Australien: Coney Island von Melbourne - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Australien Coney Island von Melbourne

Melbourne besinnt sich auf seine Lage am Wasser. In den Docklands wird ein neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft, und das alte Amüsierviertel St. Kilda am Meer entwickelt frischen Charme.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Melbourne - Sanft tauchen die Ruderblätter ins schmutzig braune Wasser des Yarra-Flusses ein, kräftig drückt sich der junge Mann auf dem Rollbrett nach hinten. Er steuert auf Melbournes neueste Attraktion zu, die 290 Meter hohen Eureka Towers. Der Ruderer ist im Zentrum von Australiens zweitgrößter Stadt angekommen, doch er schaut sich kaum um. Er weiß: Viel Gegenverkehr muss er hier nicht fürchten.

Größere Boote sind kaum unterwegs, denn fast alle Brücken sind flach über den Yarra gebaut. Über sie hetzen Geschäftsleute und schlendern Touristen, ohne den Fluss groß zu beachten. Melbourne, eine Stadt am Wasser? Manchmal scheint es, als hätten hier alle dem nassen Element den Rücken zugekehrt. Doch dieser Schein trügt, wie Besucher bald merken, wenn sie Melbourne von der Wasserseite aus kennenlernen.

Klar, Melbourne hat nicht so einen spektakulären Naturhafen wie Sydney mit seinem Opernhaus am Wasser. Aber immerhin: Die Stadt liegt nicht nur am Yarra-Fluss, sondern auch an dessen Mündung ins Meer. Die Wellen der Port Phillip Bay - einer großen Bucht, die den Zugang zum Ozean bildet - schwappen an die Strände der südlich gelegenen Stadtteile und Vororte wie St. Kilda, Brighton und Sandringham.

"Vielen Menschen ist diese Nähe zum Wasser allerdings lange Zeit gar nicht so bewusst gewesen", erinnert sich Murray Johnson, der Radtouren durch Melbourne veranstaltet. "Die Leute sind mit ihrem Auto zwischen Wohnung und Job gependelt, ohne die Wellen überhaupt zu Gesicht zu bekommen." Mittlerweile ändere sich das aber wieder, "weil viele Melbourner merken, dass es sie nur wenig Zeit und wenig Geld kostet, mit der Straßenbahn direkt ans Meer zu fahren".

Szeniges Stadtleben

Davon profitiert nicht zuletzt der Szene-Stadtteil St. Kilda. Vor rund 100 Jahren war das Amüsierviertel schon einmal extrem "in": 1912 wurde der noch heute betriebene Lunapark gebaut; Vorbild war der Vergnügungspark auf Coney Island in New York. In den siebziger und achtziger Jahren verlor St. Kilda etwas an Aufmerksamkeit - doch das ist nun vorbei.

Auf der Promenade liefern sich Radler, Jogger und Inline-Skater ihre Wettrennen, viele Mütter sind mit Kinderwagen unterwegs. Am Strand fläzen sich manche Sonnenanbeter stundenlang, andere legen sich in der Mittagspause nur für 30 Minuten in den Sand. An der Fitzroy Street bemühen sich die vielen Cafés und Restaurants um Lunch-Gäste: Ein Lokal liegt neben dem anderen, der Wettbewerb ist hart. In vielen Gaststätten gibt es Mittagsangebote wie "Eine kleine Pizza und ein Glas Wein oder Cola" für umgerechnet 6,60 Euro.

Treffpunkt für viele ist der Pier, der einen schönen Blick hinüber zu den Wolkenkratzern des landeinwärts gelegenen Geschäftsbezirkes bietet. Ein Besuch lohnt vor allem vor Sonnenuntergang, wenn die Angler da sind und oft Griechisch zu hören ist - viele Einwanderer aus Hellas kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Melbourne. Manche der alten Männer mit den Furchen im Gesicht und Baseballmützen auf den Köpfen schweigen vor sich hin, andere hingegen übersehen vor lauter Schwätzen manchmal, dass es an ihrer Schnur gerade zappelt.

St. Kilda ist per Fahrrad gut zu erreichen. So rollt der Tourist nach dem Flanieren in St. Kilda auf zwei Rädern zurück in Richtung City, zum Beispiel entlang der Port Phillip Bay in Richtung Hafen, wo die Fähren nach Tasmanien ablegen. Anschließend geht es an den Königlich Botanischen Gärten vorbei wieder zum Yarra-Fluss, auf dessen Fluten auch jetzt ein paar Ruderer unterwegs sind. An beiden Ufern stehen in einigen Abständen mit Gas betriebene Grillstationen, an denen jeder kostenlos sein mitgebrachtes Fleisch brutzeln kann - Barbecue ist schließlich die große Leidenschaft der "Aussies".

Wunderwelt Aquarium

Weiter flussabwärts haben Besucher erneut eine Chance, die Stadt als Metropole am Meer zu erleben: im Melbourne Aquarium. Im Unterwasserzoo wird gerade die Fläche verdoppelt, bis zum Frühling 2008 soll eine Antarktis-Schau mit Pinguinen und südpolaren Meerestieren fertiggestellt sein. Schon jetzt zieht das Aquarium etwa 750.000 Besucher pro Jahr an.

Auf Höhe des Aquariums ist die Yarra-Mündung ist nicht mehr weit, auch die alten Hafenquartiere in den Docklands sind schon beinahe in Sicht. Dort entsteht derzeit auf einer Fläche von 200 Hektar ein ganz neues Stadtviertel mit Hotels, Geschäften, Restaurants und Apartments. Die moderne Architektur in Quartieren wie New Quay und Waterfront City tritt hier in einen harten Gegensatz zu den fast 100 Jahre alten Lagerschuppen 9 und 14, die unter Denkmalschutz stehen und gastronomisch sowie für Kulturveranstaltungen genutzt werden.

Von den Docklands weiter in Richtung Meer fahren die Ausflugsboote, die Williamstown am Westufer der Port Phillip Bay zum Ziel haben. Der Ort liegt so nahe an der Großstadt und verbreitet doch ein typisches Kleinstadtflair. In der Nachbarschaft des Fährterminals in Port Melbourne sind außerdem Apartmentblocks in die Höhe geschossen. "Diese Gegend ist zum Wohnen zuletzt immer beliebter geworden", sagt Rad-Reiseleiter Murray Johnson. Melbourne sucht also auch hier wieder stärker die Nähe zum Wasser.

Von Christian Röwekamp, dpa