Berlin-Touren Sightseeing mit Rennpappe
Städtereisen sind in, und Fahrradfahren ebenfalls. Viele Touristen begnügen sich aber nicht mehr nur mit einem normalen Rad, sondern wollen das Reiseerlebnis mit einem ungewöhnlichen Fortbewegungsmittel kombinieren. Einige Gründer haben diese Marktlücke für sich entdeckt SPIEGEL ONLINE stellt sie vor.
Volle Bodenhaftung bei 85 km/h
Gokarts auf öffentlichen Straßen? Aber logo. Eine junge Firma namens Kart4You macht es möglich. Der Trick: "Wir haben die Lizenz nicht in Deutschland beantragt, sondern bei der EU. Und europäisches Recht steht über dem deutschen Verkehrsrecht", erzählt Firmengründer Seyit Erdogan. Laut EU-Verordnung von 2002 sind "leichte vierrädrige Kraftfahrzeuge bis zu 350 Kilogramm Gewicht" erlaubt. Vorgeschrieben ist lediglich das Tragen eines Sturzhelmes oder eines Gurtes weswegen man viele unbehelmte Fahrer und Fahrerinnen auf den Straßen sieht, die mächtig Spaß an der Sache haben.
In der Mietstation am Berliner Hauptbahnhof stehen die Flitzer. Sie kosten 49 Euro für drei Stunden und sind oft ausgebucht. Touristen finden es spaßig, mit den in Taiwan produzierten Gefährten durch die Straßen der Hauptstadt zu brettern. Die Handhabung von Bremse, Gaspedal und Gangschaltung ist schnell erklärt, nötig ist ein Führerschein Klasse 3. Schalten muss man nicht, die Karts verfügen über eine Automatik.
Die kleinen Fahrzeuge sind handliche zwei Meter lang und 1,12 Meter breit. Der knatternde Motor mit neun PS hört sich wie ein leiserer Formel-1-Bolide an, und immerhin schaffen die Karts 85 km/h. Sogar Fahrten auf der Autobahn wären rechtlich abgesichert, doch Kart4You verbietet es seinen Kunden. Zwischen Porsche und großen Lkw wäre das in dem kleinen Flitzer wohl doch etwas zu riskant. Auf dem Fahrersitz sitzt man nur wenige Zentimeter über dem Asphalt - ohne Federung, was selbst für Sportwagenfahrer gewöhnungsbedürftig ist. Ein bisschen Übung verlangt die Lenkung: Wie bei einem Formel-1-Wagen hat sie nämlich kein Spiel, so dass jede millimeterkleine Lenkbewegung auf die Fahrspur übertragen wird. In Zeiten steigender Benzinpreise fährt man einigermaßen sparsam: Drei Liter Superbenzin verbraucht der Kart auf 100 Kilometer.
Der ADAC hält die kleinen Flitzer allerdings für "eine Katastrophe". "Es gibt keine Knautschzone, der Kart-Lenker ist durch seine tiefe Lage extrem gefährdet", sagt ADAC-Sprecher Michael Pfalzgraf. Außerdem seien die niedrigen Karts von einem Lkw aus kaum zu sehen, moniert der ADAC-Mann.
Doch das scheint die Kunden wenig zu stören, die Nachfrage hält an. Nach München und Berlin wurden jetzt Kart-Vermietstationen mit insgesamt 80 Karts in 26 Städten eröffnet weitere Standorte sind in Planung.
Kart4You GmbH, Neumarkter Str. 77, 81671 München. Telefon: 0800 7507510.
Trabi-Safari durch den Großstadtdschungel
Auf der Welle der Ost-Nostalgie reitet Rico Heinzig, der die "Trabi Safari" in Originalfahrzeugen organisiert. In der Stadtmitte von Dresden und Berlin stehen rund 60 "Rennpappen" täglich zwischen 10 und 18 Uhr zur Ausfahrt bereit. Wie es sich für des Deutschen liebstes Kind gehört, hört jeder auf einen eigenen Namen. "Horst", "Erich", "Lotti" oder "Bärbel" heißen einige der zur Auswahl stehenden Modelle, die in den Original-Farben Panamagrün, Papyrusweiß, Delfingrau und Gletscherblau daherkommen oder als nicht ganz originalgetreues leuchtend rotes Trabant-Cabrio.
