Benimmtipps von der Stadt Berlin will Touristen erziehen
Berlin und seine Touristen: Solange die Besucher leise fotografieren, ist die Welt der Hauptstädter in Ordnung
Foto: Adam Berry/ Getty ImagesBerlin - In Barcelona war eine Shoppingtour von FKK-Anhängern der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seit Mitte August protestieren Hunderte Einwohner gegen die Auswirkungen des Massentourismus. Mallorca wehrt sich gegen pöbelnde Partyhorden mit einem Verbot des Eimersaufens am Ballermann.
Und Berlin? Die Stadt versucht, mit einer Broschüre für 1,50 Euro, die in Tourist-Infos abgeholt werden kann, die Gemüter der Berliner zu beruhigen. Mit Hauptstadt-Humor: "In Berlin ist alles erlaubt, was nicht verboten ist", heißt es in dem Heftchen über die zwölf Bezirke ("Kiez erleben"). Dann folgen fünf Benimmtipps.
Der Verband Visit Berlin reagiert damit auf wiederholte Beschwerden aus Bezirken, die einen Ansturm von Touristen erleben. Die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), klagte im "Tagesspiegel" über laute Rollkoffer und forderte für die vielen Party-Touristen einen Verhaltenskodex.
Die Benimmtipps gab es laut Visit Berlin aber bereits vor dem vieldiskutierten Interview. Sie wurden nur groß vermarktet. Verbandsgeschäftsführer Burkhard Kieker erklärt, die "freundlichen Hinweise" sollen die Besucher dafür sensibilisieren, "dass dort, wo sie feiern wollen, Berliner leben".
Die Broschüre nimmt in einer Einführung erst einmal Anlauf, um die Touristen bei der Stange zu halten: "Berlin ist die Stadt der Freiheit. Im Grunde dürfen Sie bei uns machen, was Sie wollen. Wir haben die in Berlin erlaubten Dinge einmal zusammengezählt: Insgesamt sind es 12.498.301 Sachen, die Sie bei uns tun können. Vom Tangotanzen im Bikini auf dem Kudamm bis zum Schiller-Rezitieren um 3 Uhr nachts in der Kuno-Fischer-Straße."
Dann geht es weiter: "Jede einzelne Erlaubnis hier abzudrucken, würde allerdings enorm viel Platz kosten. Deshalb listen wir einfach die Dinge auf, die Sie bei uns zwar machen können - von denen wir aber hoffen, dass Sie sie aus Rücksicht auf die Berlinerinnen und Berliner und zu Ihrer eigenen Sicherheit nicht tun."
Dann folgen die fünf Tipps:
- "Verteilen Sie Ihren Müll
...bitte nicht in der ganzen Stadt. Sie wollen ja auch lieber ein sauberes Berlin besuchen. Und Mülleimer - auch für Zigarettenkippen - gibt es bei uns mehr als genug.
- Abends richtig laut sein
....geht natürlich nicht. Denn irgendwann wollen die BerlinerInnen auch mal schlafen - schließlich müssen die allermeisten am nächsten Tag zur Arbeit. Deshalb die Bitte: nach 22 Uhr Rücksicht auf die Anwohner nehmen und leise sein.
- Alkohol darf man überall trinken
...wo es gestattet ist. In öffentlichen Verkehrsmitteln darf man zum Beispiel keinen Alkohol trinken. Für Jugendliche gilt: Bier ist ab 16 erlaubt, harter Alkohol erst ab 18.
- Diebe sieht man in Berlin nie
....Sie sind nämlich leider ziemlich geschickt. Passen Sie deshalb bitte gut auf Ihre Wertgegenstände auf und achten Sie besonders auf Ihre Taschen. Und noch ein Hinweis: Hütchenspieler sind grundsätzlich Betrüger - lassen Sie sich also niemals auf ein Spiel ein.
- Werden Sie ruhig direkt
...aber auf die Berliner Art: klare Ansage machen, aber nie böse meinen und das Herz immer am rechten Fleck haben. Das ist die berühmte 'Berliner Schnauze'."
Die Tipps enden also bei der Berliner Schnauze. Das wirft die Frage auf: Wird es nun auch einen Verhaltenskodex für die Einwohner geben? Nein, sagt der Sprecher des Tourismusverbands, Björn Lisker. "Die Berliner müssen so bleiben wie sie sind." Ob die Touristen allerdings solche Broschüren lesen? Die bleiben wohl auch lieber, wie sie sind.