20 Jahre TGV Die Revolution der Schiene
Paris - Wie immer, wenn es Gigantisches zu feiern gab, war der französische Staatspräsident Francois Mitterrand zur Stelle. So auch am 22. September 1981, als die Franzosen die Revolution auf die Schiene verlegten. Die festliche Einweihungsfahrt des superschnellen Hochgeschwindigkeitszuges TGV von Paris ins 426 Kilometer entfernte Lyon war ein rasanter Schritt in ein neues Eisenbahn-Zeitalter. Nach 15-jähriger Arbeit hatten die französischen Ingenieure Frankreich bei den Hochgeschwindigkeitszügen europaweit an die Spitze gefahren. Zwei Jahrzehnte später ist der TGV (Train à grande vitesse) aus dem Alltag der Franzosen und auch der Touristen einfach nicht mehr wegzudenken.
Gut zehn Milliarden Franc (damals mehr als vier Milliarden Mark) hatte das in Technik verliebte Land, das auch das Überschallflugzeug Concorde bauen ließ, in die Züge und vor allem die Trasse investiert, die schnurstracks durchs Burgund führt. Mehr als eine Stunde sparten die Fahrgäste zwischen den beiden Großstädten. Und seit 1983 dauert es nur noch zwei Stunden. Die neue Trasse ohne Bahnübergänge und ohne riskante Kurven trug zu der Verkehrs- Revolution auf der Schiene bei.
In den Prestige-Zug mit seinen zwölf Elektromotoren konnte man von Anfang an nur mit einer festen Platzreservierung steigen, da stehende Passagiere bei Notbremsungen im damals üblichen 260- Kilometer-Tempo leicht verletzt worden wären. Und Notbremsungen gibt es doch immer wieder. Die Steuerung der windschlüpfrigen Züge mit dem vor zwei Jahrzehnten durchaus futuristischen Look war voll technisiert worden. Und automatische Signale auf den Schienen hatten zusammen mit Funkkontakt die herkömmliche Sicht-Signalstation ersetzt - Frankreichs Technik fuhr schon 1981 in das dritte Jahrtausend ein.
Die verkehrstechnische Eroberung des französischen Südens hatte allerdings schon Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen. "PLM" hieß die Zauberformel, von dem betuchtere Franzosen und Cote d'Azur-verliebte Briten schwärmten. "Paris-Lyon-Marseille", die Gesellschaft des aus Limoges stammenden Polytechnikers Paulin Talabot, machte Dampf und verband Paris und Marseille in nur 16 Stunden und 15 Minuten (1867), 1895 dann in 13 Stunden und 1938 in nur gut neun Stunden. Tourismus und nicht zuletzt auch der Weinhandel profitierten von der Entwicklung.
Zurück ins dritte Jahrtausend. Mehr als 1200 Kilometer lang ist mittlerweile das Streckennetz des TGV. Nach der Anbindung an den Thalys nach Brüssel und den Eurostar nach London sind Strecken nach Mailand, Barcelona und Amsterdam geplant. Bis 2006 soll es den TGV nach Straßburg geben und damit die Verbindung nach Deutschland. Zudem wird überlegt, den silbrig-blau-gestreiften Superzug eines Tages von Marseille über Montpellier nach Barcelona und dann womöglich bis nach Madrid flitzen zu lassen. Denn im TGV wird die Zeit nur dann zu lang, wenn er sich mal wieder arg verspätet. Im Zug lässt es sich bequem arbeiten. Und langen Beinen wird mehr Platz als im Flugzeug geboten.
Der TGV rückt Frankreich näher zusammen, wie vor allem die jüngste Großtat der Ingenieure und Verkehrsplaner beweist. Auf jetzt nur noch 2 Stunden und 58 Minuten ist die Fahrt von Paris nach Marseille seit Juni zusammengeschrumpft. Nochmals 25 Milliarden Franc (7,4 Milliarden Mark) verschlang dabei der Trassenbau zwischen Valence und Marseille. Doch gerade dieser letzte Tempo-Schritt der Eisenbahngesellschaft SNCF verläuft nicht ohne Pannen und Reibungsverluste. Es gibt Klagen über Lärmbelästigung und zu weit entfernt gelegene Bahnhöfe, Berichte über einen nicht genügend gesicherten TGV-Tunnel nahe der Hafen-Metropole Marseille - und immer wieder über große Verspätungen nach nur kleinen Zwischenfällen. Sollte der schnelle Zug so langsam an Grenzen stoßen?
Hanns-Jochen Kaffsack, dpa