Trabi-erprobte frühere DDR-Bürger können, sofern sie einen gültigen Führerschein besitzen, gleich am Steuer Platz nehmen und losfahren, alle anderen bekommen einen Schnellkurs im Trabifahren. Insbesondere die Viergangschaltung hinter dem Lenkrad (genannt "Pistole"), der Blinkerhebel mit dem Umfang einer Stecknadel, die relativ schwergängigen Bremsen und der Start mit dem Choke stellen auch geübte Fahrer vor Probleme. Einmal in Fahrt, ist man schnell vom Trabi-Virus angesteckt, zumal sich das kleine 26-PS-Gefährt im dichten Straßendschungel der Hauptstadt als wendig und beschleunigungsstark erweist.
In jeder Stadt hat Heinzig spezielle Touren ausgearbeitet. Die Route Wild East, "für Insider, die Berlin einmal abseits der touristischen Pfade erkunden wollen", so die Werbung, führt entlang der East Side Gallery, dem längsten noch erhaltenen Mauerstück, weiter über die Karl-Marx-Allee mit ihrer imposanten sozialistischen Architektur, und zurück zum Gendarmenmarkt.
Während der Fahrt gibt es Erklärungen vom Reiseführer im letzten Wagen der Kolonne, die über das Autoradio von jedem mitgehört werden können. Die Tour dauert eine Stunde und kostet 30 Euro pro Person, wenn der Trabi vollbesetzt ist. Im Preis inbegriffen ist ein "Trabi-Führerschein mit Erinnerungsfoto", den jeder Fahrer nach Ende der Tour erhält.
ERHA-tours GmbH, Maxstr. 5, 01067 Dresden. Tel. 0351 89900110.
Cruisen wie in Kalifornien
Beach Cruiser, die neuen Fahrräder aus Kalifornien, sind mit ihren dicken Reifen und dem breiten Sattel für bequemes Fahrradfahren in ebenen Regionen ideal. Rund 350 solcher Räder hat die Berliner Geschäftsfrau Susann Anna (27) für ihren Verleih in Berlin gekauft. "Die Räder haben Rücktritt, drei Gänge und einen tiefen Einstieg und sind somit auch für ungeübte Radfahrer gut geeignet", sagt Anna.
Auch Straßenbahngleise, für Radfahrer sonst ein rotes Tuch, sind mit diesen Reifen bequem zu überfahren. Vielleicht sind die Räder etwas schwergängiger als ein Rennrad, doch für Stadterkundungsfahrten ist ein langsameres Tempo sowieso angebracht. An sonnigen Tagen kommt es oft vor, dass die meisten Räder ausgeliehen sind. Bei Regenwetter ist der Bedarf wie nicht anders zu erwarten eher spärlich.
Doch auch dann gibt es genug Arbeit für das Team des Radverleihs die Räder müssen kontinuierlich gewartet und repariert werden. Stadtpläne, Helme und Schlösser erhält jeder Kunde kostenlos dazu. Eine Tagesmiete kostet 12 Euro, eine Halbtagesmiete sieben Euro und jede zusätzliche Stunde zwei Euro.
Kunden honorieren auch die witzigen zusätzlichen Serviceleistungen, die der Verleih anbietet, etwa den Wäscheservice: Verschmutzte Wäsche kann bei Abholung des Rades abgegeben werden, und bei der Rückgabe erhält der Kunde die Maschinenladung gegen eine Gebühr von sechs Euro sauber zurück.
Fat Tire Bike Tours, Panoramastr. 1a, 10178 Berlin, Tel. 030 24047991.
Klassisch Knattern mit der Vespa
Mit einem klassischen italienischem Motorroller der Marke Vespa allein oder zu zweit durch die Stadt rollern, ist der Traum vieler Zweiradfahrer. Der Italiener Antonio Caponetto kommt diesen Wünschen nach, im Berliner Stadtteil Kreuzberg befindet sich seine Verleihstation. Roller bis 50 Kubikmeter dürfen Mieter mit einem normalen Autoführerschein fahren. Wenn der Führerschein vor 1980 ausgestellt wurde, dürfen sie sogar Roller bis 125 Kubikmeter fahren. Eine Tagesmiete für einen Roller beträgt 24 Euro, ein ganzes Wochenende kostet 50 Euro.
Die überwiegende Zahl der Roller ist neueren Baujahrs, weil diese Modelle wesentlich einfacher zu handhaben sind als die Oldies. Sie verfügen über Automatikgetriebe, so dass das gewöhnungsbedürftige Kuppeln entfällt.
Carlo Vespa Rent, Bergmannstr. 91, 10961 Berlin, Tel. 0178 1401870.
Tuckern wie in Holland
In den Niederlanden kennt sie jeder Sloepen (Slupen ausgesprochen), die kleinen Boote, mit denen die Fahrgäste auf den zahlreichen Kanälen schnell und unkompliziert von A nach B gelangen. "In Hamburg sind die Boote bekannt als Tuckerboote", erzählt Annette Haag, die in Berlin eine Marktlücke erkannt hat und die Sloepen vermietet.
Mit dem geringen Tiefgang kommt man überall hin, und dank der niedrigen Bauform unterquert man mühelos jede Brücke. Der eingebaute Dieselmotor ist so leise, dass er Gespräche kaum stört, im Gegensatz zu Booten mit Außenbordmotor, die andere Bootsverleihe im Sortiment haben. Dazu sind Sloepen äußerst sparsam pro Stunde verbraucht der Motor nur ein bis zwei Liter Diesel.
Während Kleinboote mit weniger als fünf PS keine Genehmigung haben, durch die Berliner Innenstadt zu fahren, fallen Sloepen nicht unter diese Regelung, weil sie mehr als fünf PS haben. Die kleinste Sloep ist die Antaris 520, die maximal acht Personen Platz bietet und auch ideal für einen Ausflug an einen der vielen Seen am Rande Berlins ist. So können Badebuchten angefahren werden, die über Uferwege kaum erreichbar sind.
Ein Bootsführerschein ist für alle Sloepen allerdings notwendig. Wenn die Gäste ihn nicht besitzen, stellt der Verleih einen Skipper zur Verfügung. Die Anschaffung der Boote ist teuer zwischen 25.000 Euro und 50.000 Euro kostet ein neues Sloep. Die Miete beträgt an einem Werktag 200 Euro, mit Skipper 430 Euro, ein Wochenende kostet 350 Euro. Weil Fahrten bei Regen nicht viel Spaß machen, gibt es eine Stornomöglichkeit: Bei schlechtem Wetter kann das Boot am Vorabend kostenfrei storniert werden. Als Kaution werden 250 Euro verlangt, pro Betriebsstunde kommt ein Kraftstoffpauschale von drei Euro hinzu.
Anna Blume Bootcharter, Görlitzer Ufer 1, 10997 Berlin. Tel. 030 99272988.
Sieben Passagiere und ein Fahrrad
Das wohl ungewöhnlichste Fahrrad der Welt wird in Hannover produziert und erregt jedes Mal Aufsehen, wenn es durch die Straßen fährt. Sieben Personen sitzen auf dem Conference Bike kreisförmig um einen Tisch herum und treten in die Pedale. Einer der Fahrer ist der Pilot, der lenkt und bremst, alle anderen sorgen nur durch ihr Strampeln fürs Tempo.
Dabei ist das Fahrrad zum einen ideal für die Kommunikation, die bei diesem Fahrspaß von alleine entsteht, zum anderen können unterschiedlich konditionsstarke Radler zusammen fahren, weil jeder soviel tritt, wie er kann. Dass das Fahrrad umkippt, ist höchst unwahrscheinlich, es kann höchstens sein, dass eine Seite abhebt, wenn Schwergewichte und Vollschlanke nicht gleichmäßig verteilt sitzen.
Die Firma Velo Saliko vermietet das Fahrrad bereits an 41 Standorten in Deutschland, derzeit sind 65 Conference Bikes im Einsatz. Weil der Anschaffungspreis (rund 12.000 Euro) relativ hoch ist, verlangen die Vermieter Tagessätze von rund 200 Euro. Doch nicht nur Touristengruppen haben mit dem Rad ihren Spaß, auch Firmen buchen die Räder für Incentives, und Sozialverbände verwenden sie für Reha-Maßnahmen.
Conference Bike Velo, Saliko GmbH, Davenstedter Str. 60, 30453 Hannover. Tel. 0511 2617070.