Algier Techno, Schleier und Tchitchis
Algier - Freitags, wenn die gläubigen Muslime in Algier beten und die anderen sich ihrer Freizeit widmen, ist in den Fischrestaurants von Port El-Djamila kein Sitzplatz frei. Zuerst werden Langusten, dann Goldbrassen und Wolfsbarsch aufgetischt, während Familien und Freunde den lauen Abend an der Küste genießen. Gleichzeitig treffen sich die jüngeren Leute, die meisten in Jeans und T-Shirts, auf der Terrasse der "Milk-Bar" am Platz des Emirs Abd-El-Kadar im Herzen von Algier. Unbeschwert genießen sie ihren Softdrink und die Pâtisserie. Wie die Zeiten sich geändert haben: Dreimal gingen in den neunziger Jahren genau an dieser Bar Bomben hoch. Niemand traute sich in die Nähe, schon gar nicht algerische Frauen. Nun erwacht Algier wieder.
Einen Dornröschenschlaf kann man es aber wahrlich nicht nennen, was die Stadt am südlichen Mittelmeersaum hinter sich gebracht hat. Ein grauenvolles Jahrzehnt, geprägt von wahllosen Terroranschlägen islamistischer Extremisten und der ebenso brutalen Antwort des Militärs, liegt noch wie ein Alptraum auf den Hauptstädtern. Und doch regt sich die Lebenslust neu. Im Galland-Park kommen die Jungen zum Rendezvous zusammen - die Mädchen dezent geschminkt mit Schleier, manche sogar stolz ihren Bauchnabel präsentierend. Helles Lachen durchdringt den Park. Was früher war, scheint vergessen.
Wandel an der Terrorfront
Der Freitagabend ist auch die Hoch-Zeit der "tchitchis", der verwöhnten wohlhabenden Jugend. Wie die Heuschrecken, allerdings mit lauter Fröhlichkeit, fällt die "Jeunesse dorée" der algerischen Metropole in die Nachtclubs der großen Hotels wie "Hilton", "Sheraton" oder "Sofitel" ein. Bis in die Morgenstunden hinein genießen sie die Techno-Klänge und flirten heftig, nur hin und wieder von den Anrufmelodien ihrer Handys unterbrochen. Kaum mehr vorstellbar erscheint, dass die Islamisten vor Jahren noch ihre Bomben gerne dort detonieren ließen, wo Alkohol ausgeschenkt wurde.
Die mit Satelliten-Fernsehen aufgewachsene Jugend Algiers will sich amüsieren. Auf den Straßen verkaufen bärtige Händler inzwischen sogar String-Tangas. Im feinen Sand des "Club des Pins" westlich der Stadt, wo die Familien der Funktionäre und Geschäftsleute ihr Wochenende verbringen, räkeln sich die nordafrikanischen Schönheiten im Bikini. Entspannung und Gelassenheit herrschen. Wenn auch die tiefen sozialen Probleme längst nicht behoben sind und äußerst hohe Arbeitslosigkeit vor allem die Jüngeren trifft, so ist der Wandel an der Terrorfront doch gerade in Algier unübersehbar.
Mit der Politik von Präsident Bouteflika - nationale Versöhnung und gleichzeitig unerbittlicher Kampf den verbliebenen Terroristen - bietet sich die "weiße Schöne" auch als touristisches Ziel wieder an. Diesen Beinamen trägt Algier wegen der so getünchten Häuser. Allerdings dürfte es Zeit brauchen, bis die Gefahr ganz gebannt ist und Algier erneut viele Reisende anzieht.
Bienenhaus in Terrassenlage
Das Festival der Farben vor lärmiger Geräuschkulisse findet seinen Höhepunkt auf dem "Platz der Märtyrer", der an die Opfer des Kampfes um Unabhängigkeit von Frankreich erinnert. Vorbei an der alten ottomanischen Moschee und durch das Gewimmel der Händler und Müßiggänger führt der Weg teilweise steil hoch in die Gässchen der Kasbah von Algier. Das alte Zentrum und Herz der Stadt, die arabisch "El Djazair" (die Inseln) heißt, steht auf der Unesco-Welterbeliste. Es gleicht einem nur schwer zugänglichen Bienenhaus in Terrassenlage.
Der an der sichelförmigen Bucht von Algier gelegene Raïs-Palast, auch "Bastion 23" genannt, gehört zu den noch zu wenigen bereits restaurierten Teilen dieser befestigten Altstadt. Weil Algier bis heute eine koloniale Schönheit geblieben ist, von der Architektur der Franzosen geprägt, fällt ein prächtiger ottomanischer Palast mit viel Mosaikkunst und den maurisch-verwinkelten Gängen und Treppen auf. Es waren italienische Spezialisten, die diesen wie durch ein Wunder vor dem Abriss geretteten Palast bestens wieder auf Vordermann brachten.
Um von den Höhen Algiers aus einen möglichst freien Blick auf die Bucht zu haben, die als eine der anmutigsten der nordafrikanischen Mittelmeerküste gilt, empfiehlt sich eine Fahrt weiter gen Norden zur Basilika Notre-Dame d'Afrique. Seit 1858 wacht die "Beschützerin der Seeleute" über das Meer. Und auch die muslimischen Familien strömen inzwischen wieder zur Basilika und lichten sich vor dem Altar ab, auf dem in den Landessprachen (Französisch, Arabisch und Tamazight, dem Berber-Idiom) steht: "Unsere Liebe Frau aus Afrika, bete für uns und die Muslime." Algerien entdeckt seine Kultur und Vergangenheit neu.
Algier sucht seine Identität neu
Wer dies vertiefen will, der geht ins Bardo-Museum - vor allem, wenn die Zeit nicht reichen sollte für die römischen Ruinen von Tipasa westlich von Algier. Das reich geschmückte Museum legt Zeugnis ab von der turbulenten Geschichte Nordafrikas - und auch Algiers, wo Phönizier im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung einen Schiffsanlegeplatz bauten. Römer, Byzantiner und Spanier landeten hier, und 1830 dann die Franzosen, die bis zur Unabhängigkeit vor gut 40 Jahren blieben. Seitdem sucht diese Stadt mit dem orientalischen Flair und dem westlich geprägten Erscheinungsbild ihre Identität neu.
Das nahezu 100 Meter hohe "Heiligtum des Märtyrers", gebildet aus drei stilisierten Palmenblättern im Betonstil der sozialistischen Vergangenheit, ragt aus dem Häusermeer der laut-wuseligen Hauptstadt hervor. 1982 errichtet im Gedenken an alle Kämpfer für die Befreiung von den Kolonialherren, ist der weitläufige Platz ein Treffpunkt für "Algerois", die eine freie Aussicht auf ihre Stadt und auf das Meer haben wollen. Hier kann man Blick und Gedanken fast endlos schweifen lassen, auch in die Zukunft: Kultur, Geschichte und eine viele Maler anziehende Stadtsilhouette - all das scheint geradezu darauf zu warten, wieder entdeckt und geschätzt zu werden.
Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms