Belfast Städteschick in Glas und Backstein
Belfast - Seit es um den Nordirlandkonflikt ruhiger geworden ist, erkunden immer mehr Touristen die nordirische Hauptstadt Belfast. Dabei bietet sich ihnen ein widersprüchliches Bild: Neue wirtschaftliche und städtebauliche Anstrengungen sind ebenso erkennbar wie die tiefen Spuren, die der Konflikt in den Alltag und in das Bewusstsein der Menschen eingegraben hat.
Neuer Glanz am Fluss: Vom Wasser aus betrachtet, sind Belfasts jüngste städtebauliche Anstrengungen besonders gut zu erkennen
Foto: GMSWer sich der nordirischen Hauptstadt vom Wasser aus nähert, der staunt: Nach den bekannten Medienbildern - ärmliche Straßenzüge und Mauern, übersät mit Symbolen der jeweiligen Religionszugehörigkeit - sucht man vergebens. In Belfasts Osten, wo sich der Fluss Lagan einen Weg in die Irische See bahnt, erblickt der Betrachter vielmehr städtebaulichen Schick mit viel grünem Glas und tiefroten Back- und hellen Sandsteingebäuden.
Zahlreiche Neubauten säumen den Fluss, an dem einstmals das größte Passagierschiff der Welt zu Wasser gelassen wurde: die "Titanic". Ihr Untergang hinterließ auch in Belfast seine Spuren. Lange Jahre war das Wort "Titanic" in der Stadt tabu. Zwar boomte die Schiffsindustrie während der beiden Weltkriege wieder, aber schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ging es mit den Schwerindustrien bergab. Von Beginn der siebziger Jahre an beschleunigt dann der Nordirlandkonflikt die Talfahrt.
"Sie war in Ordnung, als sie Belfast verließ"
Erst jetzt wagen die Menschen den Neuanfang. Seit dem von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) angekündigten Waffenstillstand von 1994, vor allem aber seit dem Friedensabkommen von 1998 entwickeln viele Nordiren ein anderes Selbstverständnis. Die Belfaster verstecken ihre Vergangenheit nicht länger, sondern entdecken auch die Stärken der Stadt wieder. Bestes Beispiel sind "Titanic"-T-Shirts mit dem Aufdruck: "Sie war in Ordnung, als sie Belfast verließ."
Der gesunkene Luxusliner spielt noch immer eine große Rolle in Belfasts Zukunftsplänen. Die Stadt investiert in ein "Titanic"-Museumsprojekt auf der Fläche der ehemaligen Werften. In der Nachbarschaft entstehen neue Büro- und Forschungsräume, in denen an die Tradition des Ingenieurwesens angeknüpft werden soll. Noch verlangt es allerdings viel Phantasie, sich beim Anblick der zumeist öden Gegend die Visionen der Stadtplaner bildlich vorzustellen.
Die Innenstadt hingegen hat die erste Bau- und Sanierungswelle bereits hinter sich. Doch wenn Stadtführer eigens auf Gebäude von Supermarktketten aufmerksam machen, wird klar, dass der neue Alltag keine Selbstverständlichkeit ist: "Noch vor wenigen Jahren war das Stadtzentrum so gut wie abgeriegelt. Die wenigsten Läden hatten eine Filiale bei uns", sagt Stadtführer Ken McElroy. Handtaschen und Tüten wurden nach Sprengstoff durchsucht, bevor die Belfaster die größeren Innenstadtgeschäfte betreten durften.
Die örtliche Tourismusbehörde hat es aufgegeben, von diesem Teil der Belfaster Vergangenheit abzulenken. Während es anfänglich Bestrebungen gab, Touristen um die Orte herumzuschleusen, an denen der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken besonders ausgeprägt war, gehören Besichtigungstouren in die einschlägigen Viertel inzwischen zum gängigen Programm. Die katholische Falls Road, in der die irische Trikolore von den Laternenmasten weht, zählt genauso dazu wie die protestantische Shankill Road, in der die Bewohner schon mal ein Bild der Queen ins Fenster stellen oder die Kantsteine in den britischen Farben bemalen.
"Sie werden den Kampf niemals aufgeben"
Dass die langjährige Auseinandersetzung zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen auch die Besucher berührt, zeigt sich an der so genannten Peace Wall, der Friedensmauer, die Katholiken von Protestanten trennt. Am Cupar Way haben Ortsfremde begonnen, ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen für Nordirland an die Wand zu schreiben. "Ich hoffe, dass die Mauer weg ist, wenn ich das nächste Mal komme", schreibt ein Mann aus Australien. Andere halten es mit kürzeren Ratschlägen: "Make love not war".
Die große Anteilnahme am Schicksal der Menschen inspirierte Marian Dalton vor wenigen Monaten dazu, die "Belfast Safaris" für Touristen ins Leben zu rufen: Die Safaris bieten den Besuchern die Möglichkeit, Gespräche mit verschiedenen Persönlichkeiten der Stadt zu führen - oder sich von ihnen ihr Viertel zeigen zu lassen.
Da ist zum Beispiel Philipp McTaggart, der in einer der ärmsten Gegenden der Stadt, Ardoyne, Jugendarbeit macht. Der Katholik ist überzeugt davon, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bevor Nordirland mit Irland verschmilzt: "Wir sind bald in der Überzahl", sagt er über die Katholiken. John Campbell, lokaler Poet und ehemaliger Dockarbeiter aus einem protestantischen Viertel, vertritt die gegenteilige Meinung: "Die jungen Leute, die ich hier auf der Straße beobachte, werden den Kampf niemals aufgeben", sagt er.
Für den Touristen ist es nicht unbedingt einfach, solche eher deprimierenden Einschätzungen in Einklang zu bringen mit den noch frischen Bildern von der neuen Normalität im Zentrum der Stadt und dem aufstrebenden Hafenviertel. Doch diese Spannung muss ausgehalten werden. Und letztlich liegt in den Gegensätzlichkeiten auch der Reiz eines Belfast-Besuches.
Von Katharina Strobel, gms