Bilbao Startschuss für die Moderne
Es war einmal ein hässliches Entlein, das zum stolzen Schwan wurde. So etwa könnte ein Märchen über Bilbao beginnen. Die größte Stadt des Baskenlands arbeitet seit Mitte der neunziger Jahre an einer Runderneuerung seiner Innenstadt. Das Facelifting ist derart erfolgreich, dass Bilbao vor allem bei Spaniern mittlerweile als Hotspot gilt, als trendige Adresse für Städtetourismus.
Juan Manuel Araluce sitzt bei einem Milchkaffee im Wintergarten des Hotels "Sheraton". Der Direktor des Hauses neigt den Kopf zur Seite und deutet versonnen nach draußen: "Können Sie sich vorstellen, dass noch vor wenigen Jahren direkt vor diesem Fenster Güterwaggons vorbeifuhren?"
Nein. Wenn man die stadtparkähnliche Landschaft rund um das "Sheraton" betrachtet, ist es nahezu unvorstellbar, dass hier früher Metall abtransportiert wurde. Bis Anfang der achtziger Jahre wurde in der Nachbarschaft Stahl gekocht, und Schiffe wurden in riesigen Werften zusammengeschweißt. Dann fielen die Gebäude nach und nach Baggern zum Opfern. Die Bahnstrecke zog sich sogar noch vor sechs Jahren durch das Areal, bis sie abmontiert wurde.
Service für Touristen statt Schiffe und Stahl
An der Stelle des "Sheratons" stand dereinst ein Schiffsbauunternehmen, aber auch der Neubau erinnert an einen Industrieklotz. Zumindest von außen wuchtig und dominierend wirkt es immer noch. Die Rosttöne zitieren die frühere Eisenverhüttung. Doch im Inneren regiert Großzügigkeit: Die Lobby hat die Ausmaße einer Kathedrale geräumig, weitläufig, hoch. Viel Platz also, den die Arbeiter in den Fabriken früher kaum gehabt haben dürften. Als die spanische Regierung in den siebziger Jahren beschloss, die Werften und Eisenhütten zu schließen, kam es zu gewalttätigen Streiks zwischen Arbeitern und Polizei.
"Dienstleistungen für Touristen anzubieten", sagt Juan Manuel Araluce, "das ist noch immer völlig neu für unsere Stadt." Doch es gelingt, die Stadt befindet sich in Aufbruchstimmung. An die Stelle von Schiffen und Stahl ist die Servicebranche getreten.
Vor allem an den Ufern des Flusses Nervión ist das neue Bilbao zu sehen und zu spüren. Zwischen dem Euskalduna, einem Kongresszentrum, in dem früher eine Werft untergebracht war, dem Guggenheim-Museum und der futuristischen Zubizuri-Brücke, die an ein aufgeblähtes Schiffssegel erinnert, spielt sich urbanes Leben ab: Junge Pärchen halten Händchen, stolze Baskinnen führen ihre Hunde aus, Jogger drehen ihre Runden. Nur noch ein rot angemalter Industriekran verweist an vergangene Zeiten. Er wird als Werbefläche für kulturelle Veranstaltungen genutzt.
Der Kran ist damit ein Symbol für das neue Bilbao: Die Industrie hatte die Stadt der Werften nicht nur jahrzehntelang verschandelt, sondern auch reich gemacht. Das Geld wurde unter anderem in den Ausbau der Metrostrecke samt extravaganter U-Bahnhöfe gesteckt. Sie wurden von keinem Geringeren als vom britischen Stararchitekten Sir Norman Foster gestaltet und von den Bewohnern sogleich "fosteritos" getauft.
Boom nach Eröffnung des Guggenheim-Museums
Das puristische Design der Metroeingänge steht in krassem Gegensatz zu der verschlungenen Fassade des Gugggenheim Museums. Der berühmte, skurril anmutende Bau ist ein Magnet für Kunstfreunde aus aller Welt. Die Sammlung für Moderne Kunst löste nach der Eröffnung des Baus 1997 den Bilbao-Boom aus.
Abzulesen etwa am "Miró Hotel". Das Haus gegenüber des Nervión-Ufers wurde von Modeschöpfer Antonio Miró gestaltet und zieht vor allem junge Designfans an. Unweit davon und direkt gegenüber des Guggenheim-Museums steht das "Gran Hotel Domine". Obwohl noch nicht einmal sieben Jahre alt, war es das allererste Designhotel Spaniens überhaupt. Entworfen wurde es vom spanischen Stardesigner Javier Mariscal.
In der Hotellobby empfängt die Besucher eine sogenannte Fossilzeder. Die turmhohe Anhäufung von Kieselsteinen erinnert zwar eher an einen Phallus als an eine Zeder, ist aber in jedem Fall ein Blickfang.
Hotelmanager Javier Campuzano kramt eine lange Liste von Prominenten hervor, die bereits im "Gran Hotel Domine" abstiegen. So schillernd all die Namen der internationalen Stars und Sternchen auch sein mögen, bei Sophia Loren gerät der Spanier ins Schwärmen: "Ich werde sie nie vergessen." Wenigstens konnte die Filmdiva als Patin des Fünf-Sterne-Hotels gewonnen werden. Die Cocktail-Lounge erinnert mit ihren farbenfrohen Sesseln und Sofas im sechziger-Jahre-Stil an jene Zeiten, in denen die Loren ihre größten Auftritte hatte.
Prunkstück des Gran Hotel Domine ist allerdings die Dachterrasse. Wer dort sein Frühstück einnimmt, bekommt das Gefühl, das reflektierende Dach des Guggenheim-Museums mit Händen greifen zu können. Die Morgensonne blendet und glitzert auf der Metallhaut aus Titan.
"Bilbao ist heute eine glückliche Stadt"
Vergessen sind in diesen Momenten die tragischsten Momente der jüngeren Stadtgeschichte, etwa als wenige Tage vor Eröffnung des Museums die baskische Terrororganisation Eta einen Anschlag auf das Gebäude verüben wollte und dabei ein Polizist erschossen wurde.
"Unser Image ist unser großes Handicap", sagt Javier Campuzano. Außerhalb von Spanien würde Bilbao noch immer mit der ETA assoziiert. "Aber Bilbao ist heute eine glückliche Stadt", versichert Campuzano, "wir laufen nicht mit der Waffe in der Hand herum."
Wie in jeder anderen spanischen Großstadt auch nimmt man hier nach Feierabend eher mit einem Weinglas oder einem Tellerchen Tapas vorlieb. Beliebtester Treffpunkt der Bilbaínos, wie sich die Einwohner selbst auf Spanisch nennen (oder auf Baskisch Bilbotarrak), ist die Plaza de Nueva in der Altstadt. Jungs treten gegen Fußbälle, die Älteren tratschen, Krawattenträger lockern ihre Knoten. Und dazwischen tummeln sich die Touristen, die die Plaza de Nueva ebenfalls als ihren Lieblingsort entdeckt haben.
Der rechteckige Platz ist das Mekka für Ausgehfreudige. Unter den würdevollen Arkaden des Platzes reiht sich eine Tapas-Bar an die andere. Pintxos, so heißen die Tapas auf Baskisch, wandern im Sekundentakt über die Theken. Etwa Pantxineta, gefüllte Blätterteigtörtchen. Oder dicke Weißbrotscheiben, die mit Wurst, Fisch oder Gemüse belegt und mit Zahnstochern vor dem Auseinanderfallen bewahrt werden.
Veränderung in schnellen Schritten
Hinter einer der Theken bedient Javier. Er stammt aus Madrid. Bilbao ist seine neue Heimat: "Vor zehn Jahren hätte mich nichts hierher gebracht", sagt der gelernte Fotograf, "doch jetzt bringt mich nichts mehr hier weg." Als er vor acht Jahren eher zufällig ins Baskenland kam, entschied er sich zu bleiben. "Die Basken sind freundliche Menschen", urteilt er, "und die Küche ist einmalig."
Regelmäßig pirscht er durch die Stadt und hält mit seiner Kamera die Veränderungen fest. Leben könne er nicht davon, Aushilfsjobs hielten ihn über Wasser. "Aber wenn ich in 20 Jahren meine Fotos hervorkrame", meint er, "dann werden sie mir aus den Händen gerissen." Weil sich dann niemand mehr vorstellen könne, wie Bilbao einmal ausgesehen hat.