Barcelona: Riberas zweite Blütezeit - DER SPIEGEL
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Barcelona Riberas zweite Blütezeit

Es muss nicht Winter werden, um dieses Viertel Barcelonas zu entdecken. Aber bei tristem Wetter entfalten die mittelalterlichen Gassen in Ribera mit ihren vielen Cafés und Ateliers einen ganz besonderen Reiz.
Von Marion Schmidt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Antoni Gaudí war auch schon da. Während seines Architekturstudiums wohnte er vor mehr als hundert Jahren an der Placeta de Montcada, mitten im mittelalterlichen Gassengewirr von Ribera. Doch er blieb nicht lang und hinterließ im Viertel keine Spuren. Er entwarf seine Modernisme-Bauten lieber für das neureiche Bürgertum oben im aufstrebenden Eixample. Wahrscheinlich zog Gaudi als Student nach Ribera, weil die Mieten so niedrig waren. Denn das Viertel galt wegen seiner Nähe zum Hafen lange als arm und heruntergekommen.

Keine verschwenderischen Jugendstilfassaden prägen hier das Straßenbild, die Straßen sind eng, die Häuser schmal. Einige sind mehrere hundert Jahre alt. Quer durch das Viertel zieht sich Barcelonas berühmteste mittelalterliche Straße, die enge, düstere Carrer de Montcada, an der sich im 14. Jahrhundert Adelsfamilien und Handelsherren prächtige Paläste bauen ließen, von denen viele noch gut erhalten sind. Das war Riberas erste Blütezeit, die zweite folgt gerade.

In den letzten Jahren eröffneten hier viele Kunsthandwerker ihre Werkstätten und Ateliers. Restaurants, Cafés und Boutiquen zogen nach. Gaudí würde sich wundern: Ribera entwickelt sich zum Trendquartier. Ein Bummel durch das Viertel ist ein Wandeln zwischen den Zeiten, ein Wechselbad zwischen Mittelalter und Moderne. In Ribera stoßen, wie in wohl keinem anderen Viertel der Stadt, zwei Epochen aufeinander, die gegensätzlicher kaum sein können. Und genau das macht den Reiz dieses Quartiers aus - auch, oder vielleicht gerade, jetzt im Winter.

Denn auch wenn sich tagsüber Reisegruppen durch die Carrer de Montcada zum Picasso-Museum drängen, das dort in fünf Palästen untergebracht ist - Ribera ist zu eigenwillig, zu ungefällig, als dass es als Durchlaufstation für Touristen taugen würde. Anders als im gegenüberliegenden Barri Gòtic, wo sich mittlerweile unzählige Souvenirshops aneinander reihen, hat sich Ribera seinen authentischen Charakter als Wohn- und Geschäftsviertel bewahrt. Hier leben und arbeiten Menschen, das sieht man, wenn man durch die engen Gassen läuft, durch Torbögen in begrünte Innenhöfe schaut, durch Schaufenster in Werkstätten und Läden, in denen Menschen weben, hämmern, nähen, oder den Blick an den pittoresken Fassaden hoch gleiten lässt zu den typischen Holzläden und kleinen Balkonen, an denen sich Wäsche aufreiht. Prächtig ist das Viertel immer noch nicht, aber es wird schicker.

Imposanter Mittelpunkt des Viertels ist die Kirche Santa Maria del Mar, die älteste gotische Kirche in Barcelona, für viele Besucher auch die schönste. Zu Recht. Das Gotteshaus, im 14. Jahrhundert erbaut in reinster katalanischer Gotik, besticht durch eine wunderbare Schlichtheit. Der schnörkellose Kirchenraum beeindruckt vor allem durch die kantigen Säulen aus schwerem Stein, die sich in Bändern nach oben fein auffächern und so die Illusion unendlicher Höhe vermitteln. Ein Ort von fast meditativer Ruhe im sonst eher geschäftigen Viertel.

Rund um die Kirche, in den engen Gassen, fanden eine Reihe ungewöhnlicher und witziger Läden ihren Platz. Zum Beispiel das "Xocao" in der winzigen Carrer d'En Bot, ein Paradies für Naschkatzen, denn hier gibt es nur Schokolade, davon allerdings reichlich: Etwa zwei Dutzend verschiedene Sorten reihen sich an der Wand entlang, mit Orange oder Thymian, mit Puffreis oder einem gigantisch hohem Kakaoanteil von 90 Prozent. Sogar Schoko-Bier gibt es. Alles verpackt in schön-schrägem Retro-Design.

Im Viertel haben sich zudem in den letzten Jahren einige der kreativsten Köche der Stadt niedergelassen. So etwa der junge katalanische Sterne-Koch Xavier Pellicer, der im "Abac" in der Carrer del Rec wunderbare Ravioli mit Kaninchen und Tintenfisch in eigener Tinte auftischt. Oder das "Hofmann" in der Carrer de l'Argenteria, eine kulinarische Institution mit angeschlossener Kochschule. Bodenständiger, aber nicht weniger schmackhaft geht es in der baskischen Tapas-Bar "Sagardi" am Placa Santa Maria zu, gleich gegenüber der Kirche. Hier sorgt das junge Küchenteam dafür, dass die Variationen von Tapas nie ausgehen, auch wenn man denkt, jetzt geht gar nichts mehr.

"Dann isst man einfach nur noch die Auflage und lässt das Brot liegen", erklärt Josep Ramia am Tresen seine Taktik, möglichst viele Zahnstocher zu sammeln, mit denen die speziell baskischen Tapas auf Baguettescheiben gehalten werden. Er empfiehlt die Bar vor allem wegen der frischen Vielfalt der kleinen Häppchen und sagt klar: "Unter zehn Zahnstochern auf dem Teller sollte man nicht gehen." Und wenn dann aber vielleicht noch zum Passeig del Born, wo sich seit Mitte der neunziger Jahre eine lebhafte Barszene entwickelt hat. Im cool gestylten "Sandwich & Friends" etwa werden tagsüber leckere Sandwiches und Kuchen serviert, abends schlürfen designbewusste Szenegänger Cocktails vor überdimensionalen Seventies-Cartoons an den Wänden.

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