Alpen: Endlich Schnee - DER SPIEGEL
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Alpen Endlich Schnee

Europas Skigebieten in Südtirol und in der Schweiz fehlt der natürliche Schnee. Kunstschnee rettet zwar die Saison. Auf der Strecke bleibt die Natur der Alpen, Tummelplatz für jährlich 120 Millionen Touristen.
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Hier oben kennt Sigmund Rohrmoser, 36, fast jeden Stein und jedes Birkhuhn. Wenn der Diplom-Biologe sommers auf den Hochalpen des bayerischen Fellhorn bei Oberstdorf unterwegs ist, dokumentiert er mit der Kamera die Veränderung einer Landschaft. "Der Skifahrer hat ja keine Ahnung, wie es hier sonst aussieht."

Aufgerissene Gräben, Kabelstränge am Steilhang, betonierte Abfüllstutzen, planierte Bergstationen prägen außerhalb der Saison das Bild von Deutschlands ältestem Kunstschnee-Gebiet. Am Oberallgäuer Fellhorn, im Grenzgebiet zu Österreich, läuft ein beispielloses Nachrüstungsprogramm, das die "internationale Wettbewerbsfähigkeit" (Fellhornbahn) des weißen Standorts sichern soll.

Nicht nur ein neuer Sechser-Sessellift mit klappbarem Wetterschutz führt zur Bergstation in 1967 Meter Höhe. Auch 17.000 Meter Kabel und Rohre für die Erweiterung der seit 1987 installierten "Beschneiungsanlage" sind bereits im Berg verbuddelt worden. "Das ist schon krass", sagt Rohrmoser. Der Schnee in den Skigebieten der Höhenlage um 1500 Meter, die besonders vom Klimawandel bedroht sind, soll künftig vorwiegend aus den Kanonen kommen.

In dieser Saison war es schon so weit. Nach einer monatelangen Trockenperiode mit ungewöhnlich geringen Niederschlägen blieben die Berge südlich des Alpen-Hauptkamms bis in die Höhenlagen von 2000 Meter gelb-braun.

Sämtliche Pisten des weltgrößten Liftverbundes "Dolomiti Superski" sind zwar mit Hilfe einer massiven Kunstbeschneiung befahrbar. Aber die Betreiber bangen um die Kundschaft: "Mitten im Grünen fährt doch niemand gerne Ski", sagt ein Hotelier aus dem trentinischen Wintersportort Campitello.

Immer mehr Hightech zieht in die Berge. Gerade die kapitalstarken Liftkonzerne haben in den vergangenen Jahren in so genannte Beschneiungsanlagen investiert. Immer umweltfreundlichere Technik verwandelt das angezapfte Wasser in pulvrigen Schnee, den Laienläufer kaum vom echten Stoff unterscheiden können.

Für den führenden Hersteller von Aufstiegshilfen, Seilbahnen, Pistenraupen oder Beschneiungsanlagen, die Firma Leitner im italienischen Sterzing, wird damit ein "Beitrag zum umweltgerechten Umgang mit den Berglandschaften" geleistet.

Doch die Umweltverbände sehen die Aufrüstungsspirale gegen den Klimawandel ganz anders. "Die Verschiebung der Frostgrenze und der Rückgang der Gletscher wird dramatische Auswirkungen haben", warnt der Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA), Andreas Weissen. "Da sollte jeder Eingriff gut überlegt sein."

Beispiel Oberstdorf: Fast 90 neue "Zapfstellen" für die Versorgung der Niederdruckkanonen, die frisches Bergwasser in Eiskristalle verwandeln, werden am Fellhorn bis über die Baumgrenze verlegt. Um den nassen Nachschub für die Pisten-Hydranten zu sichern, haben die Ingenieure den Lauf des Schlappoldbachs auf über zweieinhalb Kilometern umgeleitet. Nachts erhellen Halogenscheinwerfer die klobigen Turbinen zur "technischen Beschneiung" in der ehemaligen Bergidylle.

In den Antragsunterlagen der Betreibergesellschaft heißt es, dass damit der "natürliche Schneefall mit dem ökologisch günstigsten Aufbau" erzeugt werde und das Projekt als "vorbildhaft im Alpenraum" gelte.

Genau das befürchten auch die Umweltschützer. Denn nach Recherchen des Bund für Naturschutz Bayern (BN) umgehen die Liftbetreiber trickreich die geltenden Gesetze, um die Alpen weiter zum Funpark für die jährlich rund 120 Millionen Touristen auszubauen.

So sind nach dem bayerischen Naturschutzgesetz technische Eingriffe in bestimmte Landschaftszonen "unzulässig". Am Fellhorn liegen geschützte Biotope - Moore, Nasswiesen, Krummholzgebüsche oder Quellbereiche - jedoch mitten im Baugebiet für den Skizirkus.

Die Betreiber verweisen auf "umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen" für den Naturverlust und ein "Schutzgebiet für eine Birkhuhnkolonie", das mit Mitteln aus dem Liftbetrieb gesponsert wurde. Zudem sei die Beschneiung von "ausapernden oder abgefahrenen Stellen, insbesondere auf Talabfahrten" nach den 1993 vom bayerischen Umweltministerium erlassenen Richtlinien gesetzeskonform.

"Wir leisten hier einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz", rühmt Geschäftsführer Augustin Kröll von der Fellhornbahn GmbH, die mehrheitlich den Lechwerken, eine Tochterfirma der Energiekonzerns RWE gehört.

Tatsächlich kann die künstlich erzeugte Auflage an schneearmen Stellen vor Beschädigungen der empfindlichen Almgrasnarbe durch Skikanten oder tonnenschwere Pistenraupen schützen.

Stärkerer Vereisung, Verdichtung des Bodens, Verkürzung der Vegetationsphase durch spätere Schmelze sind jedoch die Folgen der physikalisch größeren Schneekristalle aus der Kanone bei massenhaftem Einsatz. "Sackgasse im Wintersport", urteilt der Bund Naturschutz Bayern über die in den vergangenen Jahren insgesamt 290 Hektar genehmigten Kunstschneepisten in den heimischen Alpen.

Dabei operieren die Betreiber mit eigenwilligen Flächenberechnungen, um die Umsetzung der EU-Richtlinie 85/337 EWG in bayerisches Landesrecht zu umgehen. Danach sind für Beschneiungsflächen "ab 15 Hektar" strenge Öko-Prüfungen vorgesehen.

Lesen Sie weiter, was die Liftbetreiber alles unternehmen, damit die Gäste ihren Schnee bekommen

Sowohl am Allgäuer Fellhorn (14,5 Hektar), der Nesselwanger Alpspitzbahn (14,78 Hektar) als auch am Hausberg beim oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen (14 Hektar) liegen die Gebiete wundersamer Weise allesamt knapp unter der EU-Ökonorm. Um die Flächen "klein zu rechnen" (Bund Naturschutz) ziehen die Fellhorner in der jüngsten Planung nur die unmittelbar rund um die Schneekanonen berieselten Quadratmeter heran. In den Karten der offiziellen Planungsunterlagen sind diese Schneefelder als schraffierte Ellipsen ausgewiesen.

Tatsächlich wird der dort meist nächtens aufgehäufte Schnee aus der industriellen Produktion mit Pistenraupen jedoch tagsüber weiträumig verteilt. So ergibt sich am Fellhorn effektiv eine mindestens doppelte so große Kunstschneefläche.

Auch der beim Landratsamt offiziell beantragte Wasserverbrauch bestätigt die Zahlentricks der Betreiber. 75 Millionen Liter will die Fellhornbahn jährlich den frei fließenden Gewässern entnehmen und zusätzlich ein benachbartes Staubecken anzapfen. Mit dieser Wassermenge lassen sich jedoch über die ganze Saison gut 40 Hektar Pisten mit einem halben Meter beschneien - dreimal so viel wie beim zuständigen Landratsamt beantragt.

Seitdem Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) bei einem Ortstermin die Fellhorn-Manager für ihre "Umweltarbeit" gelobt hat, erteilen die untergeordneten Ämter zügig die Baugenehmigungen in den sensiblen Regionen.

Als "friedlichste Kanonen der Welt" begrüßte auch Ex-Finanzstaatssekretär Alfons Zeller den Antragsboom für die computergesteuerte Hightech. Im Kampf um die zahlenden Gäste gilt das holprige Motto des Tiroler Tourismusverbandes: "Nur mit Kanonen gibt's Winterwonne." Trotz der jährlichen Lawinen- und Hochwasserkatastrophen, die durch Abholzung von Bergwäldern begünstigt werden, dreht sich die "alpine Erschließungsspirale" (Internationale Alpenschutzkonvention) weiter:

Im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen wird die Drehmöser-, die Kandahar- und die Olympiaabfahrt mit Kunstschnee aufgerüstet. Für den Bau eines Wasserbassins will die Zugspitzbahn AG einen wichtigen Schutzwald auf 1,5 Hektar eingeschlagen. "Ein Speicherteich sei keine Freizeiteinrichtung im Sinne des Bergwaldbeschlusses", teilte das zuständige Landesministerium den Umweltverbänden mit.

Auf der Wilden Krimml beim Tiroler Skigebiets Zell am Ziller in Österreich wurde eine drei Kilometer lange Lift- und Skitrasse geschlagen. Die bislang naturnahe Hochalm bekam einen neuen Namen: "Zillertal Arena", inklusive eines "Unterflurbahnhofs" und "Schnellrestaurants" auf 2000 Meter Höhe.

Über den schweizerischen Aletschgletscher im Wallis soll eine neue Seilbahn die Skigebiete Riederalp und Belap verbinden. Die benachbarten Skigebiete bei Gstaad werden unter dem Namen "Glacier 3000" zusammengeschlossen. Und auch der bisher unerschlossene Dreitausender "Wildstrubel" soll jetzt verdrahtet werden.

Eine Verschärfung der von sieben Alpenanrainer-Staaten seit 1995 vereinbarten Schutz-Konventionen fordert BN-Landesbeauftragte Hubert Weiger. Bundesumweltminister Jürgen Trittin solle sich für einen Erschließungstopp, das vollständige Verbot von Schneekanonen sowie den Verzicht von biologischen oder chemischen Zusätzen bei der Pistenpräparierung einsetzen.

"Das ist nur europäisch zu lösen", dämpft Trittin-Sprecher Michael Schroeren die Erwartungen. Während in den deutschen Alpen erst rund fünf Prozent der Pisten künstlich beschneit werden können sind es in Österreich ein Fünftel und in Italien bereits über ein Drittel aller Abfahrten. Auch wenn ein Hektar Kunstschneeauflage mit 30.000 Mark teuer kommt, noch teurer kommen leere Pensionsbetten. "Der Gast will den Schnee, also bekommt er ihn", sagt Bürgermeister Horst Wendling in Kitzbühel, "notfalls mit Kühltürmen im Hang."

Die dürfte der 763 Metern hoch gelegene Ort möglicherweise schon bald gebrauchen. Nach einer Studie des Instituts für Bodenkultur in Wien wird der "globale Klimawandel" in den nächsten Jahrzehnten den "natürlichen" Skilauf "unterhalb von 1500 Metern" ruinieren.

Die Vorhersagen der Klimaforscher lassen den Berliner Skiverband kalt. Die 400 Meter lange Traditionspiste auf dem 115 Meter über Normal liegenden Teufelsberg im Landschaftsschutzgebiet Grunewald soll zu nächsten Saison alpin aufgerüstet werden mit Flutlichtanlage und Schneekanonen.