Agadir: Sneakers vom Souk - DER SPIEGEL
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Agadir Sneakers vom Souk

Hochhäuser und Ruinen, Bettenburgen und Fischerboote - Agadir ist eine Stadt der Gegensätze, ein Stück modernes Marokko. Sonnenverwöhnt, mit kilometerlangem Atlantikstrand boomt die südmarokkanische Hafenstadt als Tourismuszentrum, während auf dem Souk el Had der alltägliche Handel von Datteln, Pantoffeln und Handys weitergeht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Agadir - Bei einem Schönheitswettbewerb marokkanischer Städte hätte Agadir nicht die besten Chancen. Es gibt keine Prunkbauten früherer Königsdynastien, keine kunsthistorisch bedeutenden Moscheen und auch keine faszinierende Altstadt wie in Marrakesch oder Meknes. An vielen Stellen wirkt Agadir wie eine Großbaustelle. Und dennoch lohnt sich der Besuch.

Agadir ist kein Märchen aus 1001 Nacht, sondern ein Stück modernes Marokko. Es ist eine Hafenstadt, von der aus Zitrusfrüchte, Bananen, Tomaten und Rosen nach Europa exportiert werden, eine Großstadt, die auf gut 300.000 Einwohner angewachsen ist, und vor allem ein boomendes Tourismuszentrum. Hotelketten und Reiseveranstalter von Kempinski über TUI bis Neckermann investieren hier, in der Hoffnung, mit sonnenhungrigen Urlaubern aus Europa bald noch mehr zu verdienen.

Die Pfunde, mit denen die Stadt im Süden Marokkos wuchern kann, sind nicht zu übersehen: Fast zehn Kilometer lang ist der Strand, an mehr als 300 Tagen scheint die Sonne. Agadir wird vom Tourismus beherrscht: 28 000 Gästebetten gibt es im mit Abstand wichtigstem Urlaubsziel des Landes. Das höchste Gebäude der Stadt ist ein Hotel mit 19 Stockwerken.

Das große Beben

Einst war die 1505 von den Portugiesen gegründete Stadt ein Handelsstützpunkt. Damals überragte die Kasbah genannte Festung die Siedlung. Nicht zuletzt durch den Zuckerrohrhandel wurde Agadir reich und mächtig, bis die Konkurrenz aus Brasilien dem einträglichen Geschäft ein Ende bereitete. Die eigentliche Katastrophe ereignete sich allerdings erst viel später: 15 Sekunden lang bebte 1960 die Erde. Mehr als 15.000 Menschen starben. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Das moderne Agadir mit seinen mehrgeschossigen Wohnhäusern und den Bettenburgen entstand danach einige Kilometer entfernt.

Auch von der Kasbah steht nicht mehr viel: eine große Außenmauer und ein paar Ruinen. Für den Blick von hoch oben, gut 235 Meter über dem Meeresspiegel, lohnt sich die Fahrt auf der engen, kurvigen Straße dennoch: Die Stadt berührt fast den Atlantik und hat vor sich nur noch einen breiten Strand. Am Horizont ragt eine Turmspitze in den Himmel: der Palast des Königs. Mohammed VI. ist zwei- bis dreimal im Jahr für mehrere Wochen dort.

Direkt unterhalb der Kasbah ist Agadirs Hafen zu finden: Am Kai sind Dutzende von Fangschiffen festgemacht, von denen viele so aussehen, als sollten sie besser nicht mehr auslaufen. Doch der Eindruck täuscht: Die rostigen Kähne, auf denen oft Südkoreaner arbeiten, gehören zu einer Flotte, die ein wichtiges Standbein der marokkanischen Wirtschaft ist. Fisch ist in Agadir spottbillig: Im Hafen ist ein Kilogramm Sardinen für zehn Dirham (ein Euro) zu haben.

Gleich neben dem Fischereihafen liegen die Holzboote der Fischer, die ihr Geschäft eher in kleinem Stil betreiben. Ein graubärtiger Alter zupft in seinem Boot die Netze sauber. Die Fischer fahren jeden Morgen um 3 Uhr raus und kommen gegen 5 Uhr zurück. Begehrter Fang sind nicht zuletzt Tintenfische - Calamaris fehlt in den Restaurants von Agadir auf kaum einer Speisekarte.

Zu den ungewöhnlichsten Plätzen Agadirs gehört der Souk el Had, der Sonntagsmarkt. Ursprünglich kamen die Händler nur einmal in der Woche. Heute ist er jeden Tag außer montags geöffnet. Vor dem Souk ist der Taxistand, an dem eine eindrucksvolle Armada von alten Mercedes-240-Limousinen steht. Es sind Louages genannte Sammeltaxis für Überlandfahrten. Einer der Fahrer wäscht seinen Benz geradezu liebevoll am Straßenrand. Die Taxis für Fahrten innerhalb von Agadirs - kleinere französische Modelle - warten gleich um die Ecke.

Die meisten Besucher des Souk el Had kommen aber zu Fuß. Elf Tore hat er, und sobald man eines passiert hat, taucht man ein in eine andere Welt, die sich schon durch ihr Halbdunkel vom sonnigen Rest Agadirs abhebt. Rund 2200 Händler sind hier zu finden, vor allem Frauen gehen zum Einkaufen, viele in knöchellangen Djellabahs.

Granatäpfeln, Sneakers, Handys

Lebensmittel von den Bauern der Umgebung gibt es täglich frisch. Ein Händler sitzt vor einem Berg von Granatäpfeln, aus deren Mitte eine alte Waage und zwei Kunststoffschüsseln ragen. Ein anderer verkauft Datteln, Mandeln und Feigen, das Wechselgeld reicht er in einer Art Kelle mit langem Stiel. Aber auch Jeansröcke und Mäntel mit Pelzkragen, T-Shirts und Halstücher sind an den Ständen zu haben.

Hier repariert ein Schuster durchlöcherte Sohlen, dort stapeln sich in mannshohen Regalen nagelneue Schuhe: Stiefel, Sandalen, Pantoletten und natürlich auch die für Marokko typischen Lederpantoffeln. Auch Sneaker von Sportschuhherstellern gehören zum Angebot - in der Regel allerdings Imitate von Markenprodukten. Ein riesiges Schild mit einem Handysymbol hängt quer über den schmalen Gang: "Philips, Nokia, Samsong" steht dort zu lesen - nicht nur neue Modelle oder Handyschalen sind hier zu kaufen, der Händler bietet auch seine Reparaturkünste an. Nebenan gibt es nicht nur Fernseher und DVD-Player, sondern auch aktuelle Filme - sicher keine Originale.

Es ist nicht weit zu den Tischlern, wo der Souk wieder ganz traditionell wirkt: Ein junger Mann lackiert mit einem Pinsel geduldig eine Schrankwand. Es riecht nach Holz, Bretter und Tischplatten lehnen an der Wand. Ein anderer Tischler glättet mit einem Stück Schleifpapier das Seitenteil eines Bettes - Szenen wie aus Werkstätten früherer Jahrhunderte. Mit kunstvollen Schnitzereien sind Tischbeine und Schranktüren verziert - ein bisschen wie in den Märchen aus 1001 Nacht ist es in Agadir dann eben doch.

Von Andreas Heimann, gms