Blumen, die wie kleine Veilchen aussehen, erblühen in allen Schattierungen.
Jungala Kriss bringt Besuchern Alice Springs und Umgebung gerne auf dem Fahrrad näher. "Der Ort heißt in unserer Sprache Mparntwe", sagt der Mann vom Stamm der Arrente. Er erzählt von den teils Hunderte Kilometer langen Liederstraßen der Aborigines. Die Stämme, die an der Strecke wohnen, haben jeweils ihre eigene Strophe, der nächste Stamm führt das Lied weiter.
Alice Springs: Die gespaltene Stadt
Jungala bleibt immer wieder stehen. Zwei Hügel nebeneinander stellen "reisende Schwestern" dar, sagt er. Die eine Delle in der Bergkante sei der Ort, an dem ein Hund einen Eindringling konfrontierte. Der Felsbrocken sei von den Innereien des besiegten Fremden rötlich gefärbt.
Alice Springs macht einen gespaltenen Eindruck. Auf dem Flohmarkt am Sonntag verkaufen die weißen Australier an ihren Ständen bunten Schnickschnack. In der zweiten Reihe auf der Wiese sitzen die Ureinwohner und bieten ihre Malereien an. "Wir arbeiten daran, zusammenzuwachsen", sagt Deborah Rock, die eine rustikale Pension betreibt, die aus Holzplanken eines alten Ghan-Zugs gebaut wurde. Sie hat gerade angefangen, die Sprache der Arrente zu lernen. Irgendwann will eine Gruppe engagierter Einwohner Alice Springs offiziell zu einer zweisprachigen Stadt machen.
Mit dem Ghan geht es am Nachmittag weiter. Das Zugpersonal hat ein Mini-Tübchen Gesichtscreme ins Bad gelegt - ein Geschenk nach der äußerst trockenen Luft von Alice Springs.
Komfort wie in der Economy Class
Irgendwo mitten auf der Fahrt beginnt wieder das Sonnenuntergangsspektakel. Der Horizont leuchtet Orange, darüber Gelb und weiter oben Hellblau. Vor dem Fenster auf der anderen Zugseite sind die Farben anders gemischt: Dunkelblau der Horizont, dann ein pinkfarbenes Band, Gelb und Hellblau. Das dunkle Blau breitet sich langsam nach oben aus und verschluckt die Farbenpracht. Der Westen trotzt dem Dunkel noch: Vor dem Horizont zeigen sich die Bäume als messerscharfe Scherenschnitte, wie für immer verewigt.
Dann wird es Nacht, und nach einem weiteren farbenfrohen Sonnenaufgang rückt vor Adelaide das Urbane langsam wieder ins Blickfeld: Städtchen, Bahnübergänge und schließlich die Küstenstadt.
Außer in der Platinum-Klasse sind die Abteile im Ghan nicht gerade üppig, der lange Zug bietet Reisenden mit dem gemütlichem Salon und Restaurant dafür jede Menge Auslauf. Wer in der billigsten Kategorie im Ruhesessel reist, muss mit Komfort wie in der Economy Class eines Langstreckenflugs rechnen, während die Natur langsam an den Fenstern vorbeizieht